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Nikolai Tokarev

Auf der Suche nach dem Unbekannten

Wenn schon ein Studiotermin in der alten Heimat ansteht, dann muss es nicht nur russisches Repertoire sein. In Moskau nahm Nikolai Tokarev die zwei Schlachtrösser der russischen Klavierliteratur zusammen auf: Tschaikowskis Erstes und Rachmaninows Drittes. Guido Fischer erwischte den 27-Jährigen zwischen zwei Konzertterminen zu einem Gespräch in dessen Wahlheimat Düsseldorf.

RONDO: Herr Tokarev, Sie sind gerade aus Moskau zurückgekommen. Wie war die Rückkehr in Ihre Geburtsstadt?

Nikolai Tokarev: Ich fahre ja oft zurück, um meine Familie zu besuchen. Aber diesmal war es doch etwas ganz Außergewöhnliches. Denn tatsächlich habe ich dort nach sechs Jahren erstmals wieder ein Konzert gegeben. Zur Saisoneröffnung habe ich in der Tschaikowski-Konzerthalle gespielt - mit dem Svetlanov-Staatssymphonieorchester unter der Leitung von Maestro Mark Gorenstein. Und das Konzert wurde sogar live im Radio und im Internet übertragen.

RONDO: Lassen Sie mich raten: Auf dem Programm stand garantiert einer der beiden russischen Konzertevergreens von Ihrer neuen CD …

Tokarev: Eben nicht! Wir haben vielmehr das zweite Tschaikowski-Konzert gespielt. Als ich eingeladen wurde, habe ich natürlich auch zunächst gefragt: Warum spielen wir nicht das erste Konzert? Aber man sagte mir, dass das Zweite immer bekannter wird. Es war bisher ja wie ein eisernes Gesetz, dass jeder russische Pianist die Nr. 1 zu spielen hat. Mittlerweile ändert sich das aber.

RONDO: Wie haben Sie denn nach so langer Abstinenz vom russischen Konzertleben das Publikum erlebt? Gibt es Unterschiede etwa zu dem deutschen?

Tokarev: Das deutsche Publikum reagiert viel direkter. Wenn ihm etwas gefällt, kann man ihm das auch sofort ansehen. Das russische Publikum ist da eher etwas zurückhaltend. Wie etwa das Publikum in Japan. Und selbst beim Schlussapplaus zögert man noch ein wenig – bevor man schließlich explodiert.

RONDO: Obwohl Sie bereits mit 14 Jahren international, in Europa und Japan aufgetreten sind, haben Sie doch zunächst ordentlich am renommierten Gnessin-Institut Ihren Abschluss gemacht. Dementsprechend sind Sie wohl durch und durch ein Kind der großen, russischen Klavierschule.

Tokarev: Ohne die russische Klavierschule kann ich mir den Pianisten Tokarev nicht vorstellen. Denn sie fordert das optimale Gleichgewicht zwischen dem Intellekt und dem Gefühl. Wobei man bei der Anschlagskultur stets auf einen abgerundeten, singenden und romantischen Klang achten sollte.

RONDO: Hatte der junge Tokarev ein Vorbild?

Tokarev: Emil Gilels war für mich stets der Größte. Aktuell ist es vielleicht Grigory Sokolov.

RONDO: Wo wir schon beim Name-Dropping sind: Wer wie Sie jetzt gleich auf einen Schlag die zwei meisteingespielten russischen Klavierkonzerte einspielt, der tritt natürlich ein diskografisch überaus hochkarätiges Erbe an.

Tokarev: Man sollte versuchen, alle bisherigen Interpretationen zu vergessen. Egal, ob es sich um die von Horowitz, Richter und Gilels oder die von Rachmaninow, Argerich und Hoffmann handelt. Man muss sich vorstellen, dass man der erste Interpret dieser Musik ist. Als ich das Tschaikowski-Konzert im Alter von 15 Jahren gelernt habe, hatte ich natürlich viele Pianisten mit diesem Konzert gehört: von Van Cliburn bis Mikhail Pletnev. Ähnlich hatte ich mich auch 2004 dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow angenähert, als ich mir die Aufnahmen von Horowitz, Rachmaninow und Pletnev angehört habe. Und speziell der Einfluss von Horowitz war riesig. Allein die Dinge, die er im dritten Satz mit der linken Hand anstellt, haben mich unglaublich fasziniert. Oder wie er die Bassstimme führt. Heute kann ich aber nicht mehr sagen, welchen Einfluss all diese Pianisten noch auf mich ausüben.

"Jeder Klang, jede Farbnuance muss in deinen Körper übergehen"

RONDO: Wie gehen Sie überhaupt an neues Repertoire heran?

Tokarev: Zunächst schaue ich mir die Noten an, arbeite an dem Stück. Und wenn ich ein Konzept habe, höre ich mir auch schon mal andere Pianisten an. Jeder Klang, jede Farbnuance muss in deinen Körper übergehen. Andererseits bin ich kein Pianist, der auf eine Interpretation aus ist, die auf ewig gültig sein soll. Ich bin eher ein Pianist der Entwicklung. Jede Aufnahme dokumentiert einen Moment, von dem ich sagen konnte: Ich bin zufrieden. Immer wenn ich ein Konzert spiele, spiele ich es anders. Und speziell bei Tschaikowski können sich immer wieder Details verändern. Ich würde mich ansonsten ja auch langweilen, wenn ich jederzeit das Gleiche abrufen würde. Ich bin auf der Suche nach dem Unbekanntem.

RONDO: Beide Konzerte galten schon von Beginn an als technische Ungeheuer. Tschaikowskis Freund Nikolai Rubinstein fand den ersten Satz des b-Moll-Konzerts ’unspielbar’. Und Rachmaninow gab seinem Werk den Spitznamen »Konzert für Elefanten«. Was sind die markanten Unterschiede zwischen den Konzerten?

Tokarev: Abgesehen davon, dass das Rachmaninow-Konzert doch »pianistischer« ist, sind es eher Kleinigkeiten wie der eigene Puls und Phrasierungen. Rachmaninoff liebte Zeit seines Lebens die Musik Tschaikowskys. Wenn man etwa die frühen Klavierstücke Rachmaninows mit Tschaikowski vergleicht, gibt es da viele Gemeinsamkeiten. Und gerade in beiden Konzerten steckt ein unglaublich nostalgischer Ton, der das schicksalhafte Leben der Komponisten widerspiegelt. Tschaikowski war ja eine Art verwundeter Charakter. Während Rachmaninow Russland verlassen musste.

RONDO: Sie leben mittlerweile in Düsseldorf, wo Sie auch an der Robert-Schumann-Hochschule studiert haben. Für die Aufnahmen sind Sie nach Moskau zurückgekehrt, um mit Dirigent Vladimir Spivakov einen alten Bekannten wiederzutreffen …

Tokarev: Spivakov hatte mich damals in seine Stiftung für besonders begabte Kinder geholt. Ich war da elf oder zwölf Jahre alt. Nach meinen ersten Auslandstourneen verloren wir uns zunächst etwas aus den Augen. Vor drei Jahren haben wir uns dann wiedergesehen – anlässlich gemeinsamer Konzerte in Deutschland und Spanien. Maestro Spivakov ist nicht nur eine große charismatische Persönlichkeit, bei den viertägigen Aufnahmesitzungen stand er mir auch mit Rat und Tat zur Seite. Besonders habe ich von ihm gelernt, wie man mit dem Orchester kommuniziert. Viele Dirigenten sind manchmal etwas nervös, wenn sie vor ein Orchester treten – dieser Typ aber weiß hingegen immer ganz genau, was zu tun ist.

Neu erschienen:

Sergej Rachmaninow, Peter Tschaikowski

Klavierkonzert Nr. 3 op. 30, Klavierkonzert Nr. 1 op. 23

Nikolai Tokarev, National PO of Russia, Vladimir Spivakov

Sony

Fakten & Kuriosa um die beiden russischen Klavierkonzerte par excellence: Kennen Sie den 430.000-Dollar-Elefanten?

Marathon-Mann Emil Gilels: Kein zweiter Pianist hat das 1. Klavierkonzert von Tschaikowski so oft aufgenommen – mit Dirigenten wie Kondraschin, Cluytens, Mrawinskij, Swetlanow, Ančerl, Reiner, Maazel und Mehta.

Sergej Rachmaninow vs. Vladimir Horowitz: Der Komponist und der Pianist trafen sich einmal zufällig im Showroom des Steinway-Hauses in New York. Gemeinsam spielte man vierhändig das d-Moll-Konzert – worauf Rachmaninow hinterher ausrief: »Horowitz verschlang es in einem Stück … Er besaß Mut, Ausdauer und Kühnheit.« Als Rachmaninow dann auch noch Horowitz´ Interpretation seines 3. Klavierkonzertes spielen hörte, weigerte er sich, es jemals wieder selbst aufzuführen.

Tschaikowski im Leinensack: Die britische Komikertruppe Monty Pythons’s Flying Circus stemmte 1980 die berühmten Eröffnungsakkorde des b-Moll-Konzerts mal anders. In einen Ganzkörper-Leinensack eingeschnürt, kullerte der Pianist (angeblich Sviatoslav Richter!) auf die Bühne, um sich unter den Augen einer Glamour-Fee aus den Fesseln zu befreien.

Der »teuerste« Rachmaninow: 1978 feierte Vladimir Horowitz sein 50. Bühnenjubiläum mit den New Yorker Philharmonikern unter Eugene Ormandy – mit Rachmaninows 3. Klavierkonzert. Statt einem festen Honorar soll Horowitz aber 10.000 Dollar pro Aufführungsminute ausgehandelt haben. Das live mitgeschnittene »Elefanten-Konzert« dauerte 43 Minuten …

Der »schnellste« Tschaikowski: 32 Minuten Spielzeit benötigte Martha Argerich bei ihrer Einspielung von 1980. Ihre Kollegen kommen im Durchschnitt auf 38 Minuten.

Konditionsreiche Pioniertat: Bei seinem Siegeszug beim Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb 1958 machte Van Cliburn selbst den Juror Sviatoslav Richter sprachlos. Im Finalkonzert hatte der 23-jährige Texaner die Konzerte von Tschaikowski und Rachmaninow in einem Atemzug gespielt. 52 Jahre später nun hat sich mit Nikolai Tokarev erstmals wieder ein Pianist dieser Mammutaufgabe gestellt.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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