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Neue alte Operetten-Aufnahmen

Wunderbar!

Die Serie »Traumland der Operette« geht in die dritte Runde. Und sie entdeckt – dem verdächtigen Titel zum Trotz – eine längst vergangene Operettenwelt von laszivem Witz und metrosexueller Zweideutigkeit. Eine Fundgrube für Einsteiger und Fortgeschrittene – wie Robert Fraunholzer findet.

Als Anneliese Rothenberger kürzlich starb, erinnerte man sich nochmals der betonfrisierten, in Strass und Ballroben bürgerlich aufgesteiften Operette, deren Protagonistin die Rothenberger war. Wenige wissen, dass diesem späten Boom der Sechziger- und Siebzigerjahre ein reichhaltiger Schwung von Operetten-Gesamtaufnahmen voranging, die sich näher ans Original hielten. Sie waren weit weniger prüde und wohlerzogen. Jetzt kann man sie wieder hören, dank einer Flut von Wiederveröffentlichungen der Firma »Membran«, innerhalb derer uns eine dritte, kräftige Welle erreicht.
Geradezu sensationell: das Doppelalbum mit Uraufführungsbesetzungen des 20. Jahrhunderts (»Die großen Premieren«). Da schmachtet der legendäre Wiener Komiker Alexander Girardi mit brüchiger Vorstadt-Grandezza seinen »alten Stradiwari« an (in Kálmáns »Zigeunerprimas«). Die naturbelassene Restsüße einer Paula Wessely als »Sissi« und Hubert Marischkas strizzihafter Danilo (»Die Lustige Witwe«) charmieren ebenso wie Richard Tauber (»Land des Lächelns«), Siegfried Arno (»Im Weißen Rössl«) und Fritzi Massary (»Madame Pompadour«).
Was man aus diesen Uralt-Petitessen lernt, ist der unverhohlen laszive Witz, die metrosexuelle Zweideutigkeit, die damals in der Operette herrschte. Erst als die Nazis den schönen Operettensumpf trockenlegten, weil das Regime mit eben dieser Freizügigkeit haderte, ging alles den Bach hinunter. Ein Tröpfchen der frivolen Feuchtigkeit freilich lebt noch in eben jener Generation früher Operetten-Gesamtaufnahmen, die bald nach dem Krieg von den Rundfunkanstalten gemacht wurden. Sie sind umso mehr zu preisen, als ihre Atmosphäre noch nicht von schwankenden Fernsehkulissen korrumpiert und von Äppelwoi vernebelt war.
So gelang etwa Robert Stolz 1955 die lässig schwungvollste (und schnellste) Ouvertüre zum »Zigeunerbaron« (in der bemerkenswerten Gesamtaufnahme mit Hans Hopf und Kurt Böhme). Paul Burkhard als Dirigent von Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« konnte 1958 noch einmal den legendären Max Hansen (als Jupiter) reaktivieren. Und Rudolf Moralt gelang es, Hilde Güden für einen »Giuditta«-Querschnitt zu buchen (hier als Bonus zu: »Land des Lächelns« mit Rudolf Schock). Werner Schmidt-Boelcke wiederum entdeckte 1956 Brigitte Mira als Zofe für Johann Strauß’ »Tänzerin Fanny Elßler«. (Neu unter seiner Leitung auch: Gesamtaufnahmen von »Gräfin Mariza« mit Sári Barabás und »Paganini« mit Rudolf Schock und Anny Schlemm.)
Der ungekrönte König dieser dritten Lieferung von »Membran«-Operetten – in schöner Pappschachtel-Aufmachung – ist freilich erneut der nur noch in Fachkreisen bekannte Franz Marszalek. Ihm glückten 1958 mit dem »Letzten Walzer« von Oscar Straus (mit René Deltgen und Anny Schlemm) und 1950 mit Leo Falls »Der liebe Augustin« (mit Franz Fehringer, Bonus: Highlights aus »Der süße Kavalier«) echte Raritäten in satisfaktionsfähigen Gesamtaufnahmen.
Ergänzt wird die Lieferung durch späte, integrale, in diesem Fall allerdings grenzwertige Einspielungen von Offenbachs »Banditen« (1981 mit Martha Mödl und Heinz Kruse, Dirigent: Pinchas Steinberg) und von Eduard Künnekes unverwüstlichem »Vetter aus Dingsda« mit der Tochter des Komponisten, Evelyn Künneke, als »Wimpel« (1982). Zu dieser Zeit war es mit dem Operettengeist offenbar doch aus und vorbei. Superb dagegen ein Raritäten- Eintopf (Folge 3) mit Unfassbarkeiten wie Erika Köth im »Orlow« von Bruno Granichstaedten und »Veilchen von Montmartre« (Kálmán) sowie Lore Lorentz in »Mädi« (von Robert Stolz) und »Die Teresina« (Oscar Straus). Wunderbar!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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