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Musik der Welt

Von Kuba bis Bayern

+ Mit 14 Jahren Verspätung fand endlich das geplante Gipfeltreffen des Buena Vista Social Clubs mit der musikalischen Crème de la crème Malis statt + Larry Porter bringt die afghanische Kurzhals-Laute ebenso zum Singen und Swingen wie das Jazzklavier + Fünf Münchner sorgen mit unglaublichem Einfallsreichtum für Lebensfreude pur +

Afrokubismus? So einprägsam die Wortschöpfung ist, so führt sie doch in die Irre. Mit jenem avantgardistischen Stil, der vor 100 Jahren die Wende zur Abstraktion in der Malerei einleitete, hat Afrocubism (World Circuit WCD 085) kaum zu tun, auch wenn das Cover den Verdacht unterstreicht. Was unzählige Alben von sich glauben machen wollen, ist es wirklich: ein afrokubanisches Album. Klänge es nicht abstrus, man müsste es als afrokubafrikanisch bezeichnen. Es ist bestens bekannt, dass kubanische Musik einst aus der Verschmelzung afrikanischer und europäischer Musik hervorging, als Folge der (von den Spaniern erst 1880 abgeschafften) Sklaverei, die Menschen aus westund zentralafrikanischen Königreichen in die Karibik verschlug. Eher übersehen wird, wie stark die lateinamerikanische Musik dann wieder auf Afrika ausstrahlte. In den 60er und 70er Jahren hatte kubanische Tanzmusik den stärksten Einfluss auf jene Malis, was auch nicht verwundert, wenn man die Son- und Rumba-Rhythmen hört, die in jener Gegend Afrikas ihre Wurzeln haben. Kasse Mady Diabaté, der berühmte malische Jeli (neben dem Kubaner Eliades Ochoa Hauptsänger des vorliegenden Albums), gehörte einst den Las Maravillas de Mali an, deren Mitglieder jahrelang auf Staatskosten an kubanischen Konservatorien studierten. Auch wenn die offizielle Kulturpolitik dann auf einheimischere Klänge setzte, blieb die Affinität zur Musik der Nachkommen der Zwangsauswanderer bestehen. Nicht zuletzt verdanken die Musiker Malis der kubanischen Musik die Vertrautheit mit modernen, sprich westlichen Instrumenten, allen voran der Gitarre, die auf diesem Album vom wegweisenden Djelimady Tounkara virtuos gehandhabt wird. Er hätte schon 1996 an den Aufnahmesitzungen zum preisgekrönten Buena Vista Social Club teilnehmen sollen, denn was lag näher als endlich einmal große kubanische und malische Musiker in einem Projekt zusammenzuführen? Tounkara erhielt aber zu spät seinen Pass oder sein Visum, andere Kollegen aus Mali konnten ebenfalls nicht einreisen, und so blieb die Produktion eine fast innerkubanische Angelegenheit. »Afrocubism« ist das glückliche Ergebnis des mit 14-jähriger Verspätung stattgefundenen Stelldicheins, angeführt von Eliades Ochoa, dem stets einen Cowboyhut tragenden Sänger des Buena Vista Social Club. Ein Gipfeltreffen fürwahr, mit Größen wie Bassekou Kouyate, dem herausragenden Interpreten der Laute Ngoni, aber auch weniger bekannten Könnern wie Lassana Diabaté, der auf zwei Balafonen gleichzeitig spielt, was ihm dank der zusätzlichen Töne erlaubt, chromatisch zu spielen wie ein Jazz-Vibraphonist. Man spürt die Neugier und die gegenseitige Bewunderung, die diese Virtuosen füreinander empfinden und sie zu einem erstaunlichen Ensemble zusammenwachsen läßt. Die Leichtigkeit und Spontaneität der beglückenden Kommunikation der Musiker, die nie zuvor miteinander musiziert hatten, das Miteinander verwandter, doch eben distinkter Idiome, schlägt in den Bann – vom Eröffnungsstück »Mali Cuba«, in dem der eminente Kora- Meister Toumani Diabaté mit der Gitarre Eliades Soli austauscht bis zum Schlussstück, dem lässig gezupften, so noch nie gehörten Gassenhauer »Guantanamera«.
Afghanische Rebab und Jazzklavier? Heutzutage überrascht wohl auch eine so unübliche Verbindung kaum mehr. Wenn es aber ein auf beiden Instrumenten vorzüglich improvisierender Solist ist, der beide gleichermaßen zum Singen und Swingen bringt, einer, der dem ungewöhnlichen Paar durch zwölf unterschiedlich instrumentierte Eigenkompositionen immer wieder neue Reize abgewinnt?

Erweiterung des Horizonts

Larry Porters aktuelles Album »Silk Road Blues« (Flowfish FF 0018) ist nicht dem kombinatorischen Kalkül eines Produzenten entsprungen. Das Projekt verdankt sich auch nicht einer Laune von Jazzmusikern, die erst drei Tage vorher exotische Instrumente in einem Basar erstanden haben. Das Werk ist in jahrzehntelangem Umgang mit zwei grundverschiedenen Instrumenten gewachsen: Fast sein ganzes Leben lang spielt Larry Porter Klavier, die meiste Zeit davon ein nach allen Regeln der Kunst auch ganz ohne weltmusikalischen Anstrich überzeugendes, modernes Jazzpiano. In Kabul erlernte er 1976 beim bedeutenden Meister Ustad Mohammad Omar das Spiel auf der Rebab, einer auch als Rubab bekannten Kurzhals- Laute mit 18 Saiten (die nicht mit dem arabischen Streichinstrument Rebab zu verwechseln ist). Lange hat er dieses Instrument, dessen Name in etwa mit »Tor der Seele« übersetzt werden kann, nur auf traditionelle Weise gespielt, bevor er, zunächst immer noch in afghanischem oder indischem Stil, Eigenes dafür schrieb. Später hat er vereinzelt in Konzerten klassische afghanische Musik seinem Schaffen als Jazzmusiker gegenüberstellt. Doch nun wächst es zusammen. Auf »Silk Road Blues« können wir die durch Playback ermöglichte Synthese endlich erleben, die – wen wundert es angesichts der bekannten Wechselwirkungen zwischen indischer und afghanischer Musik bzw. Jazz – auch starke indische Elemente aufweist. Die Mitwirkung des afghanischen Tabla- Spielers Solyman Alizo, schon seit Jahren Idealpartner Porters, beschränkt sich allerdings auf nur drei Stücke. So trommelt er in »Todi in the Groove« im gängigen nordindischen 16-Takter Teental, während der Rebab-Porter streng in der nordindischen Rag Todi improvisiert und der Klavier-Porter einen reggaeartigen Drive unterlegt. Meist bewegt sich die Rebab aber ganz ohne ›asiatische Gefährten‹ durch Porters Arrangements, denen die Rhythmusgruppe aus Scott White (b) und Heinrich Köbering (dr) sowie der Saxophonist David Beecroft Jazzflügel verleihen. Sie darf mal in einer Ballade über Jazz-Changes spielen, während sie oft in traditionellen Modi verbleibt. Manches klingt völlig unvertraut – das faszinierende bitonale Klavier- Rebab-Duo »Dancing Shadows« erinnert Porter selbst an Mittelalterliches und Bartók –, während anderes tönt, als hätte man längst darauf gewartet, etwa der »Raga’n Roll«, immerhin ein unalltäglicher 14-taktiger Blues in der karnatischen Ragam Shadvidamargini. Die herzerfrischende Begegnung der zwei Seelen in der Brust eines Ausnahmemusikers ist so außergewöhnlich, dass man über die sonst recht unnütze Repeat- Taste am CD-Spieler froh ist.
Den Bandnamen der seit fünf Jahren auftretenden alpinen Weltmusikformation Fei Scho (angeblich die bayerische Antwort auf Feng Shui) könnte man als »freilich schon« übersetzen, den Titel ihres zweiten Albums »Ungrantig« (Galileo GMC042) als »unverärgert«. Was für ein Ausbund an Bescheidenheit! Es ist ein von pfiffigem Spielwitz strotzendes Album voller ansteckender Lebensfreude, bei dem die fünf singenden Münchner Multiinstrumentalisten nicht nur ihre Hauptinstrumente (Flöten, Gitarren, Geige, Bass) polyglott und flott bedienen, sondern aus jedem erdenklichen Gerät zwischen Bandoneon, Euphonium, Djembe und Drehleier akustische Wohltaten zaubern. Alles klingt locker, leicht und licht. Traditionelle Landler oder Zwiefache bilden dabei nur eine Startrampe von der aus es überall hingehen kann, wobei beschwingt Swing-, Afro-, Funk-, Latin-, Klassik- und …- Elemente mit so natürlicher Leichtigkeit mitgenommen werden, dass ein homogener Gesamteindruck entsteht, auch wenn die fünf mal wie ein Salonorchester, mal wie eine Balkantruppe tönen. Die klangfarbenreichen Arrangements dieser ausgeschlafenen Musikanten sind ebenso scharfsinnig wie leichtverdaulich. Ein größerer Erfolg der bislang eher als Geheimtipp auftretenden quickfidelen Könner scheint vorprogrammiert.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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