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Musik der Welt

In der Weltmusik-Küche

+ Eine Melange bulgarischer Frauenstimmen gewürzt mit kühnen Akkorden und gaumenschmeichlerischen Glissandi an südsibirischen Kehlkopfklängen + Norwegische »Kitchenpolka« mit folkloristischen Wurzeln und einer Prise kammermusikalischer Delikatesse +

Zu viele Köche, so sagt man, verderben den Brei. Einer sorgt mit Rosinen und Vanille für milde Süße, ein anderer mit Ingwer und Chili für exotische Schärfe, ein weiterer fügt mit Oliven und Kapern mediterrane Säure hinzu – und am Schluss haben wir ein Gericht aus lauter erlesenen Zutaten, das kein Mensch essen will und kann. Und doch passiert in der Musik wie in der Küche immer mal wieder das Wunder, dass aus Bestandteilen, deren Eigengeschmack vermeintlich keine kühnen Experimente zulässt, Kompositionen entstehen, die klingen wie das Natürlichste von der Welt und bei denen (ja, bemühen wir wieder eine unverwüstliche Redensart) das Ganze mehr als die Summe der Teile ist: Keine Einigung auf den kleinsten Nenner nach dem Motto »reim dich oder ich fress dich«, aber auch kein unversöhnliches Gegeneinander des Disparaten, sondern wahre Harmonie, beglückende Kommunikation, die nicht nur im Miteinander, sondern im Nacheinander bestehen kann.
Im Falle von »The Bulgarian Voices Angelite with Huun-Huur-Tu & Moscow Art Trio« hält die unwahrscheinliche Verbindung schon seit anderthalb Jahrzehnten auf so hohem Niveau, dass man beim aktuellen Doppelalbum mit dem Titel »Legend« (Jaro 4300-2), der sich eigentlich auf das Titelstück bezieht, keineswegs hochstapelt. Da haben wir einen berühmten 24-köpfigen Chor bulgarischer Sängerinnen, deren Gesang schrill und doch berückend ist: Kühne Akkorde, wilde Rhythmen, hier ein Glissando, da ein Aufschluchzen. So müssen die Sirenen der Odyssee geklungen haben!
Man denke sich dazu die südsibirischen Kollegen aus der Republik Tuva: Mit ihrem expressiven Kehlkopfgesang (bei dem auch mal drei verschiedene Töne aus einer Kehle kommen) und dem traditionellen Instrumentarium erwecken sie Natureindrücke. Man vermeint das Pfeifen des Windes, das Fließen des Wassers, Vogelgezwitscher und das Reiten durch die Taiga zu vernehmen. Schließlich das zwischen Jazz, Folklore und »klassischem« Fundament vermittelnde Moscow Art Trio, dessen Pianisten Misha Alperin, einem Musiker von verblüffender Vielfalt, es als Hauptkomponist und Organisator zu verdanken ist, zusammengefügt zu haben, was, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, zusammengehört. Das heißt nicht, dass er (wie es schlechte Arrangeure tun) immer alle musizieren lässt, bloß weil sie gerade zur Verfügung stehen. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Er belässt jeden in seiner eigentlichen Sphäre und kombiniert die drei Formationen oder deren Mitglieder nur manchmal. Im ausbalancierten Wechselspiel von Solo, kleinen und größeren Gruppen entsteht geradezu eine Folge schlicht überwältigender Eindrücke. Das 2004 in Belgrad aufgenommene Konzert zeigt, was Weltmusik sein kann: wahrer Balsam für die Seele und Nahrung für den Körper. Mal werden die Augen feucht, mal läuft einem die Gänsehaut den Rücken herunter, dann werden die Beine von einem motorischen Schub ergriffen. Versuchen Sie mal, dabei etwas Vernünftiges zu schreiben …
Skandinavische Musik ist seit Längerem bei uns in Deutschland »in«. Der so populäre skandinavische Jazz hat Aufmerksamkeit auf die Volksmusik gelenkt, denn keine Region der Erde wirkt wohl stärker mit ihren folkloristischen Wurzeln auf den heimischen Jazz als der hohe Norden. Trotzdem braucht ein lyrisches Kleinod aus Norwegen schon mal zwei Jahre, ein Meer zu überqueren. Als das Gjermund Larsen Trio vor zwei Jahren sein Album »Ankomst« (Heilo/Galileo Music HCD7235) vorlegte, wurde es mit dem Spellemannprisen ausgezeichnet, dem norwegischen Gegenstück zum Grammy. Der Gewinner der Sparte »Folkemusikk« ist jetzt auch bei uns erhältlich. Gjermund Larsen ist ein Poet unter den Geigern und ein Grenzgänger. Das sensible Spiel des Violinisten lebt ebenso von der tiefen Verwurzelung in der heimischen Tradition (für die etwa sein 1993 verstorbenes Idol, der Geiger Hilmar Alexandersen, steht, dem er hier einige Weisen abgelauscht hat) wie von seiner Neugier, seiner Fähigkeit, den Rahmen der Volksmusik als Komponist und Improvisator behutsam zu erweitern. »Brytningstid« aus dem Jahr 2006 ist die erste Komposition des 1981 geborenen Spielmannes und hat die Gefährten überhaupt erst zusammen geführt – den Pianisten Andreas Utnem und den Bassisten Sondre Meisfjord. Alle drei, zu denen gelegentlich singende oder trommelnde Gäste treten, haben Erfahrungen in allen erdenklichen Musikrichtungen gesammelt (Jazz, Klassik, Popmusik, traditionelle und zeitgenössische Volksmusik), Larsen selbst kennt man auch vom Ensemble des Jazzers Christian Wallumrød, doch nirgends wird all dieser musikalische Hintergrund zum Anrühren einer modischen Melange zusammengebraut. Es bleibt bei zeitgenössischer, akustischer Volksmusik von kammermusikalischer Raffinesse, aber einer, die so nur in einem offenen Klima und im wachen Geist einer Musikerpersönlichkeit entstehen kann, die Volksmusik nicht als museales Traditionsgut, sondern als authentischen Persönlichkeitsausdruck lebt. Larsen ist ein Zartbesaiteter. Selbst wo er die Saiten mutwillig kratzt, klingt es wie ein Kuss. Grobheiten liegen dem Verhaltenen nicht, dem vielleicht seine akademische Ausbildung und sein Naturell verwehrt, ganz aus sich herauszugehen. Wäre Larsen nicht hörbar mit seinem ganzen, sanft oszillierenden Herzblut dabei, hinterließe das Album eher den Eindruck gepflegter Tristesse. Zwölf Stücke hindurch neigt er sich, ohne durch die Einseitigkeit zu langweilen, meist verträumter Lyrik zu, bestätigt dabei durchaus das Klischee nordischer Melancholie, um letztlich in der Zugabe »Kitchenpolka« endlich das zu tun, was man von einem Spielmann eigentlich erwartet hätte, nämlich zünftig zum Tanz aufzuspielen. Da bricht bei ihm (wie ein Sonnenstrahl, der momentan den Wolkenteppich aufreißt) der unvermutete, lebhaft swingende Vollblutmusikant durch, der allerdings im 2010 entstehenden Nachfolge-Album wohl zu kurz kommen wird. Es soll noch feierlicher und ruhiger werden.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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