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Kinshasa Symphony Orchestra

Klassik im Dreck

Im Kongo gibt es das wohl einzige schwarze Orchester der Welt. Mit dürftigsten Mitteln spielen die Musiker an gegen die Armut und den alltäglichen Untergang. Robert Fraunholzer erlebte mitten im Elend der Hauptstadt Kinshasa, wie die Musik den Menschen wieder Würde und Hoffnung verleiht.

Ein Duft von Müll. In einer Stadt aus Dreck. Kinshasa, die siebtgefährlichste Stadt der Welt, scheint für die Musik von Bizet oder Beethoven nicht unbedingt geschaffen zu sein. In einer Betonhalle mit Wellblechdach (daneben rattert ohrenbetäubend ein Elektro-Generator) treffen sich trotzdem täglich 220 musikliebende Afrikaner. Die Qualität ihrer Instrumente ist so, dass eine Berliner Oxfam-Filiale bei einer »Alles-muss-raus- Aktion« auf ihnen sitzen bleiben würde. Mangelnde Präzision und Intonation zeigen, dass hier Laienmusiker von einem Amateurdirigenten notdürftig zusammengehalten werden. Merkwürdig nur: Man glaubt, nie im Leben etwas Schöneres gehört zu haben. Seit 15 Jahren existiert in der Demokratischen Republik Kongo das wohl einzige schwarze Sinfonieorchester der Welt. Man übt nicht zu Hause, sondern auf einem Parkplatz unter freiem Himmel. Manchmal laufen Hühner zwischen den Musikern herum. Aus Afrika herausgekommen ist das Orchester noch nie. Umso familiärer hält man zusammen. Bei der Premiere des jetzt anlaufenden Kinofilms über das Orchester in Kinshasa – einer Stadt ohne Kinos! – wissen sich die Musiker vor Herausprusten und Heiterkeit kaum zu fassen. Sie lachen über sich selbst. Und darüber, dass in »Kinshasa Symphony«, dem Film von Claus Wischmann und Martin Baer, ein so schonungsloses Bild des postkolonial zerrütteten Kongo gezeigt wird. Es ist das merkwürdigste Refugium, das die Klassik je fand.

Beethoven ist Gottesdienst

Denn im Kongo herrschen Elend, Unsicherheit und Staub. Folter gehört noch immer zur routinemäßigen Praxis der staatlichen Sicherheitsorgane. Kürzlich feierte man den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit. Und erinnert sich, dass die ehemals belgische Kolonie 1960 fast unmittelbar in eine der grausamsten und lang anhaltendsten Diktaturen Afrikas umkippte. Die Schreckensherrschaft des »Leopardenmannes« Mobutu Sese Seko im damaligen Zaire ist bis heute spürbar. Auch unter dem jetzigen Staatschef Joseph Kabila gilt das im Grunde reiche Land, in dem viel Coltan, Kupfer und Diamanten vorkommen, als Hort politischer Ausbeutung und Korruption. Staatliche Stellen lassen sich offiziell mit Dollars schmieren. Durch Schulgeld ab der ersten Klasse züchtet man Analphabeten systematisch nach. Das Sozialsystem gilt als eines der schlechtesten weltweit. Umso verständlicher vielleicht, dass die Musiker des Orchestre Symphonique Kimbanguiste in Beethoven eine konfliktfreie Zone erblicken. Und in ihrem musikalischen Leiter Armand Diangienda eine geistige Leitfigur. Der Dirigent ist zugleich Enkel des Konfessionsstifters Simon Kimbangu. Dieser gilt im Kongo als politischer Märtyrer und christlicher Prophet. »Beethoven spielen wir nicht zum Spaß«, sagt uns Orchestermitglied Natalie Bahati. Will sagen: Beethoven ist Gottesdienst.
Natalie gehört seit mehreren Jahren zum Orchester. Zuerst gab man ihr ein Cello. Als der Zeigefinger Probleme machte, stieg sie auf Flöte um. Die 34-Jährige wohnt mit einem Säugling und einem Kleinkind in einer Wellblechhütte 45 Gehminuten vom Übungsort entfernt. Für das garagengroße, stickige Loch muss sie monatlich 50 Dollar zahlen. Ein Preis, den man nicht einmal in Blankenese dafür berappen würde. Nicht lustig. Natalie ist mehrere Monate im Mietrückstand und somit kurz vorm Rauswurf. Dass wir sie besuchen, findet der Übersetzer auch nicht klug. »Wenn der Wucherer sieht, dass Natalie von Weißen besucht wird, steigert er die Miete.« Hilfe ist nicht in Sicht. Nur: Musik. Der Film »Kinshasa Symphony«, in dem Natalie eine Hauptrolle spielt und für den sie wegen der Ehrlichkeit, mit der sie sich hier öffnet, prompt Schwierigkeiten bekam, ist ein sensationelles Dokument einer harten Fügung zwischen Klassik und Sozialkoller, Kunsterlösung und alltäglichem Untergang. Die da spielen, sitzen buchstäblich im Dreck. Musik ist ihr Hilfeschrei. Und so klingt es auch. Es gibt kein Orchester auf dieser Welt, das mit hörbar mehr Würde Beethoven spielen kann. Großartig.

Film-Tipp:

Kinshasa Symphony

Regie: Claus Wischmann und Martin Baer

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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