Startseite · Konzert · Musikstadt

Musikstadt: Brügge

Brügge sehen und sterben

Wenn es einen Ort gibt, wo man Verständnis für genaue historische Rekonstruktionen hat, dann ist es Brügge. Die flämische Kulturstadt, deren mittelalterlicher Stadtkern 2000 zum Weltkulturerbe geadelt wurde, ist Austragungsort eines renommierten Alte-Musik-Festivals und Sitz des Ensembles Anima Eterna, das die historische Aufführungspraxis bis weit ins 20 Jahrhundert vorangetrieben hat.

»Es ist seltsam«, sinniert der Oxforder Musikprofessor Reinhard Strohm, der sich zu Beginn seines Buches über die Musik im mitteralterlichen Brügge in die Betrachtung flämischer Malereien vertieft: »Diese Werke scheinen dem Brügge von heute – einer friedlichen, ordentlichen Stadt, deren Architektur Nostalgie verströmt – mehr zu ähneln als dem Brügge des 15. Jahrhunderts: der lebhaftesten, wohlhabensten und komplexesten städtischen Gemeinschaft Nordwesteuropas.« Warum? Nun – es fehlt eben der Klang: Der Lärm des Markts, der Wirtshäuser, der Werkstätten, der Börse, der öffentlichen Bäder. Und der Musik, die damals noch fester Bestandteil des Alltags war.
Strohms Buch, das leider noch immer nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist der beste Stadtführer für den musikgeschichtlich interessierten Brügge-Touristen: Mit seiner Hilfe begegnen wir in den Gassen der Stadt der Heilig-Blut-Prozession, in der die Nonnen vom Beginenhof singend um Erleuchtung bitten. Wir laufen den großen spätmittelalterlichen Komponisten Jacob Obrecht und Gilles Binchois über den Weg, lernen die Kirchen an ihrem Glockengeläut zu unterscheiden und lauschen in der Seitenkapelle der Sint-Jacobskerk Obrechts kostbarer Votivmesse für den Patriziers Donaes de Moor. Zumindest diese Messe, die von der Capella Pratensis als »Reenactment« in Kostümen vor dem originalen Altarbild eingespielt wurde, kann man heute auch auf DVD mitfeiern.
Wer aber Ähnliches in Brügge live erleben will, der war bisher sehr auf die Gunst der Stunde und der Saison angewiesen. Von den musikalischen Signalen, die das Leben regelten, ist immerhin das Glockenspiel geblieben: Nach einer Restaurierung des Belfrieds, die im Juni abgeschlossen sein soll, wird Brügges »höchster Beamter« hier wieder regelmäßige Carillonkonzerte geben. Und auch wenn heute keine Nonnen mehr durch die Stadt ziehen, so sieht man die schwarz gekleideten Gestalten doch noch immer zu den Stundengebeten aus den weißgetünchten Häusern des seit dem 17. Jahrhundert unverändert gebliebenen Beginenhofs zur Kirche eilen, um dort die uralten gregorianischen Wechselgesänge anzustimmen. Und in viel zu kurzen zwei Wochen im Spätsommer bringt das renommierte Festival Musica Antiqua Brügge der Stadt regelmäßig ihre einstige musikalische Bedeutung zurück. Für das Ansehen des Festivals, das in diesem Jahr vom 6. bis 15. August stattfindet, sind allerdings nicht nur die Veranstaltungen mit europaweit bekannten Spitzenensembles der Alten Musik von Bedeutung. Sehr exklusiv gibt sich auch der seit 1964 bestehende internationale Musikwettbewerb: In den Kategorien Cembalo und historischer Hammerflügel werden sich die Teilnehmer in diesem Jahr dem Urteil von so renommierten Juroren wie Gustav Leonhardt stellen. Ungewöhnlich großes Gewicht hat in Brügge aber auch der Publikumspreis – und das liegt nicht zuletzt an dem Musikinstrumentenmarkt, der zeitgleich mit dem Festival abgehalten wird. Als eine der weltweit größten Ausstellungen für historische Instrumente trägt er auch zur legendär fachkundigen und anspruchsvollen Hörerschaft des Festivals bei.

Musikalische Zeitreisen

Dass sich die Stadt und ihre gut 100.000 Einwohner zählende Region inzwischen auch ganzjährig und über die Grenzen der Alten Musik hinaus als Musikstadt präsentieren, ist eine Folge der Wahl Brügges zur Europäischen Kulturhauptstadt 2002. Zu diesem Anlass wurde vor den Toren der Altstadt das neue Concertgebouw (Konzerthaus) eröffnet. Während die Außenhaut des massigen Gebäudes das Ziegelrot der Altstadt reflektiert, gibt sich das Innere mit seinen großen Sichtbetonflächen und seinem von pastellfarbenen Lamellen gezierten großen Saal nüchtern-zeitgenössisch. Das Profil des Hauses wird vom Dreiklang seiner wichtigsten Nutzer geprägt: Hierzu gehört neben der Tanzcompagnie Rosas auch das Musiektheater Transparent, eines der renommiertesten Ensembles in der gerade im Beneluxgebiet sehr aktiven Kammeropernszene. Dritter im Bunde ist das Ensemble Anima Eterna Brügge. Schon 2002 hatte der auf historischen Instrumenten musizierende Klangkörper das Haus eingeweiht, seit diesem Frühjahr ist man offizielles Hausorchester und hat seinen Sitz in Brügge genommen.
Der Leiter und Gründer von Anima Eterna ist Jos van Immerseel, der mit diesem Engagement seine Leidenschaft für ein Musizieren auf historisch adäquaten Musikinstrumenten bis in das 20. Jahrhundert ausweiten konnte. Das Ensemble werde projektweise zusammengestellt und könne bis zur Stärke eines vollen Sinfonieorchesters anwachsen, erzählt uns der belgische Maestro. Die Akustik des Concertgebouw lasse sich mit Hilfe verstellbarer Lamellen hervorragend dem jeweiligen Programm anpassen: »Der Saal kann sehr trocken klingen oder wie eine Kathedrale«, schwärmt er.
Lohn der Mühe, so zeigte Anima Eternas Einstandskonzert als Brügges Hausorchester, sind musikalische Zeitreisen, die ähnlich frappierend wirken wie ein Besuch in der restaurierten Altstadt – und das, obwohl man sich mit Werken wie César Francks d-moll-Sinfonie und Ravels »Don Quichotte à Dulcinée« hart an die Grenze der Gegenwart begibt. Noch vor 15 Jahren habe es nicht genug Spezialisten gegeben, um Musik der Ravelzeit auf zeitgenössischen Instrumenten zu spielen, sagt van Immerseel. Und noch heute ist dies nur möglich, weil einige Ensemblemitglieder ihre Instrumente selbst restaurieren oder sogar bauen. Der Unterschied ist deutlich hörbar: Die Leichtigkeit und Durchsichtigkeit des Blechbläsersatzes und der holzigere, aber auch facettenreichere Klang der französischen Fagotte, Oboen und Klarinetten lassen die Stücke in deutlich transparenteren Farben leuchten. Purismusvorwürfen kann van Immerseel, der nicht nur in der Musik, sondern auch als Tourist und Gourmet auf der Suche nach authentischen Erlebnissen ist, darum ziemlich gelassen begegnen: »Wenn ich japanisch essen will«, schmunzelt er, »dann will ich ja auch kein Ketchup auf mein Sushi!«

RONDO Ausgabe 3 / 2010



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Antisemitisch!

Nachrichten und Meinungen aus der Musikwelt

Lange ist es her, als der englische Geiger Nigel Kennedy mit seinem Irokesen-Haarschnitt und […]
zum Artikel »

Pasticcio

Glückwunsch und weiter so!

Meldungen und Meinungen aus der Musikwelt

Da hat man gerade am Orchesterspiel Blut geleckt – doch wer beim Bundesjugendorchester das 19. […]
zum Artikel »




Top