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(c) Robert Kittel

Teodor Currentzis

Griechisches Feuer

Das hätte selbst Karajan nie zu träumen gewagt: Die Sony nimmt im russischen Perm einen Mozart-Zyklus auf. Dessen Star ist ein griechischer Dirigent.

Die Liste seiner Auftritte liest sich beeindruckend: Mozarts Requiem in Novosibirsk, Verdis „Macbeth“ an der Pariser Oper, Purcells „Dido & Aeneas“ bald in Berlin, die szenische Uraufführung von Mieczysław Weinbergs KZ-Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen, Ravel mit den Münchner Philharmonikern, Sibelius mit dem NDR Sinfonieorchester, Schostakowitsch mit dem Mahler Chamber Orchestra, „Lady Macbeth“ an der Zürcher Oper und Strawinskis „Persephone“ am Teatro Real in Madrid. Nur mit dem „Sacre du printemps“, im Jubiläumsjahr 2013 visuell aufgemischt in Manchester und bei der RuhrTriennale, ist es wegen zu großer, nicht realisierbarer Künstlerträume des Skulpturenstars Romeo Castelluccis nichts geworden. Vorerst zumindest.
Doch sonst steht inzwischen an allen möglichen, ziemlich prestigeträchtigen Musikplätzen in der Welt ein hagerer, großnasiger Grieche, bleich und mit wehendem Haar, gerne auch im Dracula-Umhang und mit offen flatternden Ärmeln am Pult, scheint mit fahrig rudernden, besonders künstlerhaft aussehenden Bewegungen seine Kollektive zu bannen, die Musik äußerst unterschiedlicher Couleur erst zur Konzentration und dann zum inneren Glühen zu bringen.

Der Figaro, der aus der Kälte kam

Kein Zweifel, Teodor Currentzis der Athener, der sich in der russischen Kälte so wohl zu fühlen scheint, er polarisiert, aber er fasziniert gleichermaßen. Jetzt ist ihm – nach einigen Aufnahmen bei Kleinlabels und diversen DVDs – Sony Classical verfallen. Man hat Großes mit ihm vor: Sinfonisches, „Sacre“ und „Les noces“ sind schon eingespielt, und sogar Oper, aufgenommen unter Studiobedingungen. Der Global Player, der immerhin das musiktheatralische Archiverbe von CBS Columbia Masterworks, RCA, Ariola, BMG und deutsche harmonia mundi verwaltet, ist freilich diesmal zu den Aufnahmen eines neuen Mozart/da Ponte- Zyklus nicht nach Salzburg oder Wien, nicht einmal nach München, Mailand, Paris oder Berlin gefahren, er hat sein Technikerteam nach Perm verfrachtet, dem Tor zum Ural und östlichster Millionenstadt Europas. Was ein Karajan, ein Walter Legge, Karl Böhm, Neville Marriner, selbst ein Nikolaus Harnoncourt oder ein William Christie dazu gesagt hätten? Eine Darmsaitenfraktion im tiefsten Russland, 415-Hertz-Stimmung, ventillose Hörner und Trompeten, die auch bei minus 20°C Außentemperatur mühelos laufen und virtuos geblasen werden. Holztraversflöten und weitgehend Nonvibrato im Uralvorland. Und dazu, rothaarig und unübersehbar groß auf ihren überhöhten Absätzen, Simone Kermes als Primadonna, die „Crazy Queen of Baroque“ mit ihrem Totenkopfring, dem schweren Sächsisch, die inzwischen – alles für Currentzis – sogar zum orthodoxen Glauben übergetreten ist, als eine Mozart-Diva in völliger Anti- Schwarzkopf-Manier.
Zuletzt liefen hier bereits die Aufnahmen für „Così fan tutte“. Noch einmal holen alle Atem, unerbittlich wird an jedem Takt gefeilt, immer wieder wiederholt, gleichzeitig scheint die so wichtig genommene Musik zu leben, zu schweben, zu pulsieren. Teodor Currentzis ist noch konzentrierter, er will schließlich einen Mozart, der nachdrücklich ist und zugleich schwebt, der verzaubert und gefangen hält, der deutlich ist und doch nicht zu greifen.

Dorabella in Fellstiefeln

Dass Malena Ernman in dieser südlich-sinnlichen Klangatmosphäre als Dorabella wuschelige Fellstiefel trägt, Simone Kermes als Fiordiligi Fingerlinge, und auch der junge Konstantin Wolf als alter Zyniker eben erst seinen dicken Pullover ausgezogen hat, ist diesmal kein Regieeinfall, sondern dem Temperatursprung zwischen draußen und dem wohlig warmen Theatersaal geschuldet. Später kommen, ähnlich dick verpackt, noch Kenneth Tarver als Ferrando, Christopher Maltman (Guglielmo) und Anna Kasyan (Despina) als eine Art georgische Cecilia Bartoli hinzu. Es wird viel eingespielt an diesem Tag, denn auch im 3000 Kilometer vom Uraufführungsort Wien und noch immer 1000 Kilometer von Moskau entfernten Perm ist Zeit Geld. 2012 hat man hier mit der jetzt veröffentlichten „Nozze di Figaro“ begonnen, 2015 soll die Trias mit Erscheinen des „Don Giovanni“ abgeschlossen sein.
Neben Kupfererzvorkommen und der Hüttenindustrie hat die Provinzmetropole Perm immerhin auch einen berühmten Sohn vorzuweisen: den Impresario Sergej Diaghilev, der einst die Ballets russes gründete. Das 1870 eröffnete Opernhaus ist jedoch nach dem noch berühmteren, unweit geborenen Peter Tschaikowski benannt. Und seit während des 20. Weltkriegs das Ensemble des Petersburger Mariinsky Theaters hierher evakuiert wurde und einige der Sänger, Musiker und Tänzer später als Lehrer geblieben sind, gehört das Opernhaus – nach den Moskauer und Petersburger Institutionen sowie etwa auf gleichlautendem Niveau mit der Oper in Novosibirsk – zu den bedeutendsten Musiktheaterbühnen Russlands.
Der weite Weg wird sich für Sony wohl lohnen. Denn die Plattenfirma zahlt nur für die (mehrheitlich extra für diese Gelegenheit erstmals eingereisten) Sänger und den Dirigenten. Orchester, Chor und Räumlichkeiten stellt das Theater: Für zwei Januarwochen wurde hier der Betrieb gar komplett eingestellt, das Ballett auf Tournee geschickt. In dem um seine Parkettbestuhlung gebrachten Zuschauerraum mit seinen wenigen hochragenden Mikrofonen bildet das Orchester einen Kreis um den Dirigenten, während Solisten und Chor an der Bühnenrampe vor dem geschlossenen eisernen Vorhang platziert sind. Bei den Aufnahmen müssen alle Kopfhörer tragen, Curentzis möchte, dass man sich quasi objektiv, wie später aus dem Lautsprecher hört.

Rigides Proben, feines Piano

In einem Nebenkabuff hat die Technik ihre Pulte aufgebaut. Im nicht so überheizten Probenraum unter dem Dach wird jeden Tag von elf bis ein Uhr mit einem Klavierrepetitor ohne Unterlass an Mozarts Sextett fatal gefeilt. Und im plüschig theatralischen Dirigentenzimmer, wo viel Tee aus dem ständig laufenden Samowar getrunken wird, hält in den Pausen Teodor Currentzis Hof. Fast erinnern einen diese Zustände an die frühen Neunziger, als die Philips mehrmals im Jahr im St. Petersburger Mariinsky Theater mit ihrem Dirigierstar Valery Gergiev im geschlossenen Haus unter barock gewerkschaftsfeindlichen Bedingungen russisches Repertoire in laufender Bit-Reihe einspielte.
Der 41-jährige Grieche ist nicht nur gern in Russland, weil er hier als einer der letzten Meisterschüler bei Dirigierlegende Ilya Musin in St. Petersburg gelernt hat. Hier kann er auch seinen rigiden Probenethos verwirklichen wie sonst nirgends. Alle sind sie hier Leibeigene im Dienst des Komponisten. Selbst nach einer längst als Routine absolvierten Aufführung der vielfach musizierten „Dido“ feilt Currentzis spätnachts noch taktweise mit seinem Chor des Ensembles MusicAeterna, der wie auch das Orchester von ihm selbst gegründet wurde. Der klingt dann prompt noch feiner, stufenloser im zauberhaften Piano.
Teodor Currentzis hat nicht erst sein Glück im Westen gesucht, sondern ist in Russland geblieben. In Perm werden er und seine Musiker – neben einem weiteren Dirigenten, Chor und Orchester für die Tradition und den Alltag – finanziert vom Gouverneur und einem Mineralölkonzern. Sein Ding ist nicht so sehr die vollfette Klassik, sondern alte wie zeitgenössische Musik gleichermaßen. Und während er, wesentlich gepusht von Schlüsselspielern des Musikbetriebs wie dem schon immer sich für Exzentriker begeisternden Gerard Mortier, seine Auftritte im Westen stets zu beschränken wusste, durch das Rarmachen seine Aura nur steigerte, baute er zunächst in Novosibirsk, wo er 2004 - 2010 die Oper leitete, parallel sein Ensemble für Alte Musik auf. Das kann sich inzwischen mit den Besten der westlichen Welt messen. Und mit dem neuen „Figaro“ fordern Currentzis und sein Ensemble selbstbewusst ihren Platz ein.

Neu erschienen:

Mozart

Le nozze di Figaro

Andrei Bondarenko, Simone Kermes, Christian van Horn, Fanie Antenelou, Mary- Ellen Nesi, Maria Forsström, Nikolai Loskutin u.a.; Chor und Orchester MusicAeterna

Sony


Frisches Blut

Ein toller Mozart-Tag. Vitalität, wendige Tempi, schroffe Akzente und ein unbedingter Wille um menschliche Ehrlichkeit bis in die letzte Rezitativ-Note, das zeichnet diese neue „Hochzeit des Figaro“ aus. Dirigent und Orchester, das sind auch die beiden stärksten Pluspunkte für den Neustart eines russischen Mozart/da-Ponte-Zykluses, alles Wollen dieser Musik, die natürlich strikt den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis folgt, geht vom Pult aus. Die meisten der weitgehend unbekannten Sänger liefern pralle Theaterfiguren, gut unterscheidbar in Stimmtimbre und Figurenanlage. Als Edel-Couvertüre ist das freilich mit dem feinen Vokalfarbenspiel von Simone Kermes als Gräfin überzogen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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