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Hörtest: Adolphe Adams Ballett »Giselle«

Ballett-Schlager Gisela

Während die Oper und das Theater zunehmend unter einem Originalitäts- und Reflektionsdruck der Regisseure leiden, darf beim Ballett noch schamlos und ohne schlechtes Gewissen in der Historie geschwelgt werden. Wie auch in Adolphe Adams Ballettklassiker »Giselle«, der sich auch nach beinahe 160 Jahren nahezu unverändert auf den Bühnen der Welt präsentiert. Ballett-Experte Matthias Siehler hörte und schaute sich für RONDO durch den Berg an Aufnahmen.

Tok, Tok, Tok

Tok, tok, tok. Seit 159 Jahren geht das schon so. Ununterbrochen. Dann kommt die Bauernmaid aus ihrer Hütte, herausgeklopft von dem als Jäger verkleideten Herzog. Flirtet mit ihm, rupft eine Margerite für ein Blumenorakel (»er liebt, mich, er liebt mich nicht« – als stumme Pantomime), und tanzt und tanzt. Bis sie stirbt. Wahnsinnig geworden, weil sie entdeckt hat, wer ihr Liebhaber in Wirklichkeit ist. Der hat zudem eine andere, natürlich hochadelige Braut und denkt nicht daran, jene Giselle zu heiraten. Tod durch gebrochenes Herz. Ende erster Akt. Nach der herbstlich bunten Weinernte samt Winzerfest im Rheintal geht es nun in den modrigen Wald. Dorthin, wo die ungeheirateten Bräute begraben liegen. Jene, die als Wilis nachts ihr flatterhaftes, bleich durchscheinendes Tütü-Unwesen treiben und eventuell auftauchende Herren in den feuchten Tod im See tanzen. Romantisches Ballett ist eben so. Myrtha heißt ihre Königin, Giselle ist nun eine von ihnen. Hilarion, den Wildhüter, der sie verehrte, kann sie nicht retten, aber den Herzog Albrecht, der reuvoll mit einem Strauß Lilien naht. Ihr Pas de deux wird so weit verlängert, bis es tagt und die Wilis-Macht erlischt. Sie fährt ins Grab, und Albrecht bleibt allein zurück – der Morgen aber wird ihm keinen hoffnungsvollen Sonnenaufgang bringen.

Ein Werk vieler Köche

Neben der noch einmal neun Jahre älteren »La Sylphide« ist die 1841 in Paris uraufgeführte »Giselle« das älteste noch in der Originalversion gezeigte Ballett. Was man im Tanz eben so »Original«-Version nennt, denn natürlich wurde früher nur lückenhaft aufgezeichnet (es dauerte ja, bis es endlich eine einigermaßen verbindliche, sehr kompliziert zu lesende Notation gab), und von jeher wurde die Choreografie den Verhältnissen angepasst: dem Können und dem Stellenwert der Ballerinen, dem Ausstattungsetat, dem Geschmack der Zeit, dem Ehrgeiz der Ballettmeister. So war auch »Giselle« von Anfang an ein Werk vieler Köche, die freilich den Ballettbrei höchst geschmackvoll würzten. Die Idee für das Libretto stammte von dem für die Romantik so überaus wichtigen Literaten Théophile Gautier, der sich wiederum auf eine von Heinrich Heine kolportierte rheinische Volkssage von den Wilis berief. Vernoy de Saint-George entwickelte die konkrete Handlung, vor allem die des robust-rustikalen ersten Aktes. Die melodisch ungewöhnlich schöne und qualitätvolle, sogar mit Leitmotiven arbeitende Musik komponierte der damals beliebte Opernschreiber Adolphe Adam. Selbst Hans Werner Henze attestiert ihr besonders im zweiten Akt eine charaktervolle Härte und melancholische Kühle, die hervorragend zu den düsteren Vorgängen passt, Giselles Eintreten für den ungetreuen Geliebten freilich auch eine transzendente Süße verleiht.
Jules Perrot choreografierte die tragenden Rollen und schnitt die Giselle auf die außergewöhnlichen mimischen Fähigkeiten seiner Geliebten Carlotta Grisi zurecht. Diese freilich verließ ihn später zugunsten ihres Albrecht, Lucien Petipa, Bruder jenes berühmten Choreografen Marius, der es später zum kaiserlichen Ballettmeister in St. Petersburg bringen sollte. In seiner Version überlebte »Giselle«, denn in Frankreich kam das Ballett im späten 19. Jahrhundert in eine Krise, während es in Russland neu erblühte. Petipa drückte seinen Stempel besonders dem zweiten, dem »weißen« Akt auf, der mit seinen strengen Geisterformationen in halblangen Röcken zum Inbegriff des romantischen Balletts wurde. Ursprünglich war er vom Pariser Chefballettmeister Jean Coralli konzipiert worden, so wie auch die Gruppenformationen der Winzer des ersten Akts, die weitgehend intakt blieben. Die Petipa-Inzenierung mit der aufgewerteten Rolle der grausamen Geisterkönigin Myrtha, von ihm selbst dreimal überarbeitet, machte wiederum 1910 in Paris Sensation, als Sergei Djaghilew die Ballets Russes an die Seine brachte – auch deshalb, weil Vaclav Nijinski als Albrecht auf seine Trikothosen verzichtete und später deshalb aus dem kaiserlichen Ballett geworfen wurde. In England wurde »Giselle« von dem vor der Revolution geflohenen russischen Ballettmeister Konstantin Sergejew wieder etabliert, der seine Aufzeichnungen vom Marientheater mitgebracht hatte und das Stück 1932 mit Alicia Markova und Anton Dolin herausbrachte. Seither wird es eigentlich in diesen Fassungen ziemlich sklavisch getanzt, einzige Choreografen-Spielwiese ist der noch in die Premiere für die Favoritin eines reichen Gönners eingefügte Bauern-Pas-de-deux (der auch ein Pas de quatre oder six werden kann), für den Ferdinand Burgmüller die etwas derbe Musik komponiert hat.

Die Klangbühne - »Giselle« auf CD

Die Klangbühne der Aufnahmestudios betrat »Giselle« gleich mit einem Paukenschlag. Ist die Adampartitur doch das einzige komplette (aber leicht gekürzte) Ballett, das Herbert von Karajan 1961 mit den Wiener Philharmonikern auf höchstem, in den Tempi durchaus tanzfreundlichem Niveau für die Decca einspielte. Damit messen kann sich eigentlich nur der immer extrem tanzinteressierte Richard Bonynge, vor allem mit seiner rauschhaften zweiten Aufnahme von 1986 (ebenfalls für Decca) mit dem Covent Garden Orchestra – zudem die vollständigste Version überhaupt. Eine erste Fassung entstand 1969 mit dem Orchestre National de l’Opéra de Monte Carlo – sie dient auch als Soundtrack für die kontroverse Mats-Ek-Umarbeitung. Ziemlich durchschnittlich geriet die eben wieder aufgelegte EMI-Aufnahme mit dem London Festival Ballet Orchestra unter Terence Kern. Die beiden russischen, selbstredend sehr tanzidiomatischen Einspielungen mit Viktor Fedotov und dem Mariinsky-Orchester von 1985 (PRS) sowie von Alexander Kopylov und dem Bolschoi-Orchester (Melodiya) sind etwas lärmig geraten, auch Andrew Mogrelia und das Slowakische Radioorchester (Naxos) setzten 1994 vorwiegend auf grelle Akzente. Im gleichen Jahr spielte die Academy of St. Martin in the Fields unter ihrem nicht eben prickelnden Chef Sir Neville Marriner wie mit eingeschlafenen Füßen. So bleibt unter den neueren Einspielungen einzig die plastisch volltönende, dabei geschmeidige (und abgekürzte) von Michael Tilson Thomas mit dem London Symphony Orchestra von 1991 (Sony) empfehlenswert.

Same, same, but different - 23 DVDs

Doch noch viel mehr als Oper ist Ballettmusik nicht zum Hören, sondern zum Sehen da. Und da liegen immerhin 23 verschiedene, sich meistenteils höchstens in der Qualität unterscheidende »Giselle«-Versionen vor. Nur eine, freilich eine wichtige, hat es bisher nicht auf DVD geschafft, die von 1977 mit der besonders im zweiten Akt hinreißenden Natalia Makarova und dem vor allem sprungewaltigen Albrecht von Mikhail Baryshnikov mit dem America Ballet Theatre unter Stabführung John Lanchberys. Die etwas vulgarisierte, teilweise brutal verkürzte choreografische ABT-Fassung von David Blair liegt freilich auch einem anderen Klassiker zugrunde, der Filmstudioversion mit der mädchenhaften Carla Fracci, einer Ideal-Giselle, ungeachtet, dass ihr die Technik für den zweiten Akt fehlt, und dem kühlen Dänen Erik Bruhn als Inbegriff des Danseur noble. Störend ist hier nur die verspielte Kamera, die sich statt an den Protagonisten zu kleben, nicht selten in dekorativen Nebensächlichkeiten verliert. Bruhns langjährigen Liebhaber und Baryshnikovs Vorgänger Rudolf Nurejew kann man zweimal sehen, einmal 1979 im Studio mit dem Ballett der Bayerischen Staatsoper aufgenommen, wobei dessen damalige Direktorin, Kenneth MacMillans Lieblingsballerina Lynn Seymour, leider weit über ihren Zenit war. Auch ist die technische Qualität nicht toll und kurioserweise tanzt der ewige Divo Nurejew sogar den Bauern-Pas-de-deux. Das tat er auch ein Jahr später in Rom an der Seite Carla Fraccis, doch von dieser DVD ist sowohl aus technischen Gründen abzuraten, wie man zudem eher ein schamhaftes Tuch über den künstlerischen Zustand der Protagonisten breiten möchte. Die russischen DVD-Versionen sind meist in Bild und Ton eher lamentabel, weil alt. Gleich zweimal, 1980 und 1991, durfte sich die kraftvolle, technisch sichere Bolschoi-Primaballerina Natalia Besmertnova verewigen, einmal (1984) die dürre Lyudmila Semenyaka samt Valery Anisimov (Albrecht), ohne Bauern-Pas-de-deux und mit gekürzter Myrtha-Szene. Abzuraten ist von einer scheußlichen Version aus dem Kreml von 1996, die wohl einzig wegen Vladimir Malakhov (der hier nicht besonders ist) veröffentlicht wurde. Dann lieber gleich die uralte (gekürzte) Filmfassung von Paul Czinner, der immerhin 1956 bei einem England-Gastspiel die erstaunlich zupackende Galina Ulanova in einer ihrer berühmtesten Rollen festgehalten hat. Von den roten Giselles gefällt am ehesten die des Mariinisky-Theaters von 1983 mit der unbekannten, aber ätherischen Galina Mezentseva und Konstantin Zaklinsky. Hier gibt es inklusive an Drähten fliegender Wilis viel schönen Ballettplüschzauber.

Mit Giselle in Luisiana und im Irrenhaus

1980 wurde die vielleicht maßgeblichste Giselle des 20. Jahrhunderts, die Kubanerin Alicia Alonso, damals schon 60 und mindestens halbblind, (noch) festgehalten, ein berührendes Dokument, zumal an der Seite des virilsten aller Albrechts, Vladimir Vasiliev. 1984 hielt man in Rio de Janeiro Fernando Bujones als eleganten Albrecht auf Film fest. Es gibt eine enttäuschende »Giselle« aus Kanada, und die einst Furore machende, heute als durchschnittlich getanzt erscheinende »Giselle Creole« des Harlem Dance Theaters von 1987, die die Handlung nach Louisiana verlegt und die Winzer in schwarze Sklaven verwandelt. Auch die von Maina Gielgud betreute Fassung des Australian Ballet von 1990 ist ordentlich und billig. Sehr schön ist die Inszenierung der Mailänder Scala, und wenn man aus beiden DVD-Versionen die lebhaft zärtliche Alessandra Ferri von 1996 mit dem grandiosen Roberto Bolle von 2005 kombinieren könnte, dann wäre das eine Ideal-»Giselle«. Für französische Delikatesse sorgt die von Patrice Bart betreute Pariser »Giselle« mit Letitia Pujol und dem dramatischen Nicolas Le Riche. Etwas zu ausgewogen und brav sind hingegen die beiden jüngsten Veröffentlichungen des Royal Ballet mit Alina Cojocaru und Johan Kobborg (in der klassischen, weltweit gezeigten Peter-Wright-Adaption) und die des Holländischen Nationalballetts mit der spitzen Anna Tsygankova und dem behäbigen Jozef Varga. Ein unbedingtes Muss ist hingegen die radikale und bisher einzig plausible Neudeutung durch Mats Ek von 1992. Eine antiromantische »Giselle« als außenseiterischer Dorftrampel mit Baskenmütze war die Lebensrolle von Ek-Ehefrau Anna Laguna und Myrtha als Oberin im Irrenhaus, darauf muss man in dieser Konsequenz erst einmal kommen. Glückliches München, wo die Wright- und die Ek-Fassungen beide im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts sind.

Die Besten:

Petipa, Blair, Lanchbery, Fracci, Bruhn, Solisten, Corps und Orchester des American Ballet Theatre

DG/Universal

Petipa, Bart, Connelly, Ferri, Murru, Ballett und Orchester der Mailänder Scala

Naxos/Arthaus

Petipa, Chauvrié, Coleman, Zakharova, Bolle, Ballett und Orchester der Mailänder Scala

Arthaus-TDK/Naxos

Petipa, Bart, Polyakov, Connelly, Pujol, Le Riche, Solisten, Corps und Orchester der Opéra national de Paris

Arthaus-TDK/Naxos

Ek, Bonynge, Laguna, Bouy, Cullberg Ballet, Orchestre National de l’Opéra de Monte-Carlo

Arthaus/Naxos

Auch interessant:

Petipa, Lavrovsky, Faier, Ulanova, Fadeyechev, Solisten, Corps und Orchester des Bolschoi-Theater Moskau

VAI/Codaex

Petipa, Fedotov, Mezentseva, Zaklinsky, Solisten, Corps und Orchester des Kirow-Theater St. Petersburg

NVC Arts

Petipa, Grigorovich, Zhuraitis, Bersmertnova, Vasyuchenko, Solisten, Corps und Orchester des Bolschoi-Theater Moskau

Arthaus-TDK/Naxos

Petipa, Alonso, Vasiliev, Urbay, Solisten, Corps und Orchester des Ballet Nacional de Cuba

VAI/Codaex

Petipa, Wright, Gruzin, Cojocaru, Kobborg, Royal Ballet, Orchestra of the Royal Opera House London

Naxos/Opus Arte

Petipa, Beaujean, Bustamante, Gruzin, Tsygankova, Varga, Het National Ballet Amsterdam, Holland Symfonia

NVC Arts/Warner

Abzuraten:

Petipa, Lawrowsky, Ventura, Fracci, Nurejew, Solisten, Corps und Orchester der Oper Rom

Hardy Classics

Petipa, Crum, Kain, Augustyn, Solisten, Corps und Orchester des National Ballet of Canada

VAI/Codaex

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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