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Fanfare

Wie sagt der Volksmund so schön: Reisen bildet. Auch wenn so manches Beispiel aus der Geschichte dieses Theorem beinahe kategorisch außer Kraft zu setzen wusste, so will man es gleichwohl als Regel nicht ganz und gar in Frage stellen. Kurzum: So kamen wir nach Mumbai, und damit unter geschätzt 17 Millionen Menschen.
Vom indischen Schriftsteller Suketu Mehta, der aber weder verwandt ist mit Zubin Mehta, dem Dirigenten, noch mit Zarin Mehta, dem Orchestermanager, von diesem Mehta wissen wir, dass man Mumbai auch Bombay nennen darf; historisch sei das in Ordnung, schreibt Mehta in seinem grandiosen Buch »Maximum City« (das im Übrigen den, der es liest, zu einem klügeren Menschen macht). Doch nicht um das Schriftwerk soll es gehen, sondern um die klingende Kunst. Und die war ja schließlich Grund unserer Reise. Denn in Mumbai (oder Bombay) gab es, und das ist kein Scherz, zwei Aufführungen von Puccinis Schmachtfetzen »Tosca«.
Warum das so war, bedürfte einer längeren Erklärung, für die an dieser Stelle aber nicht genügend Platz ist. Also machen wir es kurz. Es gibt in Mumbai (oder Bombay) einen höchst kunstsinnigen Menschen, Khushroo N. Suntook heißt er. Herr Suntook ist ein höchst einflussreicher Mann, will sagen: Er hat Freunde, die wiederum ihrerseits höchst finanzkräftig sind. Und so kam es im National Center of Performing Arts zu eben jenen Aufführungen, die gewiss kein Weltniveau besaßen, aber doch von einigem kulturellen Nährwert waren. Auch Oper bildet, wie wir wissen, und allein deswegen war »Tosca« in Mumbai (oder Bombay) wichtig. Zumal die sängerischen Darbietungen mehr als anständig gerieten. Immerhin sang die schöne Iano Tamar die Titelrolle und Gustavo Porta den Cavaradossi. Bärenstark aber war der Scarpia von Anooshah Golesorkhi, und das nicht nur vokal. Auch als Darsteller brillierte der Bassbariton. So einen fiesen, macchiavelli-getränkten Potentaten sahen wir lange nicht.
Um ihn selbst, Anooshah Golesorkhi, zu treffen, hätten wir indes gar nicht in die Ferne schweifen müssen. Er lebt in Berlin. Und da wir diese arme, aber kulturell extrem erotische Stadt während unserer Bildungsreisen immer wieder gerne ansteuern, entschlossen wir uns auch dieses Mal dazu. Und erlebten an der Spree zwar nicht den Scarpia, aber doch einige Abende voller Esprit. Zum Beispiel das Klavierrecital von András Schiff. Geht es um die Podiumsplätze der Bach-Interpretation, sehen wir diesen (immer ein bisschen wie ein Kobold durch die Welt streifenden) Künstler auf dem Treppchen fast ausnahmslos an der Seite der ätherischen Angela Hewitt und von Murray Perahia, der ja mit Bach überhaupt erst ein großer Pianist wurde. Schiff spielte im Kammermusiksaal der Philharmonie die sechs Englischen Suiten des Altmeisters, und er tat es in einer ingeniösen Manier, die einmal mehr dafür sorgte, dass 1.100 Menschen im Saal sogar ihre bronchialkathartischen Neigungen vergaßen – was ja immer ein ausnehmend gutes Zeichen für das Gelingen eines Abends ist.
Apropos Gelingen: Auch das Debüt von Andris Nelsons am Pult der Berliner Philharmoniker wenige Tage später wollen wir ohne Wenn und Aber unter dieses Rubrum stellen. Da gab es in Schostakowitschs Achter Passagen von geradezu unerhörter Schönheit und Schwerelosigkeit; und auch Baiba Skride wusste mit ihrer Interpretation des Violinkonzerts von Alban Berg einen Glanzpunkt zu setzen.
Berlin ist eben immer eine Reise wert. Nachhaltig bestätigt wurde diese Einschätzung durch zwei Opernabende, die wir, gleichsam en passant, auch noch in unser kulturelles Gedächtnis einspeisten – indem wir nämlich einfach hingingen. Zunächst waren da die »Meistersinger«; ein durch und durch sperriges Stück. So aber, wie Andreas Homoki es inszenierte und wie Patrick Lange, der neue GMD an der Komischen Oper, es dirigierte, wurde es zu einem nachgerade diabolischen Vergnügen, das zudem den ganzen germanischen Staub, der sich auf diesem heiklen Opus versammelt hat, wegpustete, ohne dabei ins Moralische abzugleiten.
Moral, das ist, wenn man moralisch ist: Gebildete wissen, woraus der Satz stammt. Doch nicht Büchners »Woyzeck« oder Bergs »Wozzeck« waren es, die uns im Schillertheater ergötzten, sondern eine weitere Wagner- Oper: »Das Rheingold«. Über die Inszenierung des flandrischen Regisseurs Guy Cassiers mag man unterschiedlicher Ansicht sein, doch sowohl die orchestrale Darbietung der vom Tausendsassa Daniel Barenboim geleiteten Staatskapelle als auch einige Sängerleistungen verleiteten uns doch zu immenser Begeisterung.
Wagner, wissen wir, ist auch eine Vorliebe des Dirigenten Christian Thielemann; besonders dann, wenn er mythisch, mystisch gefärbt ist (also immer). Allein, Wagner kann nicht ewig der Einzige sein. Und also wagte sich Thielemann in München, der vorletzten Station unserer Bildungsreise, gemeinsam mit seinen Philharmonikern (die ja bald leider nicht mehr seine Philharmoniker sein werden) an eines der gigantomanischsten Werke der Musik, an Gustav Mahlers so genannte »Sinfonie der Tausend«. Es war, um es kurz zu machen, ein glanzvolles Wagnis. Der Mann vermag wohl doch mehr, als manche vermuten.
In Dresden weiß und schätzt man das. Doch nicht Thielemann war es, der uns dort mit seinem Können beglückte. Sondern der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber, der an der Semperoper und dort an der Spitze der famosen Sächsischen Staatskapelle sein Debüt mit Straussens »Daphne« gab. Und dies mit einer Geschmeidigkeit und einem Einfühlungsvermögen, das man nicht gar so häufig erlebt. Und so sei es, Kant hin oder her, nochmals in die Welt hinaus gerufen: Reisen bildet! In diesem Sinne, herzliche Grüße Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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