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Buchneuerscheinungen zu Gustav Mahlers 150. Geburtstag

Heimatlos – und doch angekommen?

Zum 150. Geburtstag von Gustav Mahler nähern sich zahlreiche Buchveröffentlichungen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln diesem Zeitgenossen der Zukunft an. Guido Fischer stellt sie vor.

»Mahler ist da, er ist durchgesetzt, er ist populär, er ist weltweit ein Komponist, der die Konzerthäuser füllt und die Plattenkataloge symphonischer Musik in vorderster Reihe bestimmt.« Zu diesem Resümee kommt Jens Malte Fischer fast zum Schluss seines vom Umfang und Inhalt her schwergewichtigen Mahlerporträts »Der fremde Vertraute«. Und für seine apodiktische Feststellung »Mahler ist da« hatte Fischer selbst den entsprechenden Nährboden geliefert. Denn seine bereits vor sieben Jahren veröffentlichte Biografie sorgte angesichts ihrer Detailvielfalt für eine regelrechte Neubegegnung mit dem Komponisten. Was Fischer da an scheinbar Endgültigem gelungen war, lässt sich an der Taschenbuch- Ausgabe, aber auch an den flankierenden Neuveröffentlichungen ablesen, die zum 150. Geburtstag Mahlers erschienen sind. Bis auf minimale Aktualisierungen, was die prägnant kommentierte, diskografische Werkschau Mahlers angeht, musste der emeritierte Professor der Theaterwissenschaft nichts ändern. Wer das komplex verlaufende Leben und Schaffen Mahlers so eindrucksvoll sortieren und spannend nachzeichnen kann wie Fischer, der musste dementsprechend auch zu den auserwählten Autoren des druckfrischen »Mahler Handbuchs« gehören. Die Herausgabe übernahmen Bernd Sponheuer und Wolfram Steinbeck. Wobei neben den umfangreichen Analysen der Orchester- und Liederkompositionen durchaus einige Themenkomplexe ausführlich behandelt werden, zu denen Fischer Anstoß gegeben hat. »Mahlers geistige Welt« oder »Mahler-Interpretationen« bilden da ein konzentriertes Panorama mit durchaus neuen, wertvollen Seitenblicken und Einordnungen, was gerade die antisemitische Rezeption des Schaffens von Mahler angeht. Hätte man sich innerhalb der erfolgreichen »Handbuch«-Reihe vielleicht zudem eine ausführliche Würdigung der Leseratte Mahlers gewünscht (Fischer hatte mit einem kleinen Exkurs über Mahlers Lieblingsautoren Goethe, Jean Paul und Dostojewski die Steilvorlage gegeben), so verweist andererseits Wolfgang Rathert erhellend auf die Modellhaftigkeit von Mahlers Eklektizismus für die musikalische Postmoderne Luciano Berios, Wolfgang Rihms und des Jazzpianisten Uri Caine. Und in Albrecht Riethmüllers Beitrag erfährt man, dass Mahler als adoptierter Filmkomponist nicht nur in Viscontis »Tod in Venedig« und Stanley Kubricks »2001« Karriere machte, sondern auch bei Fassbinder.
Zu den klassischen Veröffentlichungen eines Komponisten-Jubiläumsjahres gehören natürlich auch eine Kurzbiografie, eine strenge Formanalyse sowie ein Band mit Mahler-Briefen. Der altgediente Musikwissenschaftler Constantin Floros führt übersichtlich in die Persönlichkeit Mahlers ein, legt einen Schwerpunkt auf dessen Religiosität und sorgt bei aller Kürze für einen informativen Einstieg in Mahlers Klangwelt. Um ein vielfaches ausführlicher dringt dagegen Gerd Indorf in die Sinfonien Mahlers ein – fortan werden Programmheftautoren und Hauptseminar-Studenten zu Infolds taktgenauer Sezierkunst greifen. Mit einer Auswahl an Briefen, die Mahler an Komponisten, Dirigenten und Intendanten geschrieben hat, zeichnet schließlich Herausgeber Franz Willnauer das Netzwerk des hilfreichen Freundes und machtbewussten Kapellmeisters nach. Mit der zum Teil unveröffentlichten »Geschäfts«-Korrespondenz realisierte Willnauer nun ein Projekt, das auf die Zusammenarbeit mit der 2005 verstorbenen Mahler-Forscherin Herta Blaukopf zurückgeht.
Ein Mahlerjahr ohne eine Publikation über den wohl bedeutendsten Mahlerinterpreten Adorno wäre wohl ein verschenktes. Das österreichische Autorenteam Gerhard Scheit und Wilhelm Svoboda beleuchten dafür noch einmal Wien als »Treffpunkt der Moderne«, um anhand von Adorno- Texten den Einfluss Mahlers auf Berg und überhaupt den Weg der Moderne über Schönberg und Eisler bis zu Ligeti und Heinz-Klaus Metzger nachzuzeichnen. Komplettiert wird der Band mit Gesprächen unter anderem mit Herta Blaukopf und Michael Gielen (merkwürdig uninspirierend). Umso erstaunter liest man aber eine Bemerkung: Bis zum heutigen Tag sollen die Wiener Philharmoniker in ihren Programmheften Mahlertexte abdrucken, die von einem ehemaligen Mitarbeiter des »Völkischen Beobachters« stammen. Kein Wunder, dass sich Mahler nach eigenen Worten stets in dreifacher Hinsicht heimatlos gefühlt hatte: als Böhme in Österreich, als Österreicher in Deutschland und als Jude in der Welt.

Gustav Mahler – Der fremde Vertraute

Jens Malte Fischer

Bärenreiter/dtv

Gustav Mahler

Constantin Floros

C.H. Beck

Mahlers Sinfonien

Gerd Indorf

Rombach

Treffpunkt der Moderne

Gerhard Scheit, Wilhelm Svoboda

Sonderzahl

Mahler Handbuch

Bernd Sponheuer, Wolfram Steinbeck (Hg.)

Metzler/Bärenreiter

Gustav Mahler – Verehrter Herr College!

Franz Willnauer (Hg.)

Zsolnay

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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