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Chopin-Wettbewerb Warschau

Schlanke Russin auf schwergewichtigem Japaner

Nicht immer gewinnen die Besten: Es siegt, auf wen sich die Jury ohne große Grabenkämpfe einigen kann. So auch beim diesjährigen Chopin-Wettbewerb. Matthias Kornemann war für RONDO vor Ort.

Die alte Dame diktierte ihren Zorn vernehmlich ins vorgereckte Mikrofon einer Journalistin, ich konnte es vom Nachbarsofa der Hotellobby hören. Beschädigt sei der Chopin-Wettbewerb. Kein Experte in Polen unterstütze die Siegerin, die in Moskau geborene Yulianna Avdeeva. Niemand begreife das Urteil der Jury.
Es folgten Verschwörungstheorien, die ich hier nicht wiedergebe. Besonders in Osteuropa gehören fantastische Gerüchte zum folkloristischen Beiwerk, dem ein Wettbewerb erst den zauberhaften Rummelplatzduft verdankt. Aber steht der seit 1927 ausgetragene Chopin-Wettbewerb in Warschau nicht weit über allen korrupten Niederungen? Seltsamerweise scheint dieser mit unerhörtem Aufwand inszenierte Wettkampf vom Mythos zu leben, er sei eine Insel reinen Künstlertums im Meer der Korruption, die bei vielen kleinen Wettbewerben geradezu rührend wirkt, weil der sie verdeckende Flitter eigentlich immer so durchsichtig ist.
Polen ist im Jubeljahr in einen absurden Chopin-Rausch gefallen. Die Verleihung des Wettbewerbslorbeers – es gibt den Kranz wirklich! – ist der emotionale Fluchtpunkt dieses patriotischen Trubels. Diese Entscheidung vertraute man als Jury einem lebenden Museum der Interpretationsgeschichte an: Martha Argerich, Nelson Freire, Bella Davidovich, der notorische Philippe Entremont, aber auch heute weniger bekannte Chopinisten wie der unterschätze Gewinner von 1955, Adam Harasiewicz, oder Dang Thai Son, dessen Sieg von 1980 immer von der werbewirksamen Ausschließung Ivo Pogorelichs überschattet war. Gab es je eine Versammlung erlauchterer Ohren?
Doch die Pianogemeinde der Welt lauschte mit: Das gesamte dreiwöchige Spektakel war live im Internet zu verfolgen, man durfte sogar mitvoten wie bei »DSDS«. Die mitfiebernden Klavierfans und Studenten in aller Welt dürften betrauert haben, dass dieses Votum nicht zählte – Avdeeva hätte niemals gewonnen.
Auch als ich nach Warschau kam, schlug mir nur ein einziger Name entgegen: Ingolf Wunder, der einsame Publikumsliebling, wurde der anreisenden Presse zugeführt, als sei ihm der Preis schon verliehen. Die Interviews waren längst fertig, in denen sich ein selbstbewusster, intelligenter, fast schon etwas überheblicher junger Mann äußerte, der mit seiner bemerkenswerten Klangkontrolle und einer scheinbar kunstlosen Geradheit, die keine einstudierten Drücker oder falschen Empfindungen kannte, einem nicht unverdienten Gewinn entgegensah. Statt dessen musste der Österreicher seinen zweiten Platz auch noch mit dem braven Lukas Geniusas teilen, der so perfekt spielte wie eine Schweizer Uhr, und ebenso spontan ...
Noch immer kann man im Internet-Archiv den Wettbewerb verfolgen, und je länger man hört und vergleicht, desto unverständlicher wird das Votum der Jury. Man habe eine Kandidatin gewählt, »die allen gefällt«, sagte Juror Dang Thai Son etwas verräterisch. Dem Warschauer Publikum gefiel Avdeevas oft harter Zugriff indes gar nicht übermäßig. Ihre b-Moll- Sonate – für die sie sogar den Spezialpreis gewann – ist klanglich wenig differenziert, musikalische Akzente wirken eigentümlich andressiert; über weite Strecken dominiert allenfalls ein technisch souveränes Hochschulniveau. Im Falle der f-Moll-Ballade nicht einmal das.
Anfang November stellten sich die drei Gewinner in Ludwigshafen beim BASF-Benefizkonzert dem deutschen Publikum. Man wird dort nicht traurig gewesen sein über die kontroverse Stimmung, die knisternde Luft. Aber die Siegerin wird es nicht leicht haben; fast ist sie zu bedauern mit ihrem Preis. Aber immerhin teilt sie ihn mit einem schwergewichtigen Japaner. Im Internet begegnen einem eigentümlich häufig Titelzeilen wie »Yamaha CFX wins Warsaw competiton «. CFX, das ist das neue, von der Siegerin gewählte Spitzenmodell der Japaner. Sind es die Klavierbauer, die das entscheidende Duell austragen auf der Bühne und hinter den Kulissen? Wenn von der Siegerin 2010 schon keiner mehr spricht, werden die CFXe als die wahren Gewinner noch immer in vielen Auditorien der Welt stehen.

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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