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Alexander Krichel

Kalte Finger, heißes Herz

Alexander Krichel will kein hanseatischer Klavier-Schönling, sondern ein Philosoph unter den Pianisten werden. Er setzt auf Romantik.

Vorsicht, aufreizend! Gleich sechs (!) Porträt-Fotos von Alexander Krichel auf seiner Debüt-CD zeigen einen blendend attraktiven, die Lässigkeit des Eroberers hinter burschikosem Lächeln verbergenden Beau. Empfindsameren Naturen könnte die Luft wegbleiben. Zumindest dann, wenn man nicht ahnen würde: Heutigen Styling- und Photoshop-Künsten ist grundsätzlich zu misstrauen! Und gutes Aussehen kann außerdem gefährlich sein. Schon Lang Lang wurde aus der Tatsache fast ein Strick gedreht, dass er nicht nur die 64stel-Noten bei Chopin mit bestechender Wildheit, sondern auch mit fliegendem Haarschopf zu exekutieren weiß. Für manche bilden ewige Werte und ein ansprechendes Extérieur einen bleibenden Widerspruch.
Vor Fallstricken seines guten Aussehens ist Alexander Krichel (23) trotzdem sicher. Weil ein seriöser Hintergrund, religiöse Erdung und langfristiges Denken stark bremsende Gegengewichte bilden. Krichel betont, er habe sogar für das bewusste Foto- Shooting nur eigene Sachen getragen, um möglichst hohe Authentizität zu erzielen. Sein Einchecken bei dem inzwischen vor lauter Pianisten berstenden Label Sony sieht er ebenso kritisch wie selbstbewusst. Die Grundidee seiner CD mit „Lied- Transkriptionen der Früh- und Hochromantik“, so Krichel, macht nicht gerade den Eindruck eines flockigen Hipsters.
Sein Klavierspiel im Übrigen ist dermaßen empfindsam, weichstimmig und gesanglich, dass hanseatisches Temperament auch hierbei offenbar ordnend, mildernd und verbürgerlichend zum Zuge kam. Der Sohn eines Hamburger Ingenieurs und einer Biologin aus Italien war musikalisch frühreif. Und multitalentiert. „Neben der Musik fand ich in Mathematik und Biologie meinen Zufluchtsort. Nur wurde es mir mit der Zeit zu trocken“, so Krichel. Also entschied er sich gegen ein avisiertes Medizin- Studium und setzte alles auf die Klavier-Karte. „Ich stehe nackt vor dem Publikum und habe nichts in der Hinterhand“, sagt er beim Interview in Berlin. Außer ein bisschen Tragik und Bekenntnis zur Melancholie. Sein erster Agent ebenso wie sein Lehrer Vladimir Krainev starben, bevor Krichel auf musikalisch eigenen Füßen stand. „Acht Stunden vor seinem Tod war ich bei Krainev zum Unterricht. Von ihm habe ich alles gelernt, was ich kann.“ Das bezieht sich nicht zuletzt auf die von Krainev und dessen Lehrer Heinrich Neuhaus repräsentierte russische Klavier- Schule: „Dass man stets eine Botschaft braucht und dass die Töne noch im leisesten Pianissimo ihre unverminderte Präsenz haben.“ Svjatoslav Richter, Emil Gilels und auch Murray Perahia sind die Klavier-Götter, auf die er schwört. „Kalte Finger und heißes Herz!“, habe ihm Krainev als Devise mit auf den Weg gegeben. Zusammen mit versonnen kontemplativen Talenten, einem schönen Gefühlsextremismus und der „Neigung zur Philosophie“ ergibt das eine durchaus explosive Mischung. Besonders im magischen Kolorieren und Illuminieren der romantischen Kleinformate erweist sich Krichel als gelehriger Schüler der von ihm verehrten Vorgänger. Schumanns Frühlingsnacht duftet nach Mondlicht. Fanny Mendelssohns Saltarello romano tanzt traumwandelnd und Mendelssohns fünf Lieder ohne Worte sowie Webers Rondo brillant La gaiété gebilden das schöne Zentrum einer CD, welche ihre studentische Jugend offensiv ausspielt. Eine Talentprobe ist es, der übrigens ein dunkleres, dabei schön in sich ruhendes Liszt-Album kürzlich schon voranging (bei Telos). Bei allem blendenden Auftritt kann der Klavier- Schwarm nicht verhehlen, dass er am Anfang steht. Allzu umstandslos schnurren Mendelssohns Variations sérieuses ab. Dafür trällern Liszts Schubert- Transkriptionen herrlich naiv, glitscht die Forelle dem Erlkönig lustig und wetterwendig in die Hand. Mit knapp 50 Konzerten pro Jahr wird Alexander Krichel demnächst deutsche und internationale Konzertpodien bespaßen. Und schon durch seinen auffälligen Römer-Kopf das Publikum anziehen. Ave Alexander! Auch Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag erbaut.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Schubert, Robert Schumann

Frühlingsnacht

Alexander Krichel

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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