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(c) Quartett TetraGonist

Pasticcio

Gedenken

„Niemals wurde mir mit so viel Aufmerksamkeit und Verständnis zugehört.“ Mit diesen Worten hat der französische Komponist Olivier Messiaen einmal die Reaktionen auf ein Werk beschrieben, das längst zu den kammermusikalischen Mahnmalen des 20. Jahrhunderts gehört. Am 15. Januar 1941 wurde im Görlitzer Kriegsgefangenenlager StaLag VIII A vor 400 Häftlingen und Wachleuten Messiaens berühmtes „Quatuor pour la fin du temps“ uraufgeführt – mit dem Komponisten am Klavier. „Wir waren 30.000 Gefangene (zumeist Franzosen, aber auch einige Polen und Belgier). Die vier Interpreten spielten auf kaputten Instrumenten. Unglaublich auch unser Gewand: Man hatte mich mit einer grünen, völlig zerissenen Jacke ausstaffiert, und ich trug Holzpantoffeln. Die Zuhörerschaft setzte sich aus allen sozialen Schichten zusammen: Priester, Ärzte, Kleinbürger, Berufssoldaten, Arbeiter und Bauern.“
Neun Monate lang war der französische Soldat Messiaen in dem Lager inhaftiert, das die Nationalsozialisten 1939 im heutigen Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen gebaut hatten. Und unter den zum Teil grausamen Lebensbedingungen setzte sich Messiaen im Winter 1940/41 an ein Werk, mit dem dieser streng gläubige Katholik seinen Visionen von Zeitenende und Ewigkeit Gestalt gab.
Welche aktuelle, symbolische Kraft dieses „Quartett auf das Ende der Zeit“ weiterhin besitzt, beweist seit 2008 Jahr für Jahr das Projekt „Meetingpoint Music Messiaen“. Dahinter verbirgt sich eine in Görlitz und in dem polnischen Nachbarort Zgorzelec beheimatete Einrichtung, die laut Musikwissenschaftler Albrecht Goetze mit Konzerten, Schulprojekten und Geschichtswerkstätten auch Jugendlichen zeigen will, „wie Menschen eine entsetzliche Zeit überlebten, indem sie zusammen musizierten“. Aus diesem Grund erklingt seit 2008 jedes Jahr an seinem Uraufführungstag das Quartett von Messiaen in einem Zelt, das auf dem Gelände des früheren Kriegsgefangenenlagers steht. Am 15. Januar 2014 spielt das Werk das junge belgische Quartett TetraGonist.

Guido Fischer



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