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Harald Schmidt

Mozart gibt mir wenig

Er gilt als der »Intellektuelle« unter Deutschlands TV-Entertainern. Alles nur »gesunde Halbbildung«, sagt er. Tatsächlich studierte er Kirchenmusik, reüssierte als Operetten-Regisseur und gibt auch hin und wieder mal den Moderator von klassischen Konzerten. In Stuttgarter Bahnhofsnähe unterhielt sich Robert Fraunholzer mit ihm über Klassik, Klassikfans und die Leggings von Anne-Sophie Mutter.

RONDO: Herr Schmidt, reden wir über erhabene Dinge. Sie planen Auftritte gemeinsam mit dem Concerto Köln. Kann Sie jeder buchen? Harald Schmidt: Ja, es wurde mir angeboten. In lockerer Folge mache ich einmal pro Jahr etwas in der Kölner Philharmonie, zuletzt ein Kinderkonzert mit der Organistin Iveta Apkalna. Davor Richard Strauss’ »Bürger als Edelmann«. Jetzt wurde ich gefragt, ob ich bei Mozarts »Schauspieldirektor« den Sprecher machen wolle. Ich werde das Ganze monologisch umschreiben, aber nicht extemporieren. Ich kann auch anders.

RONDO: Sie haben als Kind Orgel gelernt. Warum?

Schmidt: Mein Klavierlehrer war evangelischer Kirchenmusikdirektor. Mir hat’s gefallen, weil die Orgel so ein bombastisches Instrument ist. Sie hat so etwas Egomanisches. Ich habe es zehn Jahre lang gemacht, in der Zeit zwischen 12 und 22 Jahren. Jeden Sonntag bin ich um halb sieben aufgestanden! Je älter ich werde, desto mehr weiß ich, dass ich ein schlechter Laie bin. Nach zwei Sekunden Improvisieren gehe ich schamerfüllt in die Ecke.

RONDO: Haben Sie gern geübt?

Schmidt: Ja. Ich musste es. Ich habe die C-Prüfung gemacht. Da waren Leute dabei, die es nur als Training für die Aufnahme an der Musikhochschule betrachteten. Ich bekam eine Drei. Als Schmierant bin ich gut durchgerutscht. Ich habe funktioniert.

RONDO: Hat Sie nicht gestört, dass man als Organist kaum zu sehen ist?

Schmidt: Man wird gesehen, wenn man den Schlüssel vorher rausholt und aufschließt!

RONDO: Spielt Klassik eine Rolle in Ihrem Leben?

Schmidt: Hauptsächlich, um mich abzugrenzen vom Massengeschmack. Das habe ich erst kürzlich eingesehen. Ich merkte, dass ich privat kaum je eine CD einlege. Ich höre nur kontinuierlich WDR 3. Ich saß auch gern in Konzerten von Alfred Brendel – und war der Jüngste dort. Ich war mal in der Madeleine in Paris, und am Schluss gingen die Türen auf und jemand spielte die berühmte Orgelsinfonie von Charles Widor. Eigentlich die Eurovisisions- Fanfare, nur eine Stufe höher. Toll!

RONDO: Wofür schwärmen Sie noch?

Schmidt: Lange Zeit für Bach. Ich höre gerne mal eine Kantate, so einen 25-Minüter. »Oh Herr, hilf unsrer Schwachheit auf …« oder so. Kennen Sie den Nivea-Werkschoral: »Was soll ich mich denn cremen?« Je älter ich werde, desto lieber höre ich Robert Schumann.

RONDO: Was finden Sie furchtbar?

Schmidt: Ich kann mit zeitgenössischer Musik wenig anfangen. Aber ich bin ein großer Fan von A-cappella-Chormusik, was ja auch Hardcore ist. Zum Beispiel Orlando di Lasso. Und als Gegenprogramm Franz Lehár und das Programm der Wiener Philharmoniker an Neujahr.

RONDO: Was halten Sie von Mozart?

Schmidt: Mozart gibt mir wenig. Ganz ehrlich gesagt, wenn Fritz Wunderlich »Dein ist mein ganzes Herz« aus dem »Land des Lächelns« singt, erreicht mich das auf eine Art, wie »Don Giovanni« und »Figaro« das nicht können. Wahrscheinlich bin ich ein Schlagerfan, der sich vorsagen möchte, dass er von der Klassik herkommt.

RONDO: Hören Sie Schlager?

Schmidt: Nie.

RONDO: Finden Sie, dass Operetten zeitgemäß sind?

Schmidt: Natürlich nicht. Wir haben in Düsseldorf »Die lustige Witwe« gemacht. Da war das Durchschnittsalter 75.

RONDO: Sie haben sogar mal die Berliner Philharmoniker moderiert.

Schmidt: Eine Veranstaltung, für die ich mich eher schäme. Wir mussten meinen Part voraufzeichnen, weil ich live nicht da sein konnte. Die eigentliche Sternstunde war, als ich in so einem abgetrennten Teil sitzen durfte, inklusive Lang Lang. Und Simon Rattle rief aus dem Gedächtnis die Stellen auf, die er noch mal hören wollte. Großartig.

"Müssen Sie manchmal darüber lachen, dass Sie ernst genommen werden?"

RONDO: Sie gelten in Deutschland inzwischen als intellektuelle Autorität. Können Sie sich das erklären?

Schmidt: Ich verfüge über einen relativ schnell abrufbaren Satz von Klappentext-Weisheiten. Ich kann Richard Strauss zeitlich einordnen und weiß, wer Jonathan Franzen oder Philip Roth ist. Damit hat es sich aber auch schon fast.

RONDO: Gesunde Halbbildung.

Schmidt: Genau. Der neue Roman von Jonathan Franzen heißt »Freiheit« und die Autobiografie von Claude Lanzmann »Der patagonische Hase«.

RONDO: Und der neue Ferdinand von Schirach?

Schmidt: »Strafe«.

RONDO: Nein. »Schuld«.

Schmidt: Aber dicht dran! Ich hab’s nicht richtig angeschaut, weil ich denke: Die Welt ist voll von Bibliotheken, die ich nicht gelesen habe.

RONDO: Müssen Sie manchmal darüber lachen, dass Sie ernst genommen werden?

Schmidt: Nein. Eine Weile habe ich versucht, Aufklärung zu betreiben und zu sagen: »Ich kenne mich gar nicht aus.« Vergeblich. Offenbar will es keiner hören. Ich habe mir eine ergiebige Nische erarbeitet, was Sie auch daran ablesen können, dass Sie heute ein Interview mit mir machen, oder? Allein die Tatsache, dass Nike Wagner mich mal in einem zeitkritischen Artikel erwähnt hat, finde ich großartig. Zumal ich Nike Wagner beobachtet habe, wie sie zickig wurde am Eingang des Burgtheaters. Der Kartenabreißer: »Schönen Abend, Frau Wagner.« Und sie im Diskant: »Na, hoffentlich.«

RONDO: Sie sind mal mit Anne-Sophie Mutter gemeinsam aufgetreten.

Schmidt: E in Highlight. Ich habe die Redaktion vorher gewarnt: »Das kann ich nicht.« Aber sie wollte es. Ich hatte zwei Wochen lang jeden Tag geübt. Das Stück war fies. Ich bekam Schweißausbrüche, als Frau Anne-Sophie die Geige auspackte. Und hinterher hab ich Lob von den Profis gekriegt. Ich hatte die richtigen Sachen ausgelassen.

RONDO: Sind Leute aus der Kultur edlere Charaktere?

Schmidt: Das meinen Sie nicht ernst. Wahnsinn ist, wenn Sie die Berliner Philharmoniker hinter der Bühne erleben. Da haben Sie das Gefühl, hier geht gleich ein Grillabend los. Ich habe gemerkt: Es ist ganz wichtig, dass die Musiker einen Frack tragen. Einen Berufsmusiker sollte man nie seinem Privatgeschmack überlassen. Die üben von Kind auf den ganzen Tag. Es ist denen wurscht.

RONDO: Wie ist Lang Lang? Schmidt: Entspannt und locker bis hin zur Arroganz. Er kam direkt aus dem Flugzeug in die Philharmonie. Anne-Sophie Mutter habe ich auch erlebt beim 80. Geburtstag von Kurt Masur in Leipzig. Sie stand in Ballerina- Leggings auf dem Parkplatz, einen Pappbecher in der Hand. Da gehe ich natürlich auf die Knie.

RONDO: Von Anne-Sophie Mutter berichten die Berliner Philharmoniker, sie sei früher immer nur mitgegangen, wenn genug interessante Männer dabei waren.

Schmidt: Ehrlich gesagt, welchen Grund sollte es sonst geben? Es kann ja nicht ernsthaft erwartet werden, dass jemand ein Gespräch sucht …

RONDO: Nicht?

Schmidt: Ich erlebe selten ernsthafte Unterhaltungen, sondern nur die Verabredung: Hörst du dir meinen Monolog an, dann höre ich auch dir ein bisschen zu. Und beim Essen mit Bigshots, wo es heißt: »Ihr kommt doch nachher noch mit!«, sieht es so aus: Die entscheidenden Drei sitzen am Tisch, der Rest steht im Windfang. Da geht’s nur ums Business. Um den Marktwert.

RONDO: Wie finden Sie Klassikhörer?

Schmidt: Ich bin mal von Stuttgart nach Köln gefahren, der ICE wurde umgeleitet durchs Rheingau. Da saßen im Speisewagen fünf Opernfans, die sich kennenlernten, weil der Wein langsam ausging. Die schrieen sich Aufführungen, Sänger und Dirigentennamen zu wie andere Leute Namen von Fußballspielern. »Ick hab ja die noch als Brünnhilde jesehen … Wissen Se was, das ich doch kein Alberich … Ich bin nach Münschen jefahren, dat is so’n Stimmchen«. Das finde ich irre. Richtige Opern-Aficionados, sensationell. Die härtesten sind natürlich die Wagnerianer. Ich dachte, ich seh’ nicht richtig: Holt bei der Premiere der »Meistersinger« in Köln eine Omi ein Mikro aus der Handtasche, als es losgeht … Die Leute wissen wie bei den »Stones«: Jetzt kommt »Satisfaction«. Ich find’s großartig.

RONDO: Wagner ist nicht Ihr’s?

Schmidt: Doch, ich finde, man verschenkt ungeheure Möglichkeiten, wenn man sich nicht irgendwann mal mit Wagner beschäftigt. Das ist mit das Größte. Ich finde, es kann jeder Playstation spielen, wie er lustig ist. Ich ziehe aus Wagner mehr Gewinn.

RONDO: Privat weiß man nichts von ihnen. Man hat den Eindruck: Da ist auch nicht viel zu wissen?

Schmidt: Natürlich nicht. Mit Falschmeldungen, Nebelkerzen und Halbwahrheiten versucht man es so ein bisschen aufzuhübschen. Ich habe von Beckenbauer gelernt, alles unwidersprochen stehen zu lassen. Entweder man geht juristisch vor, was öde ist. Oder man lässt gleich alles so, wie es ist.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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