Startseite · Künstler · Gefragt

Otto Schenk

Puristen können mich gerne haben!

Otto Schenk, Urgestein opulenter Opernregie, feiert im Juni seinen 80. Geburtstag. Robert Fraunholzer besuchte ihn in seiner Wohnung am Wiener Rudolfsplatz – und bekam am frühen Morgen ein Stück Sachertorte serviert.

RONDO: Herr Schenk, warum haben Sie nach 160 Inszenierungen das Regieführen aufgegeben?

Otto Schenk: Ich habe da einen Eid im Himmel. Erstens könnte man sagen: Nach so vielen Inszenierungen reicht’s. Zweitens: Ich habe zu wenig gespielt. Es sind mir viele Rollen entgangen. Ich habe einen Nachholbedarf und brauche dafür all meine restliche Kraft.

RONDO: Ein Mal haben Sie Ihren Eid schon gebrochen.

Schenk: Ja, als die Netrebko auf mich zukam für »Don Pasquale« an der Met. Um sie herum war eine wundervolle Besetzung, mit Juan Diego Flórez und Simone Alaimo. Ich bin ein Freak für Donizetti. Bei ihm explodieren die Gedanken in Form von Musik, auf dass lauter Bosheiten dabei herauskommen. Das reizt mich. Ansonsten schaue ich nur bei älteren Aufführungen, dass ich rette, was noch zu retten ist. Es ist aber nicht einfach, in den Ruinen eigener Inszenierungen herumzuwühlen.

RONDO: Früher galten Sie als sachlicher Regisseur, heute gelten Sie als opulenter.

Schenk: Aber meine »Così fan tutte« in Düsseldorf zum Beispiel war nicht opulent, sondern ganz einfach. Ich habe gefunden, dass Musik opulent ist – und darin bedient werden muss. »Der Rosenkavalier« ist eine wahnsinnig reichliche, detaillistische Komposition. Ich war vor allem dafür, dass die Menschen so agieren, wie es die Musik verlangt. Puristische Regisseure, die ihre Darsteller nur herumstehen lassen, können mich gerne haben. Ich hab’s immer realistisch gemacht, das stimmt. Aber ich bin bereit, seltsame Wege zu gehen. Ich glaube, dass die meisten Wege nicht nach Rom führen. Misstrauisch bin ich nur gegenüber der Neo-Konvention.

RONDO: Was meinen Sie damit?

Schenk: Dass alle Kostüme abgeschafft werden. Dass alle gleich ausschauen und dass im Supermarkt-Licht gespielt wird. Da würde ich ungern mitmachen. Zu Gaunereien bin ich immer bereit, wenn sie das Richtige treffen.

RONDO: Gibt es auf dem Theater ohnehin keine Wahrheit?

Schenk: Richtig. Jeder Satz, der gesprochen wird, verbirgt das Wirkliche. Man meint nicht unbedingt einen guten Morgen, wenn man »Guten Morgen« sagt. Das Gewaltige an der Oper ist, dass die Musik das schildert, was gedacht wird. Wenn bei Sarastro, von dem man in der »Zauberflöte« zuvor nur Schweinereien gehört hat, die ersten Töne erklingen, erfährt man nach zwei, drei Akkorden die Wahrheit über die Figur. Ich verstehe, wenn ich in der Oper sitze, meist wenige Worte. Kann mir niemand erzählen, der zum ersten Mal in den »Ring« geht, dass er alles versteht. Aber man kriegt mit der genialen Wagnermusik alles mit.

RONDO: Ihre Produktionen laufen manchmal jahrzehntelang. Gefällt Ihnen das?

Schenk: Nein! Ich bin oft ganz froh, wenn eine Vorstellung verschwindet. Die Feinheiten, auf die es ankommt, gehen immer verloren. Zum Beispiel dass der Sohn vom Ochs, der Leopold, wenn er die Suppe hereinträgt im 3. Akt vom »Rosenkavalier«, den Kübel ganz tief vor sich hertragen muss – wie einen Melkeimer oder einen Nachttopf.

RONDO: Würden Sie heute noch Bühnen- und Kostümbildner finden, die handwerklich das können, was Sie wollen?

Schenk: Wenn man es sucht, findet man es noch. Aber nur wenige suchen es. Heute sehen die Kostüme meistens aus wie von H&M – was ja auch mal ganz gut sein kann. Aber warum machen’s alle? Es stimmt allerdings, dass schon damals mein Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen, der heute arm und krank ist und dem ich mich sehr verbunden fühle, der Einzige war, der mir Romantik liefern konnte, so wie ich sie manchmal brauchte.

"Ich kann mich gar nicht satt ekeln manchmal"

RONDO: Ärgern Sie sich heute oft im Theater?

Schenk: Ich kann mich gar nicht satt ekeln manchmal.

RONDO: Gibt es Arbeiten moderner Regisseure, die Sie schätzen?

Schenk: Eine der schönsten Aufführungen der letzten Jahre war für mich »Aus einem Totenhaus« von Patrice Chéreau. Das habe ich vergöttert. Es war auch musikalisch zum Niederknien.

RONDO: Wie sind Ihre Erinnerungen an den Münchner »Rosenkavalier« mit Carlos Kleiber?

Schenk: Es war die für mich musikalisch aufregendste Arbeit überhaupt. Im »Rosenkavalier« gibt es die Textzeile der Marschallin: »Manchmal steh’ ich auf mitten in der Nacht und lass die Uhren alle, alle steh’n.« Da sagte er: »Das kann ich nicht besser dirigieren, als das Metronom es kann. Schalt mal ein! Tak-tak-tak.« Und er hat dann tatsächlich diese Stelle nicht dirigiert. Die Uhr dirigierte. Es war berauschend. Natürlich gab’s immer die Gefahr, dass er aufhört. Bei der »Traviata« hat er immer auf Ileana Cotrubas geschimpft. Sie war aber auch ein Besen. Sie sagte: »Ich kann so widerliche Leute nicht leiden.« Als sie losgesungen hat, ist er aber dann sofort zu ihr übergelaufen. Darauf meinte sie: »Ich kann es nurmehr mit Kleiber singen.« Schon ekelhaft, oder?

RONDO: Noch ein Wort zu Leonard Bernstein?

Schenk: Bernstein sagte immer: »I don’t want to be the great conductor.« Natürlich mit einer koketten Bescheidenheit! Im »Fidelio« habe ich darauf bestanden, dass die große »Leonore III«-Ouvertüre mittendrin gespielt wird. Er hatte keine Probe dafür – vielleicht weil er gehofft hat, ich verzichte. Er musste also alles, was er zu sagen hatte, ins Dirigat legen. Und die Wiener Philharmoniker wollten ihm auch zeigen: Wir brauchen keine weiteren Proben. Es waren zwei Gauner-Parteien. Und es war atemberaubend. Die Musiker haben geschaut, wie sie noch nie geschaut haben. Mir sind die Tränen herunter gelaufen. Er war ein Hexer.

RONDO: Nur Karajan ist Ihnen erspart geblieben.

Schenk: Darum tut es mir sehr leid. Ich habe ihm beweisen wollen, dass man nach seinem Triumph mit »La Bohème« gleich einen weiteren Erfolg haben könne – mit Janáčeks »Jenufa«. Es ist mir auch gelungen. Obwohl, mit »Jenufa« hat jeder Erfolg! Ebenso wie mit »Lulu«. Auch »Madame Butterfly« kann fast nicht misslingen.

RONDO: Haben Sie auch deswegen aufgehört, weil Sie alles gehabt haben?

Schenk: Ja. Aber ich fände es auch zu blöd, wenn man als Achtzigjähriger noch da steht und sich verbeugt. Ein bisschen peinlich. Ich hatte gute Karten bei den Sängern, weil ich sie als Schauspieler behandeln konnte. So hab ich sogar Franco Corelli verführt.

RONDO: Wo kommt eigentlich dieser herrliche Kuchen her?

Schenk: Alte Rezepte sind das, hier im Haus. Möchten Sie noch ein Stück?

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2010



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Vincent Peirani

Lohn der Tränen

Leidenschaft, Freundschaft und Balance der Farben bestimmen die Musik des gefeierten […]
zum Artikel »

Pasticcio

Der Mann mit dem goldenen Atem

Obwohl Blockflötistin Dorothee Oberlinger nie bei ihm selber, sondern bei einem seiner unzähligen […]
zum Artikel »




Top