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Fanfare

Die Sentenz ist vielzitiert. Und doch kommt man bisweilen nicht umhin, sie sich wieder in Erinnerung zu rufen, wenn der Anlass danach verlangt. Der Auftritt von Mariss Jansons beim MusikFest Berlin 2010 war einer dieser Anlässe, also lauschen wir noch einmal den Worten des amerikanischen Musikpublizisten Harold Schonberg über die Typologie des großen Dirigenten: »Sein Auftreten ist imposant und würdevoll, sein Gedächtnis phänomenal, seine Erfahrung riesig. Er ist temperamentvoll und abgeklärt zugleich. Er ist durch alle Feuer gegangen, aber immer noch bildsam. Er ist vieles zugleich: Musiker, Administrator, Vollstrecker, Psychologe, Techniker, Philosoph und zorniger Gott. Er braucht nur seine Hand auszustrecken, und man gehorcht ihm. Er duldet keinen Widerspruch. Sein Wille, sein Wort, sein Blick allein sind Gesetz.«
Und also geschah Gottes Wille und wurde – an einem kühl-herbstlichen Abend Anfang September – der Wunsch Wirklichkeit. Mariss Jansons dirigierte das Koninklijk Concertgebouworkest in der Berliner Philharmonie mit Orchesterkompositionen von Luciano Berio, Pierre Boulez, Béla Bartók und Igor Strawinsky. Eigentlich kein Programm, das man so ohne Weiteres als leichtgängig-kulinarisch begreifen würde. So aber, wie Jansons jedes einzelne Werk zum Glühen und Blühen brachte, war es schlichtweg eine Wonne, zumal nach der Pause, als es die deutsche Erstaufführung von Berios »Quatre dédicaces« und Strawinskys Ballettsuite »Der Feuervogel « gab. Ein Wind ging da durch Scharouns Musentempel, der nicht anders als himmlisch genannt werden darf. Musik als Sinnenfreude par excellence, Musik als Befreiung, als ein göttlicher Akt, hervorgebracht durch einen Dirigenten, dessen Kräfte magisch zu sein scheinen und dessen Ausstrahlung es schlichtweg ist. Hervorgebracht aber auch von einem Orchester, dessen Streicherklang wie von samtener Seide, zugleich wie von Stahl geschmiedet sein kann, und dessen Bläser mit ihrem warmen, zugleich wie durch Butter schneidenden Klang einen Glanz in die Hütte trugen, wie man ihn hier höchstens von den Berliner Philharmonikern gewohnt ist.
An solche Aura heranzureichen, ist nicht leicht. Einer, der es (fast) vermochte, ist Daniel Harding. Er war mit dem fabelhaften London Symphony Orchestra nach Berlin gekommen, auch er befeuerte diesen Klangkörper zu außerordentlicher Leistung, und auch er reüssierte mit einem Stück von Berio: mit der Leonard Bernstein gewidmeten »Sinfonia« für acht Singstimmen und Orchester von 1968. Passives Genießen ist hier nicht gestattet. Wer es tut, versteht nichts oder zumindest nur sehr wenig. Berio zwingt uns, das Verstehen zu üben, gerade dadurch, dass die »Sinfonia« sich so enigmatisch gibt, er will uns mit ins Boot holen, unsere schöpferischen Impulse, die in jedem Menschen wohnen, aktivieren. Ein Sinn von Kunst ist damit ins Feld geführt.
Wenn man so will, gilt solches auch für Luigi Nonos »Intolleranza 1960«. Wie ein Koloss aus Klang und Text (und Wut) steht dieses Werk in der Welt. Eine Oper ist es gewiss nicht, sein Schöpfer hat es triftig eine »Azione scenica« genannt. Nicht eine Geschichte wird hier erzählt, sondern er hat diese Geschichte als Folie genommen für die Geschichte jenes Jahrhunderts, das der Historiker Eric Hobsbawm einmal das »Zeitalter der Extreme« nannte: das 20. Jahrhundert. Nono komponierte daraus auf ein eigenes Libretto eine Abfolge von Aktionen, die vor allem eines gemein haben: die Schilderung menschlichen Defizits. Gegen dieses Defizit geht »Intolleranza 1960« an. Laut, diffus, verzweifelt, mal schreiend, mal seufzend, mal poetisch sehnend. Kein Kunstwerk also, das man einfach nur hinnehmen oder gar genießen kann. Und genau so inszeniert es Benedikt von Peter an der Staatsoper Hannover. Radikal, hart, direkt, politisch, historisch, propagandistisch, humanistisch. Der Zuschauer verwandelt sich dabei in einen Akteur, der alles, was geschieht, leibhaftig-körperlich auf der Bühne miterlebt.
Von dieser Erfahrung noch ganz mitgenommen, stiegen wir am nächsten Morgen ins Flugzeug, um nach Kopenhagen zu reisen. Unser Ziel war die neue Oper von Poul Ruders, »Dancer in the dark«, nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier. Richtig glücklich wurden wir mit dem Werk nicht. Also strebten wir, damit die Reise in die Stadt Kierkegaards noch ein glückliches Ende finden möge, in das neue Konzerthaus des Dänischen Rundfunks, welches kein Geringerer als Jean Nouvel ersonnen hat. Ein Zauberkasten, wie er im Buche steht: verspielt, genial, vielfarbig, vielschichtig, ein Kaleidoskop aus Glas, Stein und anderen Materialien. Besonders schön der große Konzertsaal. Und dort endlich wurden wir belohnt. Thomas Dausgaard dirigierte das Dänische Nationale Symphonieorchester mit zwei passablen zeitgenössischen Werken und dem »Heldenleben« von Strauss. Er tat es mit einer Eindringlichkeit und Präzision, die uns den größten Respekt abverlangte – und uns wieder die warmen Worte Schonbergs vom großen Dirigenten in Erinnerung rief. In diesem Sinne, herzliche Grüße Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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