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Lang Lang

»Ich bin ein Massenmedium«

Von der stupenden Virtuosität des chinesischen Pianisten Lang Lang zeigte sich sogar Dietrich Fischer-Dieskau beeindruckt. Robert Fraunholzer sprach mit dem Mister Thousand-Fingers über seinen spektakulären Auftritt in Wien, Musikerziehung, 3D-Filme und seinen Wechsel zur Sony.

RONDO: Mr. Lang, im Gespräch mit RONDO hat Dietrich Fischer-Dieskau kürzlich gesagt, niemand außer Lang Lang komme an die Virtuosität von Horowitz heran. Herzlichen Glückwunsch!

Lang Lang: Oh, das ist aber sehr nett. Ich habe Fischer- Dieskau nie persönlich getroffen, bewundere aber seine CDs. Ihn würde ich gerne einmal begleiten!

RONDO: Morgen treten Sie in Berlin drei Mal an einem Tag auf. Warum?

Lang Lang: Aber die Meisterklasse kann man doch nicht rechnen! Das ist Spaß. Und das »Tausend Finger«-Projekt, bei dem 100 Pianisten auf der Bühne sind, habe ich vorher schon anderswo ausprobiert.

RONDO: In China mit noch mehr Fingern?

Lang Lang: Ja, mit 3.000 an 150 Klavieren (lacht). Die meisten waren elektrisch, denn für echte Konzertflügel würde der Platz nicht reichen.

RONDO: Eine Art »Education Event«?

Lang Lang: Genau. Aber sobald eine solche Veranstaltung bei den Berliner Philharmonikern angedockt ist, mache ich mir um die Seriosität keine Sorgen. Um Kinder zu erreichen, sind Events nicht die schlechteste Methode. Außerdem braucht man eine Person, eine prominente Nase.

RONDO: Diese Nase sind Sie!

Lang Lang: Warum nicht? Ich spiele Schuberts »Marche Militaire«, und daran werden wir musikalisch arbeiten. Sobald ich mit den Kindern im selben Raum sein werde, weiß ich, dass wir gut miteinander auskommen. Meine Mission ist, Klassik erreichbar zu machen. Ich bin doch inzwischen ein Massenmedium.

RONDO: Glauben Sie wirklich, dass junge Leute Angst vor klassischer Musik haben?

Lang Lang: Na klar! Klassische Musik braucht Unterstützung. Ohne Viscontis Film »Tod in Venedig« hätte nicht einmal der Siegeszug Mahlers so leicht funktioniert. Es ist wirklich ein Problem, dass Leute oft ein Mal in ein Konzert gehen, sich langweilen – und nie wiederkommen.

RONDO: Wie sind Sie dann in China zur Klassik gekommen?

Lang Lang: Das war nicht so schwer. In China lernen mehr Kinder Klavier als im Westen. Nämlich 40 Millionen! Als ich anfing, waren es bereits 16 Millionen. Die Welle war eine Folge der kulturellen Öffnung. Plötzlich flogen alle wie magisch angezogen auf die zuvor verbotene, westliche Musik. Außerdem war es billig. Die Chinesen sind gut darin, preiswerte Klaviere zu bauen.

RONDO: Bei Ihnen lag es zusätzlich an der Familie, oder?

Lang Lang: Ja, weil mein Vater in einem traditionellen chinesischen Orchester spielte. Schallplatten gab es dagegen wenige. Auch westliche Klavierstars wie Arthur Rubinstein haben in China damals kaum eine Rolle gespielt. Man dachte, dass Klavierspielen gut zum Gedächtnistraining sei. Das Klavier ist in China bis heute mit einem Image von Gesundheit verbunden.

RONDO: Besser als Sudoku!?

Lang Lang: Viel besser! Für Kinder ist Sudoku eine langweilige Angelegenheit. Das wird erst später interessant. Mit Musik und Malerei kann man dagegen als Kind sehr viel anfangen. Ich habe damals auch gesungen und viel gemalt. Ich war sehr schüchtern, die Kunst hat mir dabei geholfen, mich zu öffnen. Auch Kalligrafie habe ich gemacht. Ich war aber nicht so gut darin.

"Durch Qigong und auch durch Tai-Chi habe ich die langsamen Tempi in der klassischen Musik viel besser verstehen gelernt."

RONDO: Hilft Ihnen die chinesische Kultur beim Spielen von klassischer Musik?

Lang Lang: Durchaus. Durch Qigong und auch durch Tai-Chi habe ich die langsamen Tempi in der klassischen Musik viel besser verstehen gelernt. Wenn das Tempo fast stillsteht. Nur atmet. Kaum fließt.

RONDO: In Europa gibt es den Typus der älteren, gestrengen Klavierlehrerin. In China auch?

Lang Lang: Oh ja, auch ich hatte eine wundervolle alte Dame, die allerdings »jung im Herzen« geblieben war. Der bekannteste Komponist in China ist übrigens Carl Czerny. Noch vor Bach oder Beethoven. Alle hassen ihn. Ich auch. (Imitiert:) Dadaddadadda ... Furchtbar.

RONDO: Warum haben Sie Ihre neue CD live in Wien aufgenommen?

Lang Lang: Weil es im Musikverein so schön golden ist. Das mögen Chinesen (lacht). Nächstes Mal kommt aber bei einer Liveaufnahme die Berliner Philharmonie an die Reihe.

RONDO: Sie spielen mehr Beethoven als früher. Ist es wichtig für Sie, ihn auch auf CD aufzunehmen?

Lang Lang: Ja, und zwar, um ein komplettes Bild von Beethoven zu erhalten. Ich muss ein Werk aufführen, um es richtig kennenzulernen. Übrigens spiele ich nicht einmal alle Beethoven-Sonaten. Einige fehlen noch. Ich möchte auch nicht als Chopin-Spieler in die Geschichte eingehen. Was ich in Zukunft mehr spielen werde, ist Bach.

RONDO: Sie reisen die ganze Zeit umher. Wann findet Ihr Privatleben statt?

Lang Lang: Kommt darauf an, was man darunter versteht. Ich reise am liebsten mit meiner Familie. Mein Vater ist neuerdings etwas reisefaul geworden. Aber meine Mutter nicht. Außerdem habe ich in diesem Jahr erstmals zwei Monate Auszeit geplant.

RONDO: Erstmals seit wann?

Lang Lang: Seit ich sechs Jahre alt bin. Damals waren wir ein Mal im Urlaub. Ich werde in diesem Sommer nichts planen und nichts spielen. Sondern vielleicht eine Sprache lernen. Und ins Fitnessstudio gehen. Die Hälfte der Zeit werde ich zu Hause in New York verbringen. Und die andere Hälfte zu Hause in Peking.

RONDO: Was sagen Sie Leuten, die meinen: »Wie furchtbar! Was für ein armes Leben!«

Lang Lang: Na ja. Kompliziert ist dies durchgeplante Leben schon. Herausfordernd auch. Und verrückt! Aber: Langweilig ist es nie. Für mich ist es extrem wichtig, immer genau zu wissen, wohin ich reise und woher ich komme. Um den Überblick zu behalten. Sonst könnte ich verrückt werden.

RONDO: Sie waren bisher bei der Deutschen Grammophon und sind jetzt zur Sony gewechselt. Weshalb?

Lang Lang: Ich hatte eine sehr gute Zeit bei DG. Nur bin ich an neuer Technologie sehr interessiert, und in dieser Hinsicht tun sich bei Sony für mich neue Türen auf. Im Blue-ray-Bereich und bei 3D. Ich bin ein extremer Fan von 3D-Filmen und gehe hier in Berlin am liebsten ins IMAXKino. Ich bin auch ein großer Fan von »Avatar«. In Japan habe ich sogar kürzlich in einem animierten Film mitgewirkt, allerdings als einziger nicht animierter Bestandteil. Die Sony-Leute sind die Besten in diesen Dingen. Schon Karajan hat mit ihnen gearbeitet. Da möchte ich dabei sein.

RONDO: Sind Sie als Technik-Freak wie ein Kind geblieben?

Lang Lang: Ich glaube schon. Ich spiele mit technischen Apparaten, als ob ich noch immer ein kleiner Junge wäre. Ich liebe auch Twitter und Facebook. Früher habe ich Tagebuch geschrieben. Heute twittere ich.

Neu erschienen:

Lang Lang Live In Vienna

Lang Lang

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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