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25 Jahre Lautten Compagney

Lauter Diven

Gern verlässt die Berliner Lautten Compagney die Pfade der »reinen Lehre«. Und wie kaum einer anderen Alte-Musik-Truppe gelingt ihnen das Paradox, die Werke der Vergangenheit aus ihrer Entstehungszeit zu begreifen und dabei doch ganz gegenwärtig klingen zu lassen.

Einem alten Klischee zufolge sollen Lautenspieler ja zurückhaltende, ätherische Wesen sein. Dem entspricht Wolfgang Katschner nicht: Er ist ein ebenso robust wie präsent wirkender Mann, der auch gerne mal seinen heimischen Berlin-Brandenburgischen Dialekt in die Rede einfließen lässt. Der Verlauf seiner Karriere allerdings entwickelte sich lange mit der leisen Eindringlichkeit des Lautenspiels. Begonnen hatte alles mit einem Gitarrenstudium, das der 1961 geborene Katschner noch zu DDR-Zeiten an der Hochschule für Musik Hanns Eisler aufnahm. Transkriptionen von Lautenwerken der Renaissance und des Barock gehörten selbstverständlich auch zum Repertoire. Es war die Neugier, diese Stücke auf dem ursprünglich für sie bestimmten Instrument zu spielen, die Katschner zur Laute greifen ließ. Im Händeljahr 1985 gründete er zudem eine Kammermusikformation, die mit ihrer reich besetzten Generalbass-Gruppe nicht nur ihm, sondern auch noch weiteren Lautenisten ein reiches Arbeitsfeld eröffnete: Die »Lautten Compagney« war geboren.
Das Jahr 1990 brachte für Katschner gleich eine doppelte Wende: Er machte sich nach Frankfurt am Main auf, um sich dort bei Yasunori Imamura noch einmal ausschließlich dem Studium der Laute zu widmen. Mit feinsinnig ausgesuchten Programmen machte sich die Lautten Compagney zwar schnell einen hervorragenden Namen. Doch erst die Entscheidung, auch in Orchesterstärke zu musizieren (und, was Katschner betraf, beim Dirigieren größerer Werke auch einmal die Laute aus der Hand zu legen) sorgte dafür, dass man neben der Akademie für Alte Musik als Berlins wichtigstes Spitzenensemble für historische Aufführungspraxis wahrgenommen wird.
Mit »Handel With Care«, dem offiziellen Programm zum 25. Ensemblejubiläum, wurden die Orchestermusiker erstmals selbst zu Diven. Zahllose Aufführungen von Werken Händels habe man absolviert, erzählt Katschner, »aber in zwei Dritteln dieser Zeit haben die Instrumentalisten die Sänger zu begleiten«. Das wollte man zur Jubiläumsfeier nicht einfach wiederholen – und auch keine originalen Orchesterstücke von Händel spielen, die Katschner nämlich für schwächer hält als die Vokalmusik. Und so dürfen in seinem Arrangement nun Geigen, Oboen, Flöten, aber auch Kontrabass und Laute in die Rolle von Solisten schlüpfen. Dass bei einem solchen Rollentausch »viel Emotionalität freigesetzt« wird, bekam Katschner bei den heißen Probenphasen zu spüren.
So stark die Außenwirkung seiner Projekte auch ist und so sehr sie sich von der reinen Lehre der historischen Aufführungspraxis zu entfernen scheinen – den Anspruch, Werke der Vergangenheit aus ihrer Entstehungszeit zu begreifen, um mit diesen Erkenntnissen kreativ umzugehen, hat sich nicht verändert. Wie heftig es in Katschners Forschungslabor brodelt, das zeigt die Zusammenarbeit mit der Singakademie zu Berlin, mit der man in zahlreichen und oft informellen Konzerten musikalische Schätze aus dem Archiv des Chors zur Wiederaufführung bringt. Jüngstes Kind dieser Zusammenarbeit ist die »Symphonische Compagney«, in der Katschners Mitstreiter Berlins erstes Orchester mit Instrumenten des 19. Jahrhunderts bilden – um damit beispielsweise Schumanns Fassung von Bachs Johannespassion vorzustellen. An die große Glocke hat Katschner diese Pioniertat allerdings noch nicht gehängt: Da ist er dann doch wieder ganz Lautenist.

Neu erschienen:

Handel With Care

Lautten Compagney, Wolfgang Katschner

Sony Classical

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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