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René Jacobs

Gerechtigkeit für Schikaneder

Schon bei seinen Aufführungen der »Zauberflöte« in Aix-en-Provence und Berlin wurde klar, dass der Dirigent René Jacobs die üblichen Hörerwartungen mächtig auf den Kopf stellt. Auch in seiner neuen Aufnahme ist fast alles anders als üblich. Was er damit erreichen will, hat er Jörg Königsdorf erklärt.

RONDO: Herr Jacobs, sind Sie beleidigt, wenn man sagt, dass Ihre »Zauberflöte« nicht wie eine Oper klingt, sondern wie ein großes musikalisches Spektakel?

René Jacobs: Ganz im Gegenteil! Genau das war doch meine Absicht. Ich habe lange über das Problem der Dialoge in der »Zauberflöte« nachgedacht. In den meisten Aufnahmen werden sie gestrichen oder zumindest sehr verkürzt. Dabei gehen allerdings wichtige Informationen verloren. Deshalb habe ich mich entschieden, die Dialoge einfach zu musikalisieren – durch Klangeffekte des Schlagwerks oder auch durch das Hammerklavier, das zum Beispiel das Motiv von Taminos Bildnis-Arie anklingen lässt, wenn Papageno Pamina mit dem Porträt vergleicht. Ich habe mich da von Schikaneders Libretto inspirieren lassen, wo sich oft Anweisungen wie »Man hört …« finden. Allerdings bin ich erheblich weiter gegangen.

RONDO: Ist die »Zauberflöte« für Sie das erste Musical?

Jacobs: Die »Zauberflöte« ist ganz Vieles auf einmal – und unter anderem auch das erste Musical. Da steht das Wiener Vorstadttheater, das ganz nahe bei der Wiener Operette ist, direkt neben tiefgründigster Bedeutung und Kritik an der institutionalisierten Religion. Für mich sind die extremen Kontraste eines der wichtigsten Merkmale der »Zauberflöte« und man sollte ihnen auf keinen Fall aus dem Weg gehen.

RONDO: Ihre Sänger singen mit viel leichteren Stimmen als üblich – ist das eine Kampfansage an die Mozarttradition?

Jacobs: Im 19. Jahrhundert wurde die »Zauberflöte « als die erste Türe gesehen, die sich auf Wagners Musiktheater hin öffnete: Rollen wie Tamino wurden mit einer Art Prä-Wagner-Tenor besetzt und die Tempi wurden immer breiter. Schon 1815 beklagte sich ein Musiker, der das Stück noch unter Mozart gespielt hatte, dass man Paminas »Ach, ich fühl’s« inzwischen doppelt so langsam spielen würde wie Mozart selbst. Und eigentlich ist es doch auch sonnenklar, dass da etwas nicht stimmen kann, wenn die Sängerin in einer Minikoloratur von vier Takten drei Mal atmen muss!

RONDO: Ist das Ihre zentrale Mozartbotschaft: »Weniger Oper, mehr Theater!«?

Jacobs: Egal ob bei Mozart oder bei Monteverdi versuche ich einfach, nicht nur dem Komponisten, sondern auch dem Librettisten gerecht zu werden. Mir geht es darum, Mozarts musikalische Entscheidungen durch das Libretto zu erklären – und die »Zauberflöte« als radikales Produkt zweier Menschen, die sich im Übrigen gut verstanden und eng zusammenarbeiteten, zu präsentieren. Dass dabei mehr Theater herauskommt, ist nur die logische Konsequenz.

RONDO: Einige Figuren des Stückes sind allerdings nicht gerade sympathisch. Sarastro zum Beispiel mit seiner hohepriesterlichen Selbstgefälligkeit.

Jacobs: Man darf nicht vergessen, dass Sarastro kein Erlöser ist, sondern ein Mensch, der in diesem Stück ebenso eine Prüfung und Entwicklung durchmacht wie die anderen. Zu Anfang etwa äußert er sich ziemlich frauenfeindlich, wird aber dann durch die Charakterstärke Paminas eines Besseren belehrt und sieht seinen Fehler ein. Man erkennt das auch musikalisch: Ähnlich wie Papageno singt Sarastro keine eigentlichen Arien, sondern einfache Strophenlieder. So singen Menschen, keine Götter.

RONDO: Sie spielen die »Zauberflöte« natürlich mit historischen Instrumenten. Gilt das auch für Panflöte und Glockenspiel?

Jacobs: Natürlich. Wir haben lange gesucht, bis wir ein Glockenspiel gefunden hatten, das auf 430 Hertz gestimmt war. Und eine Panflöte in der richtigen Stimmung mussten wir extra bauen lassen.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

Die Zauberflöte

Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs

harmonia mundi

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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