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Auf Liszts Spuren

Lisztomania

Nach dem Geburtsort von Franz Liszt befragt, würden wohl die wenigsten Musikliebhaber die richtige Antwort nennen können. Kein Wunder, zählt das burgenländische Raiding doch gerade einmal 850 Einwohner. Auf den 200. Geburtstag des berühmtesten Sohnes ist man allerdings bestens vorbereitet, wie Matthias Siehler herausgefunden hat.

Budapest, Wien, Paris, Berlin, London, St. Petersburg, Genf, Rom – mondäner geht es nicht. Ein Leben als Superstar des 19. Jahrhunderts, des größten in der Musik neben dem Teufelsgeiger Niccolò Paganini. Und auch wenn das Ende als Abbé und geschätzter Lehrer sich im beschaulichen, als geistige Metropole jedoch immer noch großen Weimar und im aufstrebenden Bayreuth ereignete, mag keiner glauben, dass diese hektische, grandiose, bis in unsere Zeit nachwirkende Künstlerexistenz in einer weiß gekalkten Bauernkate ihren Ursprung nahm. Doch genau hier, im »Edelhof« genannten Wohnhaus des Schäferei-Rechnungsführers an einem erst kurz vorher erworbenen Meiereihof des Fürsten Esterházy im Dörfchen Raiding wurde am 22. Oktober 1811 Ferenc Liszt geboren.
Die meisten, bisweilen auch glanzvollen Wohnorte, die Franz Liszt auf seinem unsteten Wanderleben sein eigen nannte, gibt es nicht mehr oder sind nicht zu besichtigten. In Budapest ist ein Appartement museal umgewidmet, der Ruhesitz in Weimar und das Sterbehaus in Bayreuth sind Museen, doch in Raiding hat man in den letzten Jahren die meisten, diametral zur Größe des Ortes stehenden Liszt-Anstrengungen unternommen, den Künstler als jungen Mann plastisch werden zu lassen.
Raiding lag im damals ungarischen Kronland des Kaisertums Österreich. Es sind 100 Kilometer nach Wien, doch wichtiger waren für die Bediensteten des Fürsten dessen heute noch zu besichtigende Schlösser. Die Hauptverwaltung der Güter lag im 30 Kilometer entfernten Eisenstadt, im Sommer zog der Hof des Fürsten Nikolaus II. Esterházy in das von seinem Pracht liebenden Großvater zum ungarischen Versailles erweiterte Lustschloss Esterháza (heute Fertöd) am Neusiedlersee. In der mittelalterlich wehrhaften Burg Forchtenstein sind das fürstliche Archiv, das Zeughaus und die Schatzkammer untergebracht. Und am nächsten zu Raiding liegt das (heute private) Renaissanceschloss Deutschkreuz, das zu einem wichtigen landwirtschaftlichen Gut ausgebaut worden war.
Seit 1921 gehört das verschlafen beschauliche Raiding mit seinen 850 Seelen zu Österreich. Früher lag man in der Mitte einer Weltmacht. Als der Eiserne Vorhang gefallen war, lag man im Winkel des Mittelburgenlandes. Das ist besser geworden, seit die Grenzen nach Ungarn wieder offen sind. Aber immer noch laufen hier die Gänse über die Straße und ist in der Bäckerei noch keiner auf die fremdenverkehrsfördernde Idee eines Liszt-Talers oder einer Esterházy- Torte gekommen. Mitten im Dorf hat man eine alte Weinpresse aufgestellt, und erst seit 1967 ziert den Franz-Liszt-Platz auch eine Liszt-Büste.

Liszt war einfach »born to be a superstar«.

Durchreisende gibt es hier kaum, man kommt wegen Liszt im Besonderen. Vor allem, um das schmuck, modern und nach dem neuesten Stand der audiovisuellen Technik sanierte Geburtshaus gleich hinter der in den Zwanzigerjahren erneuerten Antoniuskirche mit der barocken Nepomukstatue zu sehen. Oder Konzerte im daneben errichteten Saal zu hören. Der übrigens wegen seiner guten Akustik und der Nähe zu Wien immer mehr auch als Aufnahmeort für CD-Produktionen gesucht wird. Aus dem zum Gemeindebezirk gehörenden Oberpullendorf stammt auch die eben zum Star aufsteigende Mezzosopranistin Elisabeth Kulman.
Franz Liszt war der einzige Sohn von Adam List (1776–1827) und seiner Frau Maria Anna, geborene Lager (1788–1866), Bäckerstochter aus Krems an der Donau. Adam List spielte schon als Jugendlicher Cello im Sommerorchester des Fürsten Esterházy und trat nach einem abgebrochenen Theologie- und Philosophiestudium in dessen Verwaltungsdienste ein. Nebenbei spielte er weiterhin im Orchester, das bis 1804 von Haydn und danach bis 1811 von Hummel geleitet wurde. 1808 wurde Adam List nach Raiding versetzt, wenig später lernte er Anna Lager kennen, die im Januar 1811 seine zweite Frau wurde. Bei den Lists sprach man zunächst Deutsch, dann Französisch, das die bevorzugte Sprache Liszts wurde. Später sah er Frankreich sogar als sein ’Vaterland’ an. Erst in den 1870er Jahren lernte er Ungarisch und kam auch noch einmal in seinen Geburtsort zurück.
In dem schindelgedeckten Haus, früher das größte im Dorf, konzentriert sich die vorzügliche, 2006 neu konzipierte Dauerausstellung auf den jungen Liszt. Zu erleben sind einige Originale aus seinem Besitz, Fotos, Notenmaterial, eine Dia-Schau, Hörtexte, Musikbeispiele und sein historischer Érard-Flügel. Wo früher sechs Räume waren, ist heute ein großer Raum zu besichtigen.
2006 startete mit dem Liszt Festival Raiding unter den Intendanten Johannes & Eduard Kutrowatz ein ambitioniertes Projekt: die Eröffnung des neuen Konzerthauses als Zentrum der internationalen Liszt-Pflege und als Ausgangspunkt eines Festivals, das Franz Liszt und dem Virtuosentum gewidmet ist. Der neue Konzertsaal fasst knapp 600 Sitzplätze. Die nüchtern moderne, aber mit viel Holz wärmende Architektur stammt vom niederländischen Atelier Kempe Thill.
In Weimar hat Liszts Ur-Urenkelin Nike Wagner schon seit einigen Jahren das in Pèlerinages umbenannte Kunstfest auf Franz Liszt zentriert, was 2011 noch einmal ausgeweitet wird. Auch in Bayreuth wird es ein Liszt- Jahr geben. Und im Burgenland wird 2011 – mit dem Zentrum Raiding – die »Lisztomania« (www.lisztomania.at) ausgerufen. An sechs Orten gibt es eine Ausstellung, viele Konzerte sind geplant, in Raiding mit Schwerpunkten im Januar, März, Juni und Oktober. Damit am Ende jedem klar sein wird, Liszt war einfach »born to be a superstar«.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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