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Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

In Deutschland kaum bemerkt, hat Tenor Plácido Domingo in London sein bevorstehendes Karriere-Ende verkündet. »Ich glaube nicht, dass ich am 21. Januar 2011, wenn ich 70 Jahre alt bin, noch singen werde«, sagte er dem britischen »Independent«. Begründung: »Ich möchte nicht weiter gehen, als ich sollte«. Rückblickend auf seine über 50-jährige Laufbahn sagte er: »Ich bedauere am meisten, dass Birgit Nilsson und ich niemals gemeinsam in der ›Walküre’ oder in ›Tristan und Isolde’ aufgetreten sind.« Er habe der schwedischen Wagnersängerin dieses Bedauern auch einmal ausgesprochen, worauf diese geantwort habe: »Na ja, wenn du das ändern willst, solltest du dich beeilen.«
Der in Thailand unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs festgenommene Pianist und Dirigent Mikhail Pletnev hat erste Konsequenzen zu gewärtigen. Das Orchestra della Svizzera Italiana in Lugano setzte die Zusammenarbeit mit Pletnev vorerst aus. Pletnev hat einen Vertrag als Gastdirigent. Dagegen halten andere Festivals, etwa im gleichfalls schweizerischen Gstaad, an bestehenden Kontrakten fest. Pletnev, der in Pattaya mehrere Häuser, einen Club und ein Restaurant besitzt, war festgenommen worden, weil er in Thailand angeblich einen 14-jährigen Knaben missbraucht haben soll. Pletnev bestreitet die Vorwürfe.
Nach einem Bericht der New York Times hat der Dirigent Lorin Maazel in seiner letzten Saison als Chef der New Yorker Philharmoniker ein Salär von schlappen 3,3 Millionen Dollar bezogen. Zarin Mehta, Bruder des Dirgenten Zubin Mehta sowie Präsident und Executive Director des Orchesters, kassierte im selben Zeitraum 1 Million Dollar. Dem steht die Tatsache gegenüber, dass die New Yorker Philharmoniker während der Amtszeit von Maazel ein Rekorddefizit von insgesamt 4,6 Millionen Dollar angehäuft haben. Maazel wechselt 2012 nach München.
Der britische Dirigent Sir Colin Davis blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Zeit in München zurück. Der heute 72-Jährige leitete von 1983 bis 1992 das BR-Symphonieorchester. »Macht besaß ich in München durchaus. Aber ich muss sagen: Gerade diese Macht steht hinderlich zwischen den Menschen.« Seit seinen Münchner Erfahrungen habe er keine Position als Chefdirigent mehr akzeptiert. »Die Tatsache, dass ich das London Symphony Orchestra seit inzwischen 50 Jahren dirigiere, verdankt sich der Tatsache, dass ich dort keine Macht mehr habe.« In Deutschland dirigiert er inzwischen nur noch die Staatskapelle Dresden. »Die Berliner Philharmoniker «, so Davis, »fragen nicht mehr.«
Der deutsche Pianist Lars Vogt ist mit dem Niveau amerikanischer Orchester unzufrieden. »In den USA gibt es ein musikalisches Mozartdefizit. « Selbst in größeren Städten, ja sogar unter den »Big Five« der amerikanischen Orchester könne man sich mit internationalem Niveau oft nicht messen. Man spiele noch immer so vibratoselig wie in Europa vor 60 Jahren. In Bezug auf sein Jugendprojekt »Rhapsody in School« sagte er: »Im Allgemeinen finde ich es einen Skandal, dass wir es nicht schaffen, unseren Kindern die Chance zu geben, Feuer zu fangen für klassische Musik.« Klassik mache aus Kindern keine besseren Menschen. Dennoch wecke sie die Sensibilität und öffne »den direkten Weg in die Seele«.
Das Haus am Franziskanerplatz in der Wiener Inneren Stadt, in dem Anna Netrebko und Erwin Schrott wohnen, musste wegen Einsturzgefahr evakuiert werden. Keine Gefahr für die beiden Sänger samt Sohn Tiago Arua. Die drei waren vorsichtshalber schon einige Wochen früher ausgezogen.
Radek Baborák, bester Hornist der Welt, hat die Berliner Philharmoniker auch aufgrund von Differenzen mit Chefdirigent Sir Simon Rattle verlassen. »Große Speisekarte, wenig Spezialitäten«, fasste Baborák das musikalische Profil seines ehemaligen Chefs zusammen. Rattle gilt als musikalischer Universalist mit enormer Repertoire-Bandbreite, aber ohne echtes Spezialgebiet. Nach sieben Jahren bei den Berliner Philharmonikern habe man »alle Orchestererfahrungen gesammelt, die auf diesem Gebiete zu machen sind«, so Baborak. Er ist inzwischen zurück nach Prag gezogen und will sich verstärkt auch dem Dirigieren widmen. Weltklasse-Pianist Murray Perahia empfindet die Fingerverletzung, die ihn in den letzten Jahren mehrfach zur Unterbrechung seiner Karriere zwang, als »doppelten Fluch«. »Zunächst wegen der Krankheit selbst«, sagte er in Berlin. »Und dann wegen der Notwendigkeit, immer wieder darüber sprechen zu müssen. Mein Leben teilt sich seitdem in eine Phase vor Bach und in eine Phase mit ihm.« Erst nachdem er von null wieder anfangen musste, habe er den Mut zu Bach gefunden. »Ich hoffe, dass ich nie wieder ohne Bach existieren muss.«
Bariton Thomas Quasthoff führt die oft beklagte Sängerkrise auf eine falsche Ausbildung an den Hochschulen zurück. »Man lässt den Sängern zu wenig Zeit zur Entwicklung. Das wäre gerade bei großen Stimmen das wichtigste, weil die Stimmbänder aus Muskeln bestehen, die lange trainiert werden müssen. Nachdem man in Deutschland einen Unsinn wie den Bachelor- und Master-Studiengang eingeführt hat, wird sich das schwerlich verbessern.« In der Verkürzung des Studiums, die darin mitbeschlossen worden sei, liege eine »Vorentscheidung zur Mittelmäßigkeit«.
Zum ersten Mal in ihrer fast 100-jährigen Geschichte werden bei den Opernfestspielen in der Arena di Verona in diesem Jahr sowohl Sänger wie Orchester durch Mikrofone verstärkt. Dies hatte ausgerechnet der als konservativ bekannte Regisseur Franco Zeffirelli verlangt, der in diesem Jahr alle fünf Inszenierungen des Festivals betreut. »Wenn die Sänger keine Mikrofone kriegen, komme ich nicht«, hatte er erklärt. Zu diesen Sängern zählen in diesem Jahr immerhin Marcelo Álvarez und Dmitri Hvorostovsky.
Zum guten Schluss noch ein kleiner Urlaubstipp für Spurensucher: Das legendäre Anwesen von Franco Zeffirelli in Positano ist zu vermieten. Die »Tre Ville«, bestehend aus drei Häusern mit insgesamt 13 Zimmern, waren von den Fünfziger- bis zu den Siebzigerjahren Brennpunkt glamouröser Künstlerurlaube. Maria Callas und Leonard Bernstein übernachteten hier, ebenso Liza Minnelli und Elton John. Als »Hotel Frengo« mit freiem Blick über die Amalfi-Küste bieten die Villen heute »Bed & Breakfast« zu exklusiven Preisen ab 1.100 Euro pro Nacht.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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