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Isabelle Faust

»Lieber oben ohne«

Name ist Schall und Rauch – dies gilt auch und vor allem für die famose Geigerin Isabelle Faust, deren Violinspiel gar nicht grüblerisch wie ihr literarischer Namensvetter, sondern leidenschaftlich, frisch und beherzt daherkommt. Wir besuchten die am Neckar geborene Violinistin in ihrer schönen Altbauwohnung in Berlin und sprachen mit ihr über »Dornröschen«, Lernen ohne Noten und Bach schulterfrei.

RONDO: Frau Faust, auf dem Cover Ihrer neuen CD stehen Sie da wie ein weiblicher Samurai. Sind Sie so?

Isabelle Faust: Ich weiß eigentlich nicht, wie ein weiblicher Samurai zu sein hat! Das Foto gefällt mir sehr – und auf dem japanischen Markt kommt es besonders gut an. Mir gefiel die Kulisse der Neuen Nationalgalerie in Berlin, vor der wir die Fotos gemacht haben.

RONDO: Sie spielen die zweite Hälfte von Bachs Sonaten und Partiten. Hat das den Vorteil, dass man den »ersten« Teil noch abblasen kann?

Faust: (lacht) Das habe ich fest vor, nicht zu tun! Das Ganze ist ja als Zyklus gedacht. Aber es gehört schon eine Portion Mut zu diesem Projekt, und an selbstkritischen Zweifeln fehlt es nicht. Es ist sicher nicht immer leicht, überzeugt zu sein von dem, was man da tut. Und ich wage zu behaupten, dass eine vollkommene Sicherheit ohne Selbstzweifel zu einer eindimensionalen Interpretation führen muss. Unsere Arbeit besteht darin, nichts endgültig zu definieren. Ich lege mich nicht auf Wahrheiten fest.

RONDO: Bei wem holt man sich heute eine Stilberatung, wenn man Bach spielt. Oder versteht sich die Spielweise inzwischen schon wieder von selbst?

Faust: Tatsächlich habe ich mich nicht getraut, Bach einfach so aufzunehmen. Ich habe in unendlich viel Literatur gestöbert. Zum Beispiel wegen der Verzierungen. Auch bei dem von mir verehrten, guten Freund Andreas Staier habe ich mir den Segen geholt. Aber danach ging es für mich darum, einen natürlichen, für mich subjektiv wahren Bach zu spielen.

RONDO: Viele Geiger haben die Sonaten und Partiten aufgenommen. Welches sind die Klassiker?

Faust: Für mich vielleicht Arthur Grumiaux und Henryk Szeryng. Eher schlank im Ton, sehr rein und nie verschnulzt. Inzwischen auch diejenige von Viktoria Mullova. Es gibt gar nicht viele heutige Geiger, die bei diesen Werken historische Ansätze zeigen. Artikulation, Darmsaiten, Verzierungsnoten und spezielles Vibrato, all diese Dinge beherzigen wenige. Ich versuche es.

RONDO: Bei Ihrem Bach fällt ein gewisser, sehr schöner Silberton ins Ohr.

Faust: Vielleicht kommt das durch den Barockbogen, den ich ausnahmsweise verwende. Es mag auch an meinem sehr hell klingenden Instrument liegen, das ich sehr liebe. Fast ein Laserklang. Aber ein warmer Laser.

RONDO: Sie kommen aus einer musikalischen Familie und sind die vermutlich einzige berühmte Solistin, die nach der Suzuki-Methode begonnen hat – ohne Notenkenntnisse.

Faust: In Europa könnte ich die einzige sein. Ich habe auch anfänglich mit dem Vom-Blatt-Spielen meine Schwierigkeiten gehabt. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich acht oder neun war und schon längst im Schulorchester spielte, das meine Mutter leitete, die ganze Familie spielte mit. Erst da erklärte mir mein Bruder, wie man zum Beispiel eine Pause durchzählt! Trotzdem spiele ich heute immer mehr neues Repertoire von Noten. Wenn man am Anfang einer Musikerlaufbahn steht, wird das oft als Unsicherheit ausgelegt. Was für ein Unsinn! Ich frage mich oft, ob es um die Musik geht oder aber vielleicht doch ums Showbiz.

RONDO: Ein bisschen Showbiz gehört schon dazu, oder?

Faust: Ja, es geht jedes Mal darum, die Magie der Musik im Augenblick zu vermitteln. Sogar eine schöne Abendrobe gehört für mich dazu.

"Es geht jedes Mal darum, die Magie der Musik im Augenblick zu vermitteln."

RONDO: Warum spielen Geigerinnen so oft schulterfrei?

Faust: Es ist halt störend, wenn man zu viel Stoff zwischen Geige und Schulter hat. Der Kontakt mit dem Instrument ist wichtig! Dass Anne- Sophie Mutter nur schulterfrei spielen mag, kann man aus diesem Blickwinkel betrachtet durchaus nachvollziehen. Aber letztlich ist es sicher eine Frage der Gewohnheit, die Männer schaffen das ja auch anders ... wobei es bei denen auch einen Trend gibt hin zu dünnen, leichten Stoffen.

RONDO: Fünf Jahre lang haben Sie die zweite Geige in einem Streichquartett gespielt. Scherzhaft gefragt: Das wird man nie wieder los?

Faust: Ich hoffe sehr, dass man das nicht wieder loswird. Ich finde, dass es im Grunde wenig Repertoire gibt, das nicht von der Kammermusikperspektive her beleuchtet werden kann! Sobald es um ein musikalisches Miteinander geht und die einzelnen Stimmen in Beziehung zueinander treten, hilft mir meine Erfahrung aus dem Quartett. Dies trifft auch auf ein Brahms-Violinkonzert oder eine Matthäuspassion zu! Freilich, es gibt Stücke von Kreisler oder Sarasate, bei denen das Klavier eben nur Plum-Plum macht, das ist sogar für mich keine Kammermusik mehr.

RONDO: Ihre Stradivari hört auf den schönen Namen »Dornröschen«. Entspricht Ihnen diese Märchenfigur?

Faust: Ich bin nicht so gut in Märchen. Mein Sohn wollte die nicht so gerne hören. Und wir haben versucht, ihm keine Angst einzujagen. Das Aufwecken meiner »Dornröschen«-Geige war allerdings tatsächlich eine Prozedur, die den Namen der Geige rechtfertigt. Sie war sehr lange nicht gespielt worden – daher der Name. Und verhielt sich verschlafen wie ein ganz neues Instrument. Eine komplizierte Geige mit Launen und Stimmungsschwankungen, die spieltechnisch nicht jedem gefallen würde. Erst nach etwa sechs Jahren war sie soweit ….

RONDO: Was machen Sie, wenn »Dornröschen« schlecht drauf ist?

Faust: Ich schlage drei Kreuze und warte auf Besserung. Sie klingt jeden Tag anders. Ich bin ihr aber seit 14 Jahren treu.

RONDO: Was würden Sie nie aufnehmen?

Faust: Wahrscheinlich Tschaikowskis Violinkonzert. Da gibt es zu viele gute Aufnahmen! Oder vielleicht Louis Spohr. Auf Stücke wie Vaughan Williams »Lark Ascending« kann ich gut verzichten. Und vieles Andere muss ich nicht einspielen: Vieuxtemps, Goldmark. In die Konzerte von Paganini hab ich erst neulich wieder reingehört, weil ich dachte: Das wäre mal wieder interessant! Aber sie klingen alle gleich.

RONDO: Glauben Sie, dass Ihr Kindheitsidol Anne-Sophie Mutter bis heute etwas für Geigerinnen verändert hat?

Faust: Es gab immer schon große Geigerinnen, ich denke an Jelly d’Arányi, Ginette Neveu und Ida Haendel. Trotzdem war Anne-Sophie Mutter für Mädchen meiner Generation DIE Geigerin schlechthin. Ich erinnere mich, dass dann plötzlich Midori auftauchte. Das war eine kleine Revolution. Heute dagegen kann man bei all den immer jünger werdenden Geigenmädchen fast schon nach den Jungs suchen ...

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1004-1006

Isabelle Faust

harmonia mundi


Kontrapunkt auf vier Saiten

Johann Sebastian Bach hat Sonaten und Partiten für Violine solo nicht erfunden – aber er hat sie, wie so vieles, zur Vollendung geführt. Der Kontrapunkt auf einem einzigen Saiteninstrument, das war sein Ziel. Eine Fuge für Klavier konnte jeder – eine Fuge für Violine (oder Violoncello) solo: Das war die Königsdisziplin. Nach Bachs Tod allerdings kümmerte sich keiner mehr um diese so mathematische wie emotionale Musik. Erst über ein Jahrhundert später tat Robert Schumann etwas, was zwar Ausweis seiner Liebe zu Bach war, aber letztlich auch zeigte, dass er ihn eigentlich nicht verstanden hatte: Er komponierte noch eine Klavier- Begleitstimme dazu. Die geht sehr respektvoll mit Bach um, sie harmoniert praktisch nur. Aber sie ist natürlich völlig überflüssig.
Schumann war dennoch ein »Eingeweihter«. In die breitere Welt kamen die Bach’schen Solowerke auf kuriosem Wege. Es existiert ein wunderbares, (im wahrsten Sinne: gestochen) klares Autograf von Bachs Hand, datiert 1720 – mithin in Köthen entstanden. Dieses Autograf tauchte erst 1890 wieder auf und wurde einem ebenfalls Bachverehrer zum Kauf angeboten, nämlich Johannes Brahms, der es aber als eine Fälschung ablehnte! Auf diversen Umwegen gelangte es dann 1917 an die Berliner Königliche Bibliothek, wo offenbar jemand erkannte, was er da wirklich in der Hand hatte: einen der sensationellsten Funde der Musikgeschichte! Man hat diese Stücke schon das »Neue Testament des Geigenspiels « genannt. Aber wenn’s schon die Bibel sein soll, dann doch bitte »Neues und Altes Testament« ...


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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