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Vijay Iyer

Endlich entdeckt

In seinem Geburtsland USA hat man ihn schon seit Längerem als Jazz-Erneuerer auf der Rechnung. Jetzt lernt ihn auch Europa kennen: Der Jazzpianist Vijay Iyer legt sein erstes Solo-Album vor.

Erster Platz bei der Kritiker-Abstimmung des Downbeat-Magazins, Gewinner des ECHO Jazz und frischgebackener Preisträger des renommierten Jazz Journalists Association Award. Die Auszeichnungen sprechen eine deutliche Sprache: Vijay Iyer ist der Jazzpianist der Stunde, ein Shootingstar. Aber halt. Eigentlich stimmt das alles gar nicht. Was die Europäer, die sich seit einiger Zeit den Amerikanern in Sachen Jazz-Innovation überlegen dünken, gerade schwer erstaunt, ist in Iyers Geburtsland längst Fakt.
Schon seit ungefähr einem Jahrzehnt, als Iyer sich aus dem Schatten seines Mentors Steve Coleman zu lösen begann, weiß man in den USA, dass dieser Pianist etwas ganz Besonderes ist. Warum es so lange gebraucht hat, dass man ihn endlich in Europa entdeckt? Iyer zuckt mit den Schultern. »Das hat mit dem Gerede zu tun, dass die Jazzszene in Amerika tot ist. Was man als komplette Lüge, geradezu als Farce bezeichnen muss«, sagt der 38-Jährige. Die Eroberung des alten Europa wird dadurch etwas leichter gemacht, dass der Pianist seit vergangenem Herbst bei einem deutschen Label unter Vertrag ist und nicht mehr bei amerikanischen Plattenfirmen mit großen Namen und eher miserabler Vertriebsstruktur.
Nach »Historicity«, dem 2009 vorgelegten Trio-Einstand für seinen neuen Arbeitgeber ACT, wagt sich Iyer nun auf für ihn ungewohntes Terrain: Das neue Album ist seine erste Solo-Einspielung. Auch auf seinen früheren Platten habe es eigentlich immer mindestens einen Solo-Track gegeben, räumt der Pianist ein, aber das hier sei natürlich ein ganz anderes Statement. Ein sehr intimes. »Diese Aufnahme ist so etwas wie eine Autobiografie, eine Retrospektive: Musik, die sehr wichtig für mich war, Musik, die für mich persönliche Durchbrüche markiert.« Iyers höchst eigenständiger Ansatz, der gleichzeitig heiß und kalt, mathematisch intellektuell und feinsinnig sensibel, melodisch gebunden und dennoch frei ist, liegt an der Herkunft des Pianisten. Als Nachkomme der ersten Generation indischer Einwanderer in die USA wurde er in widersprüchlicher Weise geprägt, erzählt Iyer. Während er schon mit drei Jahren klassischen westlichen Geigenunterricht erhielt, wuchs auf der anderen Seite seine Faszination für die indische Musik, die bei den Eltern allerdings nie eine große Rolle einnahm. Und wenn man dann noch als amerikanischer Teenager aufwächst, dann kommt das dabei heraus: Iyer spielte in Sinfonieorchestern, Rock-Bands und Jazz- Combos.
Später studierte er Physik und machte seinen Doktor in Naturwissenschaften. Ganz schön viel für einen Lebenslauf. »Ich glaube, wir in Amerika haben etwas flexiblere Lebensläufe«, sagt ein lächelnder Iyer, dem von Meistern wie Steve Coleman, Roscoe Mitchell und George Lewis dazu geraten wurde, anstelle von komplizierten Gleichungen doch bitte lieber musikalische Probleme zu lösen. Wie gesagt: Europa kann von den USA doch noch etwas lernen.

Neu erschienen:

Solo

Vijay Iyer

Josef Engels, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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