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Musikstadt

Amsterdam

Klassik in den Niederlanden – das meint Amsterdam. Concergebouworkest, Nederlandse Opera und Amsterdam Baroque Orchestra kennt man weltweit.

Wie ein Wasserkopf hat die selbst reichlich von Wasser durchflossene, dabei größte und reichste Stadt des Landes alle tonangebenden Institutionen an sich gezogen. Nur der Rundfunk sitzt mit seinen diversen Klangkörpern, die natürlich oft in Amsterdam gastieren, in Hilversum.
In Amsterdam konzentriert sich das Klassikleben auf fünf Orte: das Concertgebouw am Museumplein, das 2005 eröffnete Muziekgebouw in einem dem Wasser abgerungenen Entwicklungsgebiet nördlich des Hauptbahnhofs, dann Het Muziektheater, eines der schönsten zeitgenössischen Theatergebäude am Waterlooplein mit herrlichem Blick auf die Amstel, ein paar hundert Meter südlich davon das Theater Carré sowie die alte Stadsschouwburg. Überall wird man ein junges, aufgeschlossenes, neugieriges Publikum treffen, das sich wenig um Kleiderordnungen und eingefahrene Rituale schert. Man trinkt gemütlich vorher seinen Koffie oder sein Pilsje und genießt die Vorstellungen, lässt sich aber auch gern überraschen.
Hochkultur hat in den Niederlanden keine so lange Tradition, die Institutionen – selbst das gerade 125 Jahre alt gewordene Concertgebouworkest – sind frisch, neugierig, ächzen niemals unter dem Ballast ihrer Geschichte. Es gibt nicht nur manchmal, sondern immer Standing Ovations, das hat hier Tradition und also gar nichts Besonderes, trotzdem bleibt man bei allem Enthusiasmus immer ein wenig in der Reserve: Man ist eben Niederländer.
Dabei kann man auf manches in Amsterdam sehr stolz sein, das sich teilweise in kurzer Zeit Weltgeltung verschafft hat. Lange freilich gibt es schon das Concertgebouw. Der Neorenaissancebau ist ohne Zweifel eines der bedeutendsten Konzerthäuser der Welt. Es wurde am 11. April 1888 eröffnet und hat zwei Säle: den großen Saal mit 1962 Sitzen und den 2004 restaurierten kleinen Saal mit 437. Der Architekt Adolf Leonard van Gendt, der auf dem Giebel die gern als Signet verwendete Lyra setzte, ließ sich dabei vom Neuen Gewandhaus in Leipzig inspirieren, das freilich 1943/44 zerbombt wurde. In der Innenausstattung sind aber auch Merkmale des Jugendstils zu erkennen, u.a. in den von Victor Horta entworfenen Stühlen.
Das Concertgebouw, das sich innen mit Namen der für Holland bedeutenden, sonst eher übersehenen Komponisten wie Johannes Ockeghem oder Alphons Diepenbrock schmückt, gilt auch wegen seiner sehr guten, nach dem Schuhschachtel-Prinzip modellierten Akustik als wichtigste Spielstätte für klassische Musik in den Niederlanden und – neben der Bostoner Symphony Hall und dem Musikverein in Wien – als eine der klanglich besten weltweit. Als Solist muss man hier freilich wissen, dass es eine Besonderheit gibt: Man tritt nicht durch eine unauffällige Seitentür aufs Podium, sondern von oben über eine ellenlange Treppe. Und das will geübt sein. So mancher Star wollte schon mit Grandezza zu einem letzten Applaus eilen – und dann war auf der Hälfte der Stufen der Beifall schon vorbei ... Mit 750 Konzerten pro Jahr finden hier beinahe täglich Veranstaltungen statt. In den Sommermonaten kommen noch die Robeco Summer Nights hinzu: 84 Konzerte in sommerlicher Atmosphäre, wobei neben Klassik auch andere Genres wie Jazz, Pop und Weltmusik auf dem Programm stehen.
Das Gebäude war übrigens auch namensgebend für das Koninklijk Concertgebouworkest, das unabhängig von der Konzerthausgesellschaft arbeitet. Man mag sich streiten, welchem Klangkörper der – natürlich dubiose – erste Platz in einem Ranking gehört, den Berliner und Wiener Philharmonikern oder eben dem Concertgebouworkest. Tatsache ist: Ende 2008 wurde es von der renommierten englischen Zeitschrift Grammophone zum besten Orchester gekürt. Sein Ton ist warm und entspannt, mit Mariss Jansons hat es gegenwärtig zudem einen Chef, den man sich zwar mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks teilen muss, der aber zu den gesuchtesten der ganzen Branche zählt. Soeben hat man wieder eine opulente CD-Box mit exemplarischen Einspielungen aus den letzten zehn Jahren herausgebracht, der Mahler-Zyklus unter Jansons wurde auf DVD gebannt. Zudem bereitet man als erstes Orchester eine App vor, die zu einem bestimmten Thema Konzerte und Informationen bündelt und etwa vier Mal im Jahr mit neuen Inhalten versehen werde soll.
Ein Juwel ist auch De Nederlandse Opera (DNO), die sich seit 1986 Het Muziektheater (in dem auch das Amsterdamer Rathaus untergebracht ist) mit dem klassisch-modernen Nationale Ballet teilt. Beide Institutionen gehören zu den besten und innovativsten in Europa, obwohl sie jung an Jahren sind. Die DNO wurde erst nach dem Krieg gegründet, seit sie in dem prachtvoll demokratischen, dabei großzügigen Gebäude residiert, ist sie enorm aufgeblüht. Was auch dem renommierten libanesischen Regisseur Pierre Audi zu verdanken ist, der ihr seit 1988 vorsteht. Auch sein deutscher Dramaturg Klaus Bertisch ist fast so lange dabei, und mit Marc Albrecht hat man gegenwärtig nach Hartmut Haenchen und Ingo Metzmacher schon den dritten deutschen Chefdirigenten. Fast jede Produktion, die man mit einem der fünf auswärtigen, der Oper regelmäßig zu Verfügung stehenden Orchester erarbeitet, gerät bemerkenswert, hier weht kein staubiger Traditionsgeruch, man sucht immer wieder nach neuen Namen in der Regie und bei den Vokalisten. Zur Tradition gehören regelmäßige Uraufführungen im Rahmen des Holland Festivals im Juni/Juli, oft auch an außergewöhnlichen Orten wie den ehemaligen Gasometern der Westergasfabriek, aber auch das barocke Repertoire hat hier lange schon eine Heimstadt. Wie auch überhaupt die Barockmusikszene in den Niederlanden sehr lebendig ist, stellvertretend sei nur Ton Koopmans Amsterdam Baroque Orchestra und Choir genannt, mit denen er das gesamte Bach-Kantatenwerk eingespielt hat und gegenwärtig das Oeuvre Dietrich Buxtehudes aufnimmt. Für das Klassikleben der Stadt sind zudem das Radio Filharmonisch Orkest und das aus diesen Musikern gebildete Nederlands Kamerorkest wichtig, die in Hilversum angesiedelt sind, sowie das Nederlands Philharmonisch Orkest.
Im neuen, durch Glas geprägten Muziekgebouw aan ’t IJ mit dem Bimhuis für Jazz residiert auch das seit 2008 als Asko| Schönberg firmierende Neue-Musik-Ensemble das unter seinem Dirigenten Reinbert de Leeuw das wichtigste der Niederlande wurde. Man spielt Musik etablierter Komponisten wie György Ligeti, György Kurtág, Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, Louis Andriessen und setzt sich für die junge Generation wie Michel van der Aa, Martijn Padding oder Julian Anderson ein.
Das alles klingt wunderbar saturiert und lebendig. Und doch fällt seit einiger Zeit ein dunkler Schatten über das niederländische Kulturleben: Die Mitterechtsregierung spielt mit der Auflösung ganzer Orchester und der Kürzung von Projektmitteln um 30 Prozent. So wird vieles zerstört, was über Jahrzehnte zum Blühen gebracht wurde. Die weltberühmten Institutionen werden wohl mit einem blauen Auge aus der Rotstiftwelle emportauchen. Aber was nützt das, wenn die Basis zerschlagen ist? International gab es Proteste, zu Hause kaum. Ob die Niederlande so zum Beispiel für Deutschland werden können, wo schon so manche Kommune nach der Kulturschere greift? Es bleibt nicht zu hoffen.


Das Concertgebouworkest

Mahler und die Spätromantik haben hier seit den Tagen Willem Mengelbergs ein Zuhause, aber man kann auch Modernes und Zeitgenössisches hören. Das Orchester wurde 1888 gegründet. Während der langen Amtszeit von Willem Mengelberg (1895–1945) kam es zu Weltruhm. Eduard van Beinum, Bernard Haitink, Riccardo Chailly und der heutige Chefdirigent Mariss Jansons konnten seine Bedeutung als Weltspitzenklangkörper halten. Zum 100-jährigen Jubiläum 1988 verlieh ihm Königin Beatrix den Titel „Königlich“. Zum 125-jährigen Jubiläum gönnt man sich als erstes Orchester überhaupt eine (freilich in Tranchen geteilte) Welttournee durch sechs Kontinente (Nordund Südamerika). Die Stationen finden sich auf der Website des Orchesters.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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