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Auf Liszts Spuren

KUNSTstoff aus Leverkusen

Die rheinische Stadt Leverkusen ist durch zwei Unternehmen auch über die deutschen Grenzen hinaus bekannt, die beide den Namen »Bayer« tragen: ein Konzern von Weltrang und ein Fußball- Bundesligist, der auch auf europäischer Ebene schon große Erfolge feiern konnte. Weniger bekannt ist, dass die Bayer AG auch ein Theaterund Konzerthaus unterhält, das für Leverkusen die Rolle eines Stadttheaters innehat und das in letzter Zeit begonnen hat, seine Bedeutung über die Stadt hinaus auszuweiten. Wir sprachen mit Dr. Volker Mattern, dem Leiter von Bayer Kultur.

RONDO: Ungewöhnliches passiert in Leverkusen. In dieser Stadt mit rund 170tausend Einwohnern macht ein Chemiekonzern das Konzert- und Theaterprogramm.

Mattern: So ist es. Dass ein großes Unternehmen – und zwar schon seit über 100 Jahren – Träger eines so breit gefächerten kulturellen Angebots ist, ist in dieser spezifischen Konstellation einzigartig. Zunächst wollte man in einer Zeit noch geringer Mobilität für die stetig wachsende Belegschaft am Standort des Unternehmens ein Haus der Bildung, Entspannung und Erholung schaffen. Deshalb war der erste Name dieses Hauses auch »Erholungshaus «. Später hat man dann das Angebot für alle Bürger der Stadt ausgeweitet. Daher sagen wir heute lieber »Kulturhaus«.

RONDO: Vor dem Haus knattern Fahnen im Wind, die Musik, Tanz, Theater und Kunst annoncieren.

Mattern: Ja, das Programm von Bayer Kultur konzentriert sich auf die- se vier Sparten. Und seit Neuestem ergänzen wir unser Angebot auch durch Film und Literatur. Die Spielzeiten stehen unter einem Motto, das sich in all diesen Sparten inhaltlich niederschlägt und interessante Verbindungen aufzeigen soll. In dieser Saison heißt unser Thema »Mythos und Gegenwart«.

RONDO: Hm, nicht ganz leicht zu verdauen, so ein Titel. Aber Sie haben Erfolg, obwohl Sie umgeben sind von einem nicht eben kleinen Kulturangebot in den beiden großen Nachbarstädten?

Mattern: Ja, das Haus hat eine Auslastung, um die uns manch anderes Theater beneidet. Wir wollen mit unseren 800 Plätzen natürlich nicht direkt mit den Bühnen und Konzerthäusern in Köln oder Düsseldorf konkurrieren, aber wir setzen eigene Akzente, und das registrieren zunehmend auch die Kölner und Düsseldorfer Theater- und Konzertfreunde. Unsere Angebote sind sozusagen wunderbare Ergänzungsmöglichkeiten.

RONDO: Wenn zum Beispiel das Deutsche Theater Berlin mit einer Kriegenburg- Inszenierung gastiert ...

Mattern: ... oder die Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in der Regie von Veit Schubert eine atemberaubende »Troilus und Cressida«- Produktion bei uns herausbringt.

RONDO: Kommen wir zur Musik. Neben dem laufenden Programm mit den »üblichen Verdächtigen« von Hope bis Leonskaja und Sokolov haben Sie im vergangenen Jahr ein neues spannendes Projekt gestartet.

Mattern: Wir sehen eine gesellschaftliche Verpflichtung, junge Leute auf eine Weise zu fördern, die in Bezug auf ihren weiteren Berufsweg nachhaltig ist. Aus diesem Gedanken haben wir das Projekt »stART« entwickelt. Die Förderung geht jeweils über drei Jahre, mit dem Klaviervirtuosen Hardy Rittner und dem Signum Quartett, einem Streichquartett, sind wir jetzt im zweiten Jahr einer äußerst spannenden Zusammenarbeit ...

RONDO: ... und haben schon ganz ordentliche Erfolge.

Mattern: Hardy Rittner hat 2009 seinen ersten Echo als bester Nachwuchskünstler bekommen und jetzt 2010 gleich den zweiten, und zwar für eine Produktion, die wir ermöglicht haben: die Gesamteinspielung der Werke für Klavier solo von Arnold Schönberg. Gerade da zeigen sich seine besonderen Qualitäten, um Schönberg machen viele Künstler ja eher einen großen Bogen.

RONDO: Vom Signum Quartett war auch schon in der überregionalen Presse zu lesen.

Mattern: Sie haben Recht, das Ensemble hatte kürzlich ein umjubeltes Debüt im Conzertgebouw in Amsterdam und erspielte sich bei der renommierten International String Quartet Competition 2009 in London einen dritten Platz.

RONDO: Wie sieht Ihre Förderung konkret aus?

Mattern: Im Rahmen unseres stART-Projekts vergeben wir keine Stipendien, sondern wir verstehen uns als Helfer bei der Verwirklichung von künstlerischen Ideen. Wir fragen die Künstler, was wollt ihr tun, was habt ihr für Bedürfnisse, wie können wir euch helfen. Das Signum Quartett hatte die Idee, das dramatische Gedicht »Die weiße Fürstin« von Rainer Maria Rilke als spartenübergreifendes Musik- Theater-Projekt auf die Bühne zu bringen. Am 22. Januar wird die Uraufführung mit der Musik von Jörg Schnabel hier bei uns in Leverkusen sein.

RONDO: Seit diesem Jahr gehört auch das Benjamin-Schaefer-Trio aus Köln zu ihrem StART-Vermögen.

Mattern: Ja, auch der Jazz liegt uns sehr am Herzen. Wie JazzThing kürzlich schrieb, ist das tolle Trio, das ausschließlich Eigenkompositionen spielt, inzwischen sogar schon in der Jazz-Bundesliga angekommen. Die neueste CD »Beneath the surface« sollte man sich unbedingt anhören!

"L´arte del mondo" als "orchestra in residence"

RONDO: Seit einiger Zeit gibt es im Kulturhaus auch ein »orchestra in residence «, das sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben hat.

Mattern: Das Ensemble heißt »l’arte del mondo« und sein Name ist auch Programm. Künstlerischer Leiter ist Werner Ehrhardt, der in gleicher Funktion auch schon Concerto Köln in die internationale Spitzengruppe der Originalklang-Ensembles geführt hat.

RONDO: Spektakulär erscheint schon das erste Ergebnis dieser Kooperation, die Wiederentdeckung von Joseph Myslivečeks letzter Oper Medonte, die nach mehr als 200 Jahren im Dezember im Bayer Kulturhaus in einer konzertanten Aufführung aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt wird.

Mattern: Das ist der Beginn einer zunächst auf fünf Jahre angelegten »Ausgrabungsreihe«, die sich mit dem Mozart-Umfeld auseinandersetzt. Thomas Michael Allen wird die Titelrolle singen, der WDR ist mit im Boot und Sony wird das Ereignis als Weltersteinspielung auf CD dokumentieren. Darüber hinaus gibt es aber auch weitere spannende CD- und Konzertprojekte, etwa mit Xavier de Maistre oder Hardy Rittner.

RONDO: Auf der Webseite von Bayer Kultur haben wir einen Begriff gefunden, den wir bis dahin noch nie gehört hatten: die Kulturachse Leverkusen-Berlin. Da müssen wir unbedingt noch nachfragen: Was ist das?

Mattern: Man muss wissen, dass ein wichtiger Teil des Unternehmens, Bayer Schering Pharma, seinen Sitz in der Bundeshauptstadt hat und aus dieser Konstellation haben sich die Überlegungen zu einer Kulturachse Leverkusen- Berlin ergeben. Unsere fünf festen Partner, mit denen wir Projekte in Berlin und in Leverkusen realisieren, sind das Haus der Kulturen der Welt und der Martin-Gropius-Bau im Ausstellungsbereich, die roc berlin für die Musik und im Schauspiel das Renaissance-Theater und die Ernst- Busch-Hochschule.

RONDO: Dürfen wir Sie zum Abschluss, wie immer in dieser Serie, noch nach Ihrem schönsten oder aufregendsten Musikerlebnis der letzten Zeit fragen?

Mattern: Ich bitte um Verständnis, wenn ich drei nenne: Das Schlussduett »Pur ti miro, pur ti godo« aus Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« mit Ruth Ziesak, Florin Cezar Ouatu und l’arte del mondo bei unserer festlichen Spielzeiteröffnung, das Signum Quartett im Concertgebouw mit Erwin Schulhoffs Fünf Stücken für Streichquartett und Hardy Rittner mit Chopins b-Moll Sonate im Bayer Kulturhaus.


Ein Riese mit viel Feingefühl: Der Pianist Hardy Rittner

Mit Arnold Schönberg kann man eigentlich noch nicht mal einen Blumentopf gewinnen. Was für ein Irrtum! Denn Hardy Rittner ist es gerade erst gelungen, mit Schönberg einen begehrten Siegerplatz zu belegen. Bei dem diesjährigen Echo-Klassik wurde er immerhin in der Kategorie »Solistische Einspielung des Jahres « ausgezeichnet. Für seine Aufnahme des Klavierwerks vom Zwölfton-Ahnen – und zwar auf einem historischen Flügel. Dass Rittner dieses von der Papierform her nicht unbedingt verkaufsträchtige Wagnis eingegangen ist, liegt überhaupt an seiner Begeisterung für jene alten Tasteninstrumente, in denen für ihn der romantische Geist noch lebendig ist. Und so konnte er selbst bei Schönberg plötzlich »wunderschöne Melodien« entdecken, »die höchst gesanglich sind.« Solche interpretatorischen Pionierleistungen sind selten. Andererseits hat ja bislang beim 29-jährigen alles Hand und Fuß gehabt, was zwischen seine brillanten Finger geraten war. Und darin ist sich nicht nur die Fachpresse einig, die ihn mit Jubelhymnen überhäuft. Selbst ein kritischer Dirigenten- Geist wie Sylvain Cambreling gestand einmal: »Hardy Rittner ist einer der interessantesten jungen Künstler, die ich kennengelernt habe.«
Wer mittlerweile so im Rampenlicht steht, der muss natürlich über enormes Talent verfügen. Der Zwei-Meter- Riese hatte darüber hinaus das Glück, dass dieses nachhaltig gefördert wurde. Von großen Pädagogen wie Karl-Heinz Kämmerling und Pianisten-Stars wie Christian Zacharias und Krystian Zimerman. Seitdem konzertiert Rittner in fast ganz Europa und Übersee. Und 2007 flatterte sogar die Einladung vom Bundespräsidenten ins Haus, ein Recital im Schloss Bellevue zu geben. 2009 entpuppte sich für den Rüsselsheimer aber als gleich doppeltes Glücksjahr. Für seine Einspielungen früher Klavierwerke von Brahms (selbstverständlich auf einer klangvollen Antiquität) wurde Rittner mit einem Echo als bester »Nachwuchskünstler« dekoriert. Zugleich nahm ihn die Bayer Kultur in ihr »stART«-Förderprogramm auf, das mit zahlreichen Auftritten verknüpft ist. Und so gastiert Hardy Rittner im Februar 2011 in Leverkusen mit dem l’arte del mondo-Ensemble – und spielt auf einem Pianoforte das 1. Klavierkonzert von Brahms.


Günter Bereiter, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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