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Doktor Stradivari

Folge 6: Brankos „Ave Maria“

Kommissar Reuter gab Gas. Der schwere Wagen raste durch die Nacht. Doktor Stradivari atmete tief durch. „Wollen Sie uns umbringen?“, fragte er.
„Es kommt auf jede Sekunde an. Vor einer knappen Stunde hat es einen Einbruch in einer Geigenbauwerkstatt gegeben. Der Dieb wurde überrascht und konnte ohne Beute fliehen. Die Art, wie er vorgegangen ist, trägt die Handschrift von Fred Branko. Wenn er kein Alibi hat, kriegen wir ihn endlich.“
Branko lebte in einem Seitengebäude eines ehemaligen Fabrikgeländes. Aus dem Inneren drang der Klang einer Violine, begleitet vom Klavier. Der Geiger war Anfänger, das war deutlich zu hören. „Das kenne ich“, sagte Reuter. „Das ist das ‚Ave Maria‘ von Charles Gounod. Wir hatten es im Musikunterricht. Gounod hat die Melodie über das erste Präludium aus dem ‚Wohltemperierten Klavier‘ von Johann Sebastian Bach gelegt. Zwei Stücke in einem in perfekter Harmonie – herrlich. Aber jetzt müssen wir stören.“
Sie klingelten, als das Stück knapp zwanzig Takte gelaufen war. Die Geige brach ab, aber das Klavier spielte weiter. Branko, ein hagerer Glatzkopf, öffnete – Violine und Bogen in der Hand. Reuter konfrontierte ihn mit seinem Verdacht.
„Ich kann den Einbruch nicht verübt haben“, sagte Branko ruhig. „Ich bin seit Stunden dabei, das berühmte ‚Ave Maria‘ zu üben. Meine Schwester möchte, dass ich es übermorgen auf ihrer Hochzeit vortrage. Dafür frische ich extra mein Geigenspiel auf. Kommen Sie herein, ich habe nichts zu verbergen.“
„Wer spielt denn da Klavier?“, fragte Reuter. Branko führte sie in ein kleines Wohnzimmer, wo ein Notenständer mit der Solostimme des „Ave Maria“ stand. Das Klavierspiel kam aus Lautsprecherboxen. Branko stellte die Musik aus.
„Ich nehme eine Aufnahme des ‚Wohltemperierten Klaviers‘ als Begleitung zum Üben“, erklärte er. Auf dem Tisch lag eine CDBox. Sie enthielt das berühmte Klavierwerk in der Aufnahme von Angela Hewitt. „Ich versuche es immer wieder und wieder. Ich habe lange nicht mehr gespielt. Aber Angela Hewitt begleitet großartig.“ Er lächelte.
„Das Alibi beruht nur auf Ihrer Aussage“, sagte Reuter. „Nachbarn, die Sie gehört haben könnten, gibt hier nicht.“ Branko blieb gelassen. „Trotzdem haben Sie keinen Beweis.“ „Oh doch“, schaltete sich nun Doktor Stradivari ein. „Wir brauchen das Alibi nicht zu überprüfen. Herr Branko lügt uns an. Das ist offensichtlich.“ Wieso ist sich Doktor Stradivari so sicher?


Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Johannisplatz 3a, 81667 München – Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit dem Label Hyperion fünf Exemplare der neuen CD von Marc- André Hamelin mit Klavierkonzerten von Charles Gounod. Einsendeschluss ist der 15. Dezember.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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