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Quartett

Zweite Reifeprüfung mit 75

Hollywood-Star Dustin Hoffman hat erstmals auf dem Regiestuhl Platz genommen – für eine tragikomische Hymne auf gealterte Opernsänger und -musiker.

Nicht etwa seinen „Rigoletto“ hatte Giuseppe Verdi als sein schönstes Werk bezeichnet. Es war seine „Casa di Riposo per musicisti“ in Mailand. Dieses 1896 von ihm gegründete und von seinen Autorenrechten finanzierte Seniorenheim, in dem bis heute die großen und kleinen Sänger-Stars der Scala eine etwas andere WG bilden. 1984 besuchte der Schweizer Filmemacher Daniel Schmid die ins hohe Alter gekommenen Normas & Co, die vor der Kamera noch einmal aufblühten und sich an den Partien von gestern versuchten. Schmids Film „Il bacio di Tosca“ wurde so zu mehr als nur einer Liebeserklärung an die runzelig gewordenen Primadonnen – er setzte ihnen ein Denkmal.
Ähnliches Rührpotenzial besitzt nun ebenfalls der Spielfilm „Quartett“, für den Hollywood Grande Dustin Hoffman Verdis „Casa di Riposo“ nach England, in einen herrschaftlichen Landsitz namens „Beecham House“ verlegt hat. Wenn etwa die einstige Sopranissima Jean Horton sich ihre alten Schallplatten anhört, fährt ihr da unweigerlich Wehmut in die Glieder. Doch in dieser Villa voller Ex-Diven werden nicht nur Tränchen verdrückt. Beim Wiedersehen von vier einstigen Opernstars brechen alte Rivalitäten und Eitelkeiten auf. Und Hortons ehemaligem Bühnenkollege Wilf macht bei seinen Flirts mit dem weiblichen Pflegepersonal leider nur die Prostata zu schaffen.
Klamaukig, aber eben auch mit dem nötigen Gespür für’s Sentimentale erzählt Hoffman von den Schattenseiten des Älterwerdens. Hoffman spricht damit aus eigener Erfahrung. Mit Filmen wie „Die Reifeprüfung“, „Die Unbestechlichen“ und „Rain Man“ hat er Kinogeschichte geschrieben, doch mit inzwischen 75 Jahren ist er in Hollywood mittlerweile aus dem Rennen. Statt aber fortan nur noch frustriert seine Trophäen zu polieren, entschied sich Hoffman für einen beruflichen Neustart. Zwar basiert sein Debüt „Quartett“ auf dem gleichnamigen Theaterstück des Engländers Ronald Harwood, doch für das Projekt ließ sich Hoffman vorrangig von Schmids „Il bacio di Tosca“ inspirieren.
Die Hauptrollen sind mit Maggie Smith und Billy Connolly namhaft besetzt. Und in einer Nebenrolle gibt es gar eine kleine Überraschung: keine Geringere als die Sopranistin Gwyneth Jones feiert ihre Leinwand-Premiere. Mit nunmehr 72 Jahren verkörpert die Waliserin geradezu exemplarisch den Geist von „Quartett“. Obwohl ihre Stimme längst verblasst ist, ist ihre Leidenschaft für die Musik und das Singen weiterhin ungebrochen. Davon gibt sie auch in „Quartett“ eine Kostprobe. In dem Gala-Konzert, das man im „Beecham House“ traditionell an Verdis Geburtstag veranstaltet, singt sie Puccinis Arie „Vissi d’arte“ – wenngleich hier ohne den dramatischen Höhepunkt. Für diesen Fauxpas hat sich Hoffman bei Gwyneth Jones bereits entschuldigt und ihr versprochen, dass die gesamte Arie auf der kommenden „Director’s Cut“-Fassung zu hören sein wird. Solange darf man getrost zu dem von Dario Marianelli komponierten und zusammengestellten Soundtrack greifen. Denn in voller Länge singt da immerhin Jones’ Kollegin Kiri Te Kanawa „Vissi d’arte“.

Dario Marianelli

Quartett

Diverse

Universal/Decca

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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