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Joan Sutherland

Keine fiel wie sie

Ihren großen Durchbruch hatte sie erst mit Anfang 30, dann aber war sie drei Jahrzehnte lang eine der dominierenden Figuren der internationalen Opern- szene: Mit La Stupenda verlor die Musikwelt eine der letzten großen Primadonnen.

Joan Sutherland lachte hell und mühelos, wo immer eine Kamera auf sie gerichtet war. So als könne sie die Ernsthaftigkeit ihres Berufes nicht recht fassen. Und sie strafte damit diejenigen Lügen, die sie für eine unnahbare Stratosphären- Diva hielten, für hochseilhaft überkandidelt und perfektionistisch kalt. Sie war mehr.
Joan Sutherland, geboren am 7. November 1926 in der Nähe von Sydney, war die letzte überirdische Primadonna einer opernverliebten Märchenzeit. Sie war es, die den Belcanto weltweit für die Spielpläne urbar machte, auf dass ihre Nachfolgerinnen (etwa Edita Gruberová, aber auch Montserrat Caballé) die Ernte einfahren konnten.
Sutherlands Sopran, eine gewaltige Live-Röhre, stand durch agile Kühle, Schlankheit und tragischen Aplomb in reizvollem Gegensatz zu den gebutterten Spitzentönen des von ihr geförderten Luciano Pavarotti. Mit ihm gemeinsam konnte sie ungezählte Schallplatten-Gesamtaufnahmen realisieren. Beide Stimmen hatten eine Qualität, die seither rar geworden ist: Weichheit ohne einen einzigen, schrillen Ton.
Joan Sutherland, kein Zweifel, sang hemmungslos über ihr Fach hinaus. Es gibt stapelweise Barock-Aufnahmen (sie war die erste Alcina seit Händels Zeiten), Operetten-Liedchen, Wagner-Ausschnitte und sogar Musical-Songs. So bizarr diese Grenzgänge mitunter scheinen, sie reichten aus, um ihren Kosenamen »La Stupenda « auf Schritt und Tritt zu befestigen.
In Deutschland musste man nach Hamburg oder München reisen, um dies Wundertier zu erleben. Ansonsten war vor allem der Londoner Covent Garden die Arena ihrer Triumphe. Hier sah man über die darstellerischen Defizite der großen, statuarischen Figur gern hinweg. Doch Joan Sutherland wusste auch diesen kleinen Schönheitsfehler witzig zu kompensieren. »Wenn sie eines vermochte«, so erinnern sich damalige Besucher, »dann war es Fallen«. Es hat wenige Sopranistinnen gegeben, die so elegant hinsinken und in sich zusammensacken konnten.
Erst 1990 zog sie sich von der Bühne zurück – durch und durch verwachsen mit ihrem Beruf auch wegen ihres Ehemannes, des Dirigenten Richard Bonynge. In Montreux pflegte sie ihren Garten. Abends liebte sie es zu sticken. Als sie vor zwei Jahren beim Blumenpflücken stürzte, brach sie sich beide Beine. Eine anschließende Lungenentzündung ließ Schlimmstes befürchten. Doch das drahtige Mädchen überlebte.
Von ihr bleiben werden großartige Recitals des Belcanto, aber auch des französischen Repertoires. Gesamtaufnahmen wie Donizettis »Regimentstochter« mit Pavarotti oder Rossinis »Semiramis « mit Marilyn Horne sind epochale Dokumente einer so konkurrenzlos originellen Gesangskunst, dass selbst Ausflüge zu »Rigoletto« (mit Sherrill Milnes) oder zu »Turandot « lehrreich und vergnüglich hörenswert bleiben.
Bekanntlich hat Maria Callas beim Anhören einer Sutherland-Aufnahme geurteilt: »Zu gut.” Sutherland hingegen, wenn ihr als Jurorin in Wettbewerben jemand nicht gefiel, sagte: »Wie die Callas.« Das war mehr als bloß Zickenkrieg. Sutherland wusste, dass die ganz großen Künstler ihre eigenen Maßstäbe mitbringen. Joan Sutherland starb am 10. Oktober 2010 in ihrem Schweizer Zuhause.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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