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Noch ein Jubilar: Félicien David

Weiße Hose, rote Weste

Neben Schumann und Chopin nimmt sich der 1810 geborene Félicien David ziemlich durchgeknallt aus: Mit einem Eisenklavier durchwanderte er den Orient, erwartete die Ankunft eines weiblichen Messias und stellte mit seinen Riesenbesetzungen selbst Berlioz noch in den Schatten. Ein Fall für Herbert Rosendorfer und ein Plädoyer für einen einflussreichen Tonsetzer, der selbst vergessen ist.

Nicht nur, weil ihr mattsilberner Glanz das Gold der Leitfossilien erst zum Leuchten bringt, sollte man die sogenannten Kleinmeister nicht verachten. Ihre Musik, wenn sie denn ausnahmsweise hörbar gemacht wird, bietet oft erstaunliche Spazierwege abseits der vielbegangenen Kulturstraßen. Wer, zum Beispiel, im Auto – wie viele Klassikhörer umkränzen die triste Fahrt mit Musik? Wie viel Prozent des Klassikkonsums verläuft so? Wurde auch noch nicht untersucht – wer also so das Klaviertrio in d-Moll (sein zweites von dreien) von Félicien David hört, zu spät eingeschaltet, die Ansage nicht mitgehört hat, wird raten: deutsche Romantik, aber anders? Noch nicht Brahms, aber ...? Hätte Beethoven ... ja, sage und schreibe, Beethoven, an den manche Wendung anklingt, so geschrieben, wenn er bis 1840 gelebt hätte (da wäre er ja erst 70 gewesen, andere wurden älter)? Oder Schubert?
Nein: von Félicien David, dessen 200. Geburtstag (am 13. April) von den Geburtstagen der »Jahresregenten« Chopin und Schumann hoffnungslos überstrahlt wird.
Dabei ist David nicht nur in musikhistorischer Hinsicht interessant. Der früh Verwaiste bildete sich – als Gerichtsschreiber in der französischen Provinz arbeitend – zunächst autodidaktisch aus, bezog aber später, von Cherubini, dem allmächtigen Chef dort halbherzig geduldet, das Conservatoire und verließ es ohne einen Preis, schon gar nicht mit dem heißbegehrten Prix de Rome. Die Begegnung mit dem jungen Maler Pol Justus 1831 veränderte Davids Leben. Justus war »Saint-Simonist«. Die Saint-Simonisten waren eine sektenartige, freireligiöse Vereinigung, die auf die Ideen des Grafen Henri de Saint-Simon zurückging, eines späten Verwandten des Herzogs von Saint-Simon, des Verfassers der berühmten Memoiren aus der Zeit Ludwigs XIV. Der Graf von Saint-Simon, der zu der Zeit, als David zu den Saint-Simonisten stieß, schon gestorben war, hatte eine utopisch-philosophische, aber auch soziologische und nationalökonomische Lehre entwickelt, die aus den Ideen der Französischen Revolution hervorging, aber philantropisch mit starken sozialen Aspekten war. Wie alle Utopisten glaubte Saint-Simon mit seiner Lehre eine bessere, gerechtere Welt erschaffen zu können. Freilich blieb er selber im Theoretischen, erst sein Adept Barthélemy Prosper Enfantin formte aus den Anhängern dieser Lehre eine Art »Kirche«, der auch David beitrat. Enfantin, der sich zum Père Suprême dieser »Kirche« aufschwang, betonte die humanisierende Wirkung der Künste, besonders der Musik, verstieg sich allerdings auch ins Nebulos-Mystagogische. David wurde der Chefkomponist der Saint-Simonisten und verfaßte eine große Zahl von politischen und liturgischen Chören und viele Chansons, nämlich Arbeiterlieder.

Abenteuer im Orient

Die Regierung beäugte das Treiben der Saint-Simonisten, obwohl sie niemandem etwas zuleide taten, mit Misstrauen. Enfantin wurde sogar eingesperrt, worauf eine Anzahl von Saint-Simonisten den aberwitzigen Plan fasste, in den Orient auszuwandern, unter ihnen David. (Er kleidete sich in die Saint-Simonisten- Tracht: weite weiße Hosen, rote Weste, violetter Mantel, dazu Haare und Bart lang.) In Konstantinopel hatten sie wenig Glück, der Großsultan ließ sie ausweisen. In Ägypten waren sie offenbar willkommen. Sie entwickelten den Plan, einen Suezkanal zu bauen (1835!), warteten im Übrigen auf die Ankunft des Messias: eines NB! weiblichen Messias, der »Femme-Messie«. Sie kam nicht, auch das Geld ging aus, die Gruppe lief auseinander, David kehrte nach Frankreich zurück. Er hatte bei dem ganzen Abenteuer ein Eisenklavier (was immer das war) mit sich geschleppt. Im Orient hatte sich David für arabische Musik interessiert, oder dafür, was er für eine solche hielt. In Frankreich zurück, begann er Musik (mit europäischen musikalischen Mitteln) in diesem Sinn zu komponieren, wobei megalomanische Züge sichtbar (und vor allem hörbar) wurden. Seine »Odes symphoniques«, nämlich »Le désert« (1844/45), »Moïse au Sinaï« (1846) und »Christophe Colombe ou la découverte du nouveau monde« (1847) erforderten einen Aufwand, der selbst den übertraf, den Berlioz forderte. Aber die Musik wurde aufgeführt und hatte Erfolg, wenngleich nur ephemären. Dennoch wirkte sie weiter. Der Exotismus in der französischen Musik, dem Gounod, Bizet, Saint-Saëns, Delibes bis herauf zu Debussy und Ravel huldigten, geht auf diesen Félicien David zurück. Er selber, 1876 gestorben, wurde vergessen. Aber auch in anderer, seltsamer Weise wirkte David fort, denn Liszt interessierte sich nicht nur für seine Musik, sondern auch für die Saint-Simonistischen Ideen, an denen ihm, wie nicht anders zu erwarten, die Vorstellung vom »Priester-Künstler« gefiel. Es ist nicht zu übersehen, dass davon einiges in Richard Wagners Denkvorstellungen einfloss: Seine verworrene Erlösungsphilosophie geht mit darauf zurück. Anderseits haben Marx und Engels eingeräumt, dass die Saint-Simonisten die Wegbereiter ihrer Lehre waren, wenngleich noch unfertig, selbstredend. In seinen späteren Jahren schrieb David dann Kammermusik, die eingangs erwähnten Trios etwa, in der nichts von Orientalismus und Saint-Simonismus zu spüren ist, und, ganz eigenartig: eine Reihe von eher harmlosen komischen Opern, von denen »Lalla-Roukh« nach einem Text des Offenbach-Librettisten Michel Carré ein großer Bühnenerfolg wurde. Sogar offizielle Ehrungen erreichten ihn: 1862 erhielt er die Légion d’Honneur. Aber noch einmal überkamen ihn seine sozialrevolutionären Ideen: Er musste den blutig niedergeschlagenen Aufstand der Commune 1870 erleben, was ihn so tief erschreckte, dass er sich von der Welt zurückzog. Er komponierte nichts mehr und bestellte nur noch den Garten seines Hauses in Saint-Germain-en-Laye.

Herbert Rosendorfer, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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