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Wolfgang Joop

Ungeschminkte Wahrheiten

Für die diesjährige Fotokampagne der Deutschen Oper Berlin wechselte Wolfgang Joop die Seiten. Als Model schlüpfte der Modedesigner in die Helden der anstehenden Opernpremieren. Seine zum Teil erstaunlichen Ansichten gab der 65-Jährige im Interview mit Jörg Königsdorf zu Protokoll.

RONDO: Gratulation, Herr Joop! Sie haben mit Mozarts »Don Giovanni« gerade den ersten Opernbesuch Ihres Lebens hinter sich gebracht. War’s schlimm?

Wolfgang Joop: Es war anstrengend, aber auch ein Erlebnis. Die Deutsche Oper war voll bis auf den letzten Stehplatz, und ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute für Oper interessieren! Und natürlich war ich geschmeichelt, weil ich ja irgendwie zur Produktion gehöre. Auch wenn mir viele Leute in der Pause gesagt haben, dass die Produktion sich besser an meinem Giovanni-Outfit auf den Plakaten orientiert hätte.

RONDO: Die Inszenierung von Roland Schwab ist ja sehr umstritten. Wie hat sie Ihnen gefallen?

Joop: Für mich fiel die Männer- und die Frauenwelt zu stark auseinander. Die Männer sahen sehr sexy aus, fast wie eine schwule Gang, während die Frauen ziemlich trutschig angezogen waren. Dass da erotisch etwas ablaufen soll, konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Außerdem hätte ich mir für »Don Giovanni« mehr etwas im Stil von »Gefährliche Liebschaften« gewünscht – Sex ist schließlich ein intimes Thema. Das hier war aber eher ein Disco-Inferno.

RONDO: Werden Sie trotzdem auch in die anderen Opern gehen, für die Sie in dieser Spielzeit werben?

Joop: Na klar, jetzt will ich mir natürlich alle meine Rollen angucken!

RONDO: Warum hat Sie Oper eigentlich bisher nicht interessiert?

Joop: Meine Abneigung gegen Oper kommt aus meiner Hamburger Zeit. Damals hat jede Designerin schon zum Frühstückscroissant die Callas gehört. Grässlich! Außerdem habe ich mich in der Abendgarderobe, die man für eine Oper braucht, immer leicht unwohl gefühlt. Fliege und Krawatte würgen einem die Luft ab, und wenn man sich im ersten Akt die Schuhe auszieht, kriegt man sie zur Pause nicht wieder an, weil die Füße angeschwollen sind.

RONDO: Da empfehlen wir Stützstrümpfe. Sie haben doch sogar selbst welche designed.

Joop: Ja, meine Kompressionsstrümpfe habe ich natürlich auch im »Giovanni« angehabt. Sonst hätte ich das doch gar nicht durchgehalten.

RONDO: Opernsängerinnen haben oft nicht gerade eine Traumfigur. Haben Sie da einen Kostümtipp?

Joop: Bevor ich hierher kam, dachte ich, dass die Oper aus Mode- und Designgründen ein nicht betretbares Feld ist. Ich habe mir Isolde als monströses Operngeschoss vorgestellt und hatte gleich die Panikvision von schwitzenden, wogenden Busen. Aber das ist gar nicht mehr so. Bei den Sängern, die hier auftreten, sind echt scharfe Teile dabei! Auch im Don Giovanni! Am sexiesten fand ich allerdings den Leporello. Vielleicht weil man es ja eh am liebsten mit der Dienerschaft treibt.

RONDO: Aber im schweren Wagner-Fach gibt es auch Wuchtbrummen.

Joop: Acht Stunden zu schreien, ist schließlich auch eine Leistung. Kein Wunder, dass man da Appetit bekommt. Auch wegen der emotionalen Verausgabung, die macht immer Heißhunger. Elton John zum Beispiel wurde immer fett, wenn er komponiert hat. Man will sich dann einfach belohnen.

RONDO: Und das darf man nicht?

Joop: Doch. Ich esse auch regelmäßig Torte mit Schlagsahne und habe auch mit 65 noch eine Figur, die es mir hier ermöglicht, in den jungen Tristan ebenso zu schlüpfen wie in den Herzensbrecher Don Giovanni. Man darf nur nicht von seinen alten Essgewohnheiten abweichen.

"Ich esse auch regelmäßig Torte mit Schlagsahne"

RONDO: Sie schwelgen hier in Rüstung und Rüschenhemd. Warum haben Sie selbst nie Opernkostüme entworfen?

Joop: Auf der einen Seite finde ich die Versuche, Opern in modernes Setting zu übersetzen, zu anstrengend. Auf der anderen Seite widerstrebt mir alles, was zu sehr retro ist. Die Illusion, die ein Opernkostüm vermitteln soll, ist einfach nicht mein Fall. Ich mache lieber Design. Wenn ich Kleidung oder Möbel entwerfe, habe ich das Gefühl, an der Gestaltung eines neuen Menschenbildes mitzuwirken. Das ist dann eine politische Aufforderung: Elitär, ungeschminkt und frei von jedem Rollenspiel.

RONDO: Wie soll man überhaupt heute in die Oper gehen? Ist Abendkleid noch zeitgemäß?

Joop: Wer in die Oper geht, soll den Mut haben, sich selbst zu inszenieren. Das Foyer ist die eigentliche Bühne. Wenn es nach mir ginge, würde ich am Eingang jedes Opernhauses eine Fashion-Polizei aufstellen, die alle Häkelstolas aussortiert. Und Brillenträger sollten ein Gestell mit Strass und Edelsteinen tragen. Je verrückter, desto besser! Wir erleben doch gerade, dass lauter schrille Figuren wie Lady Gaga in die Haute Couture-Szene drängen. Ich wünsche mir, dass sich auch das Opernpublikum davon inspirieren lässt – gerade hier in Berlin. Was bleibt uns denn noch außer der Haute Couture?

RONDO: Würden Sie sich selbst eigentlich als musikalisch bezeichnen?

Joop: Schon. Ich kann schnell Sprachen lernen und als ich meinen Roman »Wolf im Schafspelz« schrieb, habe ich immer auf einen Herzschlag, einen Rhythmus der Sätze geachtet. Mit der Musik hatte ich allerdings weniger Glück: Im Kinderchor schubste man mich wegen meines frühen Stimmbruchs nur rum, und in der Blockflötengruppe wurde ich jedes Jahr rausgeworfen und nur auf Drängen meiner Mutter wieder aufgenommen. Bis zu einem Weihnachtslied hat es trotzdem nicht gereicht.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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