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Musik der Welt

Gefäß der Lieder

Ob jiddische Lieder, Klezmer oder traditionelle jüdische Instrumentalmusik: Mit der Sammlung »Sol Sajn: Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einflüsse (1953–2009)« glückte den Herausgebern eine der faszinierendsten Anthologien der CD-Geschichte. Sie dokumentiert eine lebendige Kultur, die ganz unterschiedliche Einflüsse in sich vereinigt – und bewahrt, was fast verloren schien.

»Jüdische Musik in Deutschland zu spielen, ist seltsam, weil es so normal ist«, meint der Liedermacher Geoff Berner. Sein Publikum sei größtenteils das gleiche wie in anderen Ländern. Allerdings sei es in Deutschland zu vermeiden, »eine Art Bußkonzert für die nationale Schuld des deutschen Volkes zu veranstalten. ›Hört diese Musik! Erleidet meine Meinung! Ihr werdet dadurch bessere, rechtschaffenere Menschen werden!’« Berner ist einer der vielen Interpreten einer der faszinierendsten Anthologien der CD-Geschichte: »Sol Sajn: Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einflüsse (1953–2009)«, die eben bei Bear Family (BCD 16913– 16) erschienen ist, dem kleinen Label für große Editionen. Vor einem Jahr hatte Bear Family mit dem preisgekrönten »Jazz in Deutschland« Aufsehen erregt. »Sol Sajn« gibt sich mit einer ähnlichen Aufmachung und dem gleichen Umfang sofort als Geschwisterstück zu erkennen: Vier ästhetisch sehr ansprechend gestaltete Digipacks mit je drei CDs, von denen jede um ein bestimmtes Thema kreist: »Die Folkbewegung entdeckt das Jiddische Lied«, »Jiddisches Lied in der DDR«, »Jiddische Lieder aus europäischen Nachbarländern«, »Das amerikanische Klez- Gefäß der Lieder mer-Revival in Deutschland«, »Der Einfluss von Giora Feidman«, »Die ›Jiddische’ Welt zu Gast in Deutschland«, »Weiterentwicklung des jiddischen Liedes in Deutschland«, »Musik eingewanderter Juden aus Osteuropa und internationale Kooperationen«, »Klezmer auf den Spuren von Dave Tarras und Naftule Brandwein«, »Klezmer aus den USA um die Jahrtausendwende«, »Welt-Schtetl Weimar« und »Neue jiddische Welle«.
Wer sich neugierig auf diese zwölf CDs einlässt, begibt sich wirklich auf eine Reise durch die Zeiten und in alle vier Himmelsrichtungen. Das Wort Deutschland im Titel kann und will ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit Interpreten aus aller Herren Länder zu tun haben, insbesondere aus Amerika und Osteuropa. Vorgestellt wird nicht nur, wer hier, wenn vielleicht auch nur kurz einmal, aufgetreten ist, sondern wessen Musik in Deutschland Einfluss ausgeübt hat. Andererseits hatten, das wird ebenso klar, Deutschlands Publikum, Produzenten und Musiker auch großen Einfluss auf das Genre. Aber was ist dieses Genre? Wer sich auf das Hörabenteuer einlässt, wird erfahren, dass die Vielfalt jiddischen Musizierens schlicht verwirrend ist. Zu Beginn der Hörreise glaubt man vielleicht, das Genre sei klar abgrenzbar. Da ist einerseits das Lied in jiddischer Sprache, andererseits Klezmermusik, die traditionelle jüdische Instrumentalmusik. Doch schon seit je gibt es Überschneidungen in Repertoire und Stilistik mit Musik osteuropäischer, balkanischer und griechischer Musik, mit Musizierweisen der Sinti und Roma. In den Vereinigten Staaten, von denen in den Siebzigerjahren das Klezmer-Revival losging, kamen Einflüsse aus Jazz und anderen amerikanischen Musikformen hinzu. Am Schluss der Reise – die letzte CD hat den bezeichnenden Untertitel »Klezmer ist tot! Lang lebe Klezmer!« – stellt man fest, dass sich heute im Zeitalter der »World Music« natürlich überhaupt nichts abgrenzen lässt. Jüdische und nichtjüdische Interpreten singen jiddisch oder auch nicht. Sie greifen auf Free Jazz, klassisches Kunstlied, Reggae, Tango, Techno, Hip- Hop, Salsa – Sie haben es erraten – schlicht alles zurück. Der Bezug zum Jiddischen mag dann unter Umständen nur in der Wahl eines Instruments, eines Texts oder ganz subjektiv in einem Zugehörigkeitsgefühl bestehen.

Meinungsstreit der jiddischen Szene

Ist es da erstaunlich, dass jiddische Musik seit Längerem unter einem Streit der Auffassungen leidet, der die Szene aber auch befruchtet? Hat man sich im Jazz damit abgefunden, dass es Traditionalisten und Neuerer gibt, ja dass es ohne so ein dialektisches Wechselspiel wohl in keiner Kunst gehen kann, geht es im Meinungsstreit der jiddischen Szene, der noch vor 20 Jahren viel heftiger tobte als heute, um etwas Existenzielles. Wenn eine Kultur fast verloren gegangen ist, durch Verfolgung, Vernichtung und Assimilation, besteht dann eine Aufgabe nicht darin, Überliefertes zu erhalten, Vergessenes zu rekonstruieren? Daher gibt es Musiker, die durch die Welt reisen, Archive durchstöbern, in detektivischer Kleinarbeit vergilbte Notenblätter und verkratzte Schellacks studieren. Sie wissen, dass man vor 90 Jahren in der Ukraine die gleiche Melodie ganz anders verziert hätte als vor 80 Jahren an der amerikanischen Ostküste, und berücksichtigen dann in ihrer Musik aufführungspraktische Feinheiten, die andere wiederum weder heraushören noch kümmern. Und dann gibt es jene, die der Philosophie des argentinisch-israelischen Klarinettisten Giora Feidman folgen, der mehr wie jeder andere Klezmermusik in Deutschland popularisierte. Er erinnert daran, dass das Wort »Klezmer« »Gefäß des Liedes« heißt. Für ihn ist der Musiker »wie eine Leitung, durch die das Wasser, das heißt die Kunst, fließt.« Musik sei die »Sprache der innersten Seele« und in diesem Sinne könne jeder ein Klezmer sein. Für ihn ist »jede Interpretation Improvisation«, bei der man auf die innere Stimme hört. Beiden Strömungen geht es um Authentizität, aber eben einer ganz anderen. Bewegende Musik, das genießt man in 15 und einer dreiviertel Stunde, kommt aus allen Lagern.
Dass die kompetenten Kompilatoren und Kommentatoren zugleich Leute der Forschung und der Praxis sind, Größen wie Dr. Alan Bern und Heiko Lehmann, die selbst seit langer Zeit zur Geschichte dieser Musik beigetragen haben, macht die begleitende Lektüre besonders interessant. Da finden sich zu allen Aufnahmen (von denen einige übrigens Raritäten sind) nicht nur Biografien, Fotos, vollständige diskografische Angaben und die Texte der Lieder (»nur« auf Deutsch), sondern sogar Zitate der Musiker, die nicht etwa nur von den ursprünglichen CD-Booklets stammen, sondern zum Beispiel aus privaten E-Mails. Kurz: Die vier je 100- bis 140-seitigen Booklets nähme man wie Fachnachschlagewerke oft und gern in die Hand, lösten sie sich nicht auch bei sorgfältiger Nutzung leicht zu einem Wald loser Blätter auf – der einzige Wermutstropfen dieser Anthologie. Sie wird in jeder guten Sammlung ihren Platz finden neben Joel Rubins zahlreichen bei Trikont und Wergo erschienenen Anthologien jüdischer Musik.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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