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Alfredo fiel, Violetta wurde auf Händen getragen: Piotr Beczała und Diana Damrau (c) Teatro alla Scala

Pasticcio

Beleidigte Leberwurst?

Wer sich in die Mailänder Höhle der Opernmaniacs wagt, muss sich von jeher auf was gefasst machen. Die einen werden in der Scala auf Händen getragen und versinken in einem Rosenmeer. Andere wiederum müssen sich schon fast am Kollegen festklammern, um nicht umgebuht zu werden. All das durften bzw. mussten zwei Könner ihres Fachs jetzt am eigenen Leib miterleben, bei der gerade über die Bühne gegangenen Premiere von Verdis „La Traviata“. Als Violetta eroberte da die deutsche Sopranistin Diana Damrau das Herz der Mailänder im Sturm (da macht es selbst nichts, dass sie bei der Eingangsszene des 2. Akts etwas verspätet auf die Bühne kam). Der polnische Startenor Piotr Beczala hingegen bekam als „Alfredo“ die volle Breitseite einer fanatischen Minderheit im Publikum zu spüren.
Beim Schlussapplaus erntete er Pfiffe und Buhs – obwohl er eigentlich seine Sache mehr als passabel gemacht und nur auf ein hohes C verzichtet hatte. Beczala war von den Reaktionen jedenfalls wie vom Donner gerührt. Und so teilte er direkt am nächsten Tag über facebook mit, dass er zwar seinen Vertrag noch erfüllen und die Nachfolgeaufführungen singen werde. Doch weiter schrieb er: „Das war meine letzte Produktion an der Scala. Wenngleich ich mit dem Regiekonzept nicht unbedingt einverstanden gewesen bin, habe ich mein Bestes gegeben. Das Ergebnis meiner Bemühungen waren meine ersten Buhs überhaupt. Das zweite Ergebnis ist daher, dass ich ab sofort nur nach Italien komme werde, um hier Urlaub zu machen.“
Dass es tatsächlich ein Sängerleben außerhalb der Mailänder Scala geben kann, haben ja zwei Goldkehlchen schon vorgemacht. Denn sowohl Tenor Roberto Alagna wie auch Mezzosopranistin Cecilia Bartoli haben nach ihren demütigenden Erfahrungen mit den Schreihälsen in den obersten Rängen sich ebenfalls geschworen, hier nie wieder aufzutreten.

Guido Fischer



Kommentare

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Ich habe die Aufführung gesehen. Die Regie war eigenwillig, aber wer die Gedanken Verdis zu "La Traviata" kennt, weiß, dass dieses Regie-Konzept genial war. Das das Mailänder Publikum Piotr Beczala ausgebuht hat kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe selten einen so guten "Alfredo" singen gehört. Er erinnert mich an Fritz Wunderlich, der diese Rolle auch wunderbar gesungen hat.


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