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Über den Tod hinaus - Gustav Mahlers unvollendete 10. Sinfonie in verschiedenen Konzertversionen

100. Todestag, 150. Geburtstag: Wir feiern zwei Jahre lang Gustav Mahler, den Modernisten unter den Romantikern, den großen Sinfoniker der Verzweiflung und der Ironie, »einen der größten Menschen und Künstler« – so Arnold Schönberg. Natürlich steht Mahlers Zehnte im Mittelpunkt des Interesses, sein legendenumwobenes musikalisches Testament: unvollendet und doch vielfach von Anderen zu Ende gebracht. Hans-Jürgen Schaal hat sich mit den diversen Fassungen der Zehnten beschäftigt.

Wer den aktuellen Kinofilm »Mahler auf der Couch« gesehen hat, weiß über die private Katastrophe hinter Mahlers 10. Sinfonie Bescheid. Während der Komponist im Sommer 1910 in Toblach in Südtirol an dem neuen Werk schreibt, beginnt seine Frau Alma im Kurort Tobelbad bei Graz ein Verhältnis mit dem jungen Architekten Walter Gropius. Mahler erfährt davon, fällt in tiefe Verzweiflung, liegt oft nur noch weinend am Boden seines Komponierhäusls, sucht sogar Rat bei Sigmund Freud. Allerdings hat Mahler mehrere Gründe, verzweifelt zu sein. Der Tod seiner Tochter drei Jahre zuvor, seine schwere Herzkrankheit, der Abschied vom Wiener Chefposten, der Rückzug vom Operndirigat in New York (wegen Toscanini), nun auch noch Almas Seitensprung: Mahler, gerade 50 geworden, fühlt eine Welt zusammenbrechen und das Ende nahe. Seine seelischen Leiden schlagen sich in Kommentaren am Rand der Notenblätter nieder: »Erbarmen! O Gott, warum hast du mich verlassen? Der Teufel tanzt es mit mir! Wahnsinn faßt mich an, Verfluchten! Vernichte mich, daß ich vergesse, daß ich bin!« Die Zehnte wird zur verzweifelten Liebeserklärung an seine »Almschi« – über den Tod hinaus.

Almas Akkord

Mahler starb, bevor er die Vollendung der Zehnten angehen konnte, und überantwortete seiner Frau Alma die Entwürfe zur freien Verfügung. Hinterlassen hat Mahler fünf Sätze in verschiedenen Stadien der Fertigung: vom skizzierten Particell bis zur instrumentierten Partitur. Die Mitte des Werks bildet das kurze »Purgatorio« (ein Intermezzo-Allegro), umrahmt von zwei ausschweifenden Scherzi (jeweils etwa 12 Minuten lang) und – als äußerer Klammer – zwei wild bewegten Adagio-Sätzen (jeweils etwa 25 Minuten lang). Fast 2.000 Takte Musik – doch eine Reinschrift, eine Endfassung, existiert von keinem der Sätze. Am weitesten gediehen ist noch das erste Adagio mit seinen zwei ergreifenden Themen. Mahler hatte den Satz frühzeitig begonnen – aus abergläubischer Furcht, eine neunte Sinfonie bringe ihm den Tod, wenn er nicht zugleich schon eine Zehnte anfinge. Erst nachträglich baute er in die Coda des Satzes einen Höhepunkt expressiver Erschütterung ein – mit einem dröhnenden, dissonanten Neunton- Akkord (Oktaven nicht mitgezählt), dem Ausdruck seiner Verzweiflung über den drohenden Verlust seiner Liebe. »Zusammen floß zu einem einzigen Akkord / Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen«, dichtete der gehörnte, zerknirschte Mahler damals an seine Alma.
Dieser Adagio-Satz hat längst den Weg in internationale Konzertprogramme gefunden und wurde vielfach auf Tonträgern eingespielt, meist als Doppel-CD-Füller zu Mahlers Neunter. Nur dieser Adagio-Satz, so meint die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft, sei bei der Zehnten überhaupt so weit ausgearbeitet, dass man ihn aufführen könne. Zwischen Konzept und Reinschrift habe Mahler gewöhnlich viel zu viel geändert und erweitert, um von seinen Particellen auf die Endform schließen zu dürfen. Dennoch hat Ernst Krenek schon 1924 – mit Unterstützung von Alma Mahler, Zemlinsky und Berg – neben dem Adagio auch das Purgatorio zur Aufführung gebracht. Der Wiener Emigrant Friedrich Block erstellte 1941 in Amerika erste Konzertversionen der übrigen Sätze und bewies, dass Mahlers Skizzen durchaus schon musikalische Stringenz haben. Auf Anfrage lehnten jedoch sowohl Schönberg als auch Schostakowitsch die Aufgabe ab, Mahlers Entwürfe auszukomponieren. Also machten sich die Musikanalysten an diese Arbeit: In Chicago versuchte es ein gewisser Clinton Carpenter ab 1950, in England Joseph Wheeler ab 1953, in Deutschland Hans Wollschläger ab 1954. Doch die Widerstände der offiziellen Mahler- Verwalter waren zunächst unüberwindlich.

Witwe im Wahn

Dann nahte Mahlers 100. Geburtstag. Die BB C gab dem Musikwissenschaftler und -kritiker Deryck Cooke den Auftrag, eine umfangreiche Rundfunk-Würdigung des Komponisten fachmännisch zu begleiten. Auch Cooke begann sich daraufhin mit Mahlers legendärer Unvollendeter zu beschäftigen, sichtete und ordnete das Material und gewann Berthold Goldschmidt als Dirigenten, um einiges davon für die Radiosendung zum Klingen zu bringen. Dabei fing Cooke Feuer: Er fand, dass Mahlers Entwürfe praktisch konzertreif waren und erarbeitete eine »Aufführungsversion des Skizzenmaterials «. Sehr behutsam ergänzte er dabei Instrumentierungen, Kontrapunkte und Harmonien, musikkritisch dokumentierte er ausführlich jeden seiner Schritte.
Doch Mahlers Witwe und Erbwalterin, die die Zehnte als ihren »privaten Liebesbrief« vom Komponisten eifersüchtig hütete, untersagte jegliche Aufführung. Es brauchte mehrere gestandene Männer, um die 84-jährige Alma Mahler-Werfel vom überprivaten Wert der Konzertversion zu überzeugen. 1964 kam es zur ersten Aufführung der Cooke-Fassung, 1965 zur ersten Einspielung durch Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra, die durch ihre Farbigkeit, Stimmung und Eleganz noch heute gefallen kann. Auch die gute Konzertaufnahme von Jean Martinon mit dem Chicago Symphony Orchestra (1966) war wohl von Ormandys Interpretation positiv inspiriert. Binnen Kurzem wurden ganz neue Mahler-Stellen legendär: der »Totentanz« des 4. Satzes etwa (mit der perkussiven Anspielung auf das Begräbnis eines New Yorker Feuerwehrmanns) oder das berückende Flötensolo im Finalsatz. Großartige, unvergessliche Mahler-Sinfonik.

Üppig oder sachlich

Mit Alma Mahlers Tod 1964 kam dann so richtig Bewegung in die Zubereitung der Zehnten. Nicht nur tauchten aus dem Nachlass 44 weitere Skizzenblätter Mahlers auf, auch die Bearbeiter spürten plötzlich mehr Ermutigung als Widerstand. Nur Hans Wollschläger stellte – unterm Druck der Mahler-Gesellschaft – seine Bemühungen ein und nannte sie im Nachhinein »größenwahnsinnig«. Clinton Carpenter dagegen beendete 1966 endlich seine Bearbeitung, Joseph Wheeler brachte im gleichen Jahr seine eigene – wohl schon in vierter Version – sogar zur Aufführung. Die beiden Fassungen hätten kaum unterschiedlicher sein können: Während Carpenter üppig hinzukomponiert, um das Skizzenhafte vollendet klingen zu lassen, ergänzt Wheeler möglichst wenig und macht so den fragmentarischen Charakter der Musik überdeutlich.
Beide Fassungen konnten sich letztlich im Konzertbetrieb nicht durchsetzen. Carpenters Talent als Komponist und Orchestrator lässt nämlich durchaus zu wünschen übrig, auch wenn er zuweilen faszinierende Lösungen findet. Seine Rückgriffe auf Füllmaterial aus früheren Mahler- Sinfonien verleihen der Musik zwar einen einschlägigen Tonfall, wollen aber nicht so recht zu Mahlers Spätstil passen und wirken dadurch zuweilen klischeehaft. Wheelers sehr vorsichtige Vollendung andererseits hat mehr dokumentarischen als inspirierten Charakter. Sie hält zwar Mahlers Skizzen weitgehend die Treue (einige Vorzeichenfehler wurden später korrigiert), kommt aber durch ihre dünne, bescheidene Klanggestalt auch wieder unmahlerisch daher – Robert Olson hat diese sachliche Fassung zweimal eingespielt. Carpenters Version wurde erst 1983 uraufgeführt, die einzigen Aufnahmen entstanden unter Harold Farberman (1995) und Andrew Litton (2001).
Die meistgespielte Fassung von Mahlers 10. Sinfonie bleibt daher die von Deryck Cooke. Der selbstkritische englische Musikologe gab sich mit dem Erreichten aber keineswegs zufrieden, sondern mühte sich bis zu seinem Tod 1976 um Verbesserungen seiner »Aufführungsversion«. Die letzte (dritte) Fassung erschien postum 1989. Die Dirigenten dankten es ihm: Riccardo Chailly, Michael Gielen, Daniel Harding, Eliahu Inbal, James Levine, Wyn Morris, Gianandrea Noseda, Simon Rattle, Kurt Sanderling und Mark Wigglesworth haben auch im CD-Angebot die Cooke-Version inzwischen zum Regelfall gemacht. Besonders Sir Simon Rattle ist eine Art Spezialist für Mahler/Cookes Zehnte geworden: Er hat sie unzählige Male im Konzertsaal aufgeführt und sowohl die zweite wie die dritte Version auf CD festgehalten – mit all der Ausdrucksvielfalt, Überzeugungskraft und Detailliebe, die nur aus dem innigen Umgang mit einem Werk entstehen können.

Ewig unvollendet?

Einer, der Cookes, Carpenters und Wheelers Fassungen genauestens studiert hat und allen drei Bearbeitern auch selbstlos assistierte, ist der Amerikaner Remo Mazzetti. Sein Fazit: Wo Cooke und Wheeler zu vorsichtig waren, war Carpenter zu fantasievoll. Flugs machte sich Mazzetti ans Werk und suchte zwischen seinen Vorgängern den goldenen Mittelweg. Dass er ihn gefunden hat und zudem ein brillanter Orchestrator ist (anders als Carpenter), bewies 1995 Leonard Slatkins Ersteinspielung der Mazzetti- Version mit dem St. Louis Symphony Orchestra. 1999 präsentierte Mazzetti bereits eine zweite Version, nun stärker an Wheeler orientiert. Und Mazzetti ist keineswegs der Letzte in der Reihe: Rudolf Barshai stellte 1999 seine eigene »russifizierte« Fassung der Zehnten vor, der Italiener Nicola Samale folgte 2001. Und exakt 100 Jahre, nachdem Mahler zuletzt Hand an seine Zehnte legte, führte der Israeli Yoel Gamzou wieder eine neue Version auf – am 5. September 2010 bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin. Es sieht so aus, als bliebe auch die Vollendung von Mahlers Unvollendeter eine ewig unvollendete Geschichte.

Die Besten:

Eugene Ormandy, Philadelphia Orchestra

Sony

Riccardo Chailly, Radio-Sinfonie Berlin

Decca

Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker

EMI

Interessant zum Vergleich:

Slatkin, St. Louis Symphony

RCA

Farberman, Philharmonica Hungarica

DS

Naxos

Olson, Polish Radio Symphony

Barshai, Junge Deutsche Philharmonie

Brilliant

Sieghart, Arnhem Philharmonic Orchestra

Exton

Verzichtbar:

Sanderling, Berliner Sinfonie-Orchester

Berlin Classics

López-Cobos, Cincinnati Symphony

Telarc

Hans-Jürgen Schaal, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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