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Janina Fialkowska

Das Schicksal geschultert

Die »Grande Dame« der kanadischen Pianisten, Janina Fialkowska, hat in diesem Jahr sehr viel Erfolg mit Frédéric Chopin – kein Wunder, denn sie wurde einst von Arthur Rubinstein persönlich unterrichtet. Doch ihre Karriere ist nicht immer geradlinig verlaufen. Vor einigen Jahren überwand sie einen sehr seltenen Tumor in der linken Schulter, der ihre Karriere zu beenden drohte. Michael Wersin hat sie getroffen.

RONDO: Frau Fialkowska, Sie wurden in Montréal geboren als Tochter eines polnischen Einwanderers und einer kanadischen Mutter, deren Familie wiederum irische, schottische, englische und sogar indianische Wurzeln hat. Was bedeutet diese multinationale Herkunft für Sie?

Janina Fialkowska: In Kanada haben fast alle Menschen so vielfältige Abstammungsverhältnisse. Mir ist dadurch jeglicher Nationalismus fremd, ich sehe mich als Weltbürgerin. Besonders dankbar bin ich natürlich für den polnischen Einschlag, denn daher kommt sicher meine Liebe zu Chopin.

RONDO: Sprechen Sie Polnisch?

Fialkowska: Nicht gut, nur ein bisschen. Meine Mutter hat extra Polnisch gelernt, aber meine Eltern haben es nur als eine Art »Geheimsprache« untereinander genutzt. Das wenige Polnisch, das ich kann, habe ich bei Arthur Rubinstein gelernt – in dessen Haus sprach man nur Polnisch. Die erste Sprache meines Vaters war übrigens Deutsch, er ist in Wiener Neustadt aufgewachsen.

RONDO: Ihre musikalische Entwicklung ist zusätzlich französisch beeinflusst, durch das Klavierstudium Ihrer Mutter ...

Fialkowska: Sie hat in Paris an der École normale supérieure bei Jeanne Blancard studiert, die eine Schülerin von Alfred Cortot war. Meine Mutter stammt aus einer wohlhabenden Familie. Sie hat mit etwa 15 ihre Liebe zur Musik entdeckt und wollte dann unbedingt Klavier studieren. Für eine Karriere war das aber zu spät, und sie war ohnehin für die Ehe bestimmt. Der Kriegsbeginn 1939 führte dann auch zum abrupten Abbruch ihres Paris- Aufenthaltes. Sie hatte sich aber so intensiv mit der Technik beschäftigt, dass sie eine gute und wichtige Lehrerin für mich war.

RONDO: Neben Ihrem Vater gibt es noch zwei weitere wichtige polnische Männer in Ihrem Leben: Frédéric Chopin und Arthur Rubinstein.

Fialkowska: Ja, und ich habe sie zusammen kennengelernt: Natürlich habe ich Chopin seit meiner Kindheit gehört, unter anderem durch das Spiel meiner Mutter. Aber als ich elf Jahre alt war, haben mich meine Eltern zu einem Konzert nach Montréal mitgenommen. Zubin Mehta dirigierte, Arthur Rubinstein spielte das erste Klavierkonzert von Chopin. Und das war für mich, als ob ein Licht in meinem Kopf eingeschaltet würde: Das ist es also, was ein Musiker macht! Ich hatte den Eindruck, Rubinstein teile mir diese Musik von Chopin ganz persönlich mit – und um mich herum hatten die Leute Tränen in den Augen. Ich habe an diesem Abend erstmals die ganze Macht der Musik gespürt, niemals vorher hatte ich das in dieser Tiefe empfunden. Ich spielte damals schon ganz gut, so ein bisschen wunderkindmäßig, aber an diesem Abend habe ich entschieden: Ich möchte Pianistin werden.

RONDO: Und als es dann Anfang der Siebzigerjahre auf Ihrem beruflichen Weg eine Krise gab, trat Rubinstein persönlich in Ihr Leben und hat Ihrer Karriere den entscheidenden Anstoß gegeben ...

Fialkowska: Vor 1980 war für eine Frau in Nordamerika eine Karriere als Konzertpianistin praktisch ausgeschlossen. Mit 23 Jahren hatte ich zwar einige Preise gewonnen, aber ich hatte noch kein professionell organisiertes Konzert gespielt. In Juilliard habe ich ein wenig Klavier unterrichtet, aber ich wollte nicht Lehrerin werden. Also entschied ich mich, einen anderen Beruf zu lernen, um Geld zu verdienen. Im Sommer 1974 war ich dann schon für Jura eingeschrieben, als ich hörte, dass der Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv, der im Jahr zuvor ausgefallen war, nun stattfinden würde. Um dort hinzufahren, musste ich die erste Woche meines Studiums schwänzen, aber meine Eltern und mein New Yorker Klavierlehrer Gorodnitzki rieten mir, unbedingt zu fahren, weil ich dort Rubinstein persönlich treffen würde. Also bin ich hingefahren, weil ich unbedingt die Hand meines Idols schütteln wollte.

RONDO: Und dann haben Sie den dritten Platz belegt, durch Rubinsteins persönliches Engagement.

Fialkowska: Ja, ohne ihn wäre ich wohl nicht ins Finale gekommen. Ich hatte als Kanadierin keine Lobby in der Jury, und man wollte mich als »verzichtbar« rausschmeißen. Aber Rubinstein wurde unglaublich wütend und drohte, seinen Namen von dem Wettbewerb abzuziehen, wenn ich nicht ins Finale käme. Er hat dann zu mir gesagt: »Du hast keine Karriere? Ich kümmere mich darum.« Ich habe das natürlich nicht geglaubt – aber drei Monate später war er in New York, rief mich an, bat mich zu sich und hat mich dann eine ganze Woche lang täglich unterrichtet. Danach hat er seine Konzertagenten quasi »gezwungen«, dass ich an allen Orten, wo er in dieser Saison auftreten würde, im Jahr darauf konzertieren durfte. So spielte ich, die ich davor noch nie ein wichtiges Konzert gegeben hatte, plötzlich mit den größten Orchestern der Welt! Ich bekam sehr gute Rezensionen, und diese insgesamt 44 Konzerte waren der Beginn meiner Karriere. Danach war ich so erschöpft, dass ich drei Monate nicht mehr spielen konnte. Aber dann habe ich im darauffolgenden Vierteljahrhundert nie mehr ein einziges Konzert abgesagt.

Schmerzliche Neuanfänge

RONDO: Allerdings gab es später ein gravierendes gesundheitliches Problem, das Ihre Karriere massiv gefährdet hat.

Fialkowska: Anfang 2002 habe ich im Urlaub im Allgäu entdeckt, dass mein linker Oberarm geschwollen war. Als ich kurz danach in Amerika meine Tournee beginnen wollte, tat der Arm weh. Ich ging zu meinem Chiropraktiker, aber der hat mich sofort weitergeschickt. Bei einer Tomografie wurde dann festgestellt, dass das Muskelgewebe beim Schulterblatt von einem zwölf Zentimeter großen Tumor befallen war. In einer Spezialklinik in New York wurde dieser sehr seltene Krebs dann entfernt. Ein großer Teil des Bizeps und Trizeps wurden herausgeschnitten.

RONDO: Und dann haben die Ärzte Ihre Spielfähigkeit wiederhergestellt?

Fialkowska: Sie haben im Januar 2003 einen anderen Muskel transplantiert. Im Mai durfte ich den Arm dann wieder bewegen, und schon im Sommer konnte ich wieder Chopin spielen. Die Ärzte haben die Bewegungsfähigkeit des Arms exakt so restituiert, wie ich es für das Spielen brauche. Heute kann ich den größten Teil meines früheren Repertoires wieder spielen, aber eine Einkaufstasche könnte ich links nicht tragen. Während meiner Krankheit habe ich übrigens Konzertliteratur für die linke Hand mit rechts gespielt, da war ich sehr begehrt. Als ich wieder beide Hände benutzen konnte, musste ich die Agenturen neu überzeugen, mich weiter zu buchen ...

RONDO: So viele Neuanfänge in Ihrer Karriere!

Fialkowska: Ja, und darum bin ich froh, dass ich dieses Jahr in Marktoberdorf einen Meisterkurs geben konnte für sehr begabte Nachwuchstalente, von denen viele aus verschiedenen Gründen ebenfalls keinen geradlinigen Karrierebeginn erlebt haben. Ich habe jetzt den Wunsch, mit meinen speziellen Erfahrungen anderen Künstlern auf ihrem Weg weiterzuhelfen.

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Michael Wersin, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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