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(c) Royal Opera House/Richard Cooper

Fanfare

Nein, am Abend des 200. Geburtstages von Giuseppe Verdi hat die von ihm „grande boutique“ genannte Pariser Opéra nicht gestreikt. Im Gegenteil, das Orchester unter Philippe Jordan hat fein gespielt. Schließlich war diese „Aida“ in der Opéra Bastille die erste neue seit 74 (!) Jahren. Delikat lässt Jordan Streicherwellen säuseln, das Holz singt in stimmungsvollen Melismen, Blech und Percussion dürfen sich austoben, das aber schlank und diszipliniert.
Auftritt des Inszenators, Auftritt Olivier Py, gegenwärtig der am meisten gehypte französische, etwas überbeschäftigte Regisseur. Deshalb vielleicht kommen uns viele Versatzstücke und Tricks bekannt vor. Sein ständiger Szenograf Pierre-André Weitz lässt goldene Neoklassizismus-Fassaden glänzen. Diese heimatlose „Aida“ ohne Ägypten beginnt im Italien ihrer Entstehungszeit. Oberpriester Ramphis segnet im katholischen Bischofsornat einen goldenen Panzer, Putzfrauen wienern einen Arc de Triomphe, in dessen Katakomben die Berge nackter Leichen wachsen.
Das ist sehr „grande boutique“-Stil, aber ergibt wenig Sinngehalt. Py führt Assoziationstrümmer vor, wofür er wüst ausgepfiffen wurde, an der Rampe retten sich die Sänger in stereotype Riesengesten. Oksana Dykas Aida ist oft zu hoch und zu schrill, Marcelo Alvarez scheint als routinemüder Radamès geistig gar nicht da, Luciana D’Intinos Mezzo klingt ältlich und flau in der Mittelage. Bei Roberto Scandiuzzis Ramphis kommt nur heiße Weihrauchluft, Sergey Murzaevs Amonasro hört sich ebenfalls angeschlagen an. Vielleicht gab es auch deshalb so lange keine „Aida“ mehr in Paris, weil einfach die Sänger mit pharaonisch großen Stimmen und entsprechenden Egos fehlen?
Noch niemals gespielt wurde an der Covent Garden Opera in London Verdis klangsatte, aber auch problematische Grand Opéra „Les vêpres siciliennes“ von 1855. Man hat sie dem auch in den englischsprachigen Ländern wegen seiner verspielten Opulenz begehrten Stefan Herheim anvertraut. Der ist nicht sonderlich originell, inszeniert Theater auf dem Theater, Zuschauerraum und Bühne der alten Paris Oper, in dem sich die Zeitgenossen spiegeln, aber auch wir uns selbst, die Italiener und die Franzosen, die sich hier feindlich gegenüberstehen.
Doch gerade bei dieser Gattung mit ihren Schauwerten macht das Sinn, ereignet es sich in einer rauschhaften, dabei zielgenau geradlinigen Inszenierung im Geist der Oper als gigantischer Illusionsmaschine des 19. Jahrhunderts. Was freilich ohne die bunte, dunkel glühende und brillant strahlende Dirigierleistung Antonio Pappanos nicht möglich gewesen wäre.
Der Procida, hier ein dandyhafter Tanzmeister, wird bei Erwin Schrott als ambivalente Figur plastisch. Michael Volles einsamer Montford ist ein selten gebrochener Charakter, vokal sehr präsent. Der höhensatte Tenor von Bryan Hymel (Henri) mischt sich apart mit dem dunkel aufblühenden Sopran Lianna Haroutounians als Hélène.
Zwei Erstaufführungen auch in Hamburg beim interessantesten, spannendsten und mutigsten Projekt, das die über achtzig deutschen Opernhäuser anlässlich des 200. Geburtstages des Musiktheater-Titanen Verdi anzubieten haben. Weltweit einzigartig ist es sowieso.
Da gibt man unter dem martialischen Titel „Verdi im Visier“ in drei Wochen drei Frühwerke. Alle mit Simone Young balanciert am Pult und in der Regie David Aldens: Young „La battaglia di Legnano“ zum Auftakt souverän zwischen blechsatt knatternden Banda-Hymnen und zärtlich keuschen Holzbläserkantilenen. Als Einheitsset gibt es ein im zweiten Weltkrieg angesengtes Theater. Graue Volksmassen tasten sich in ihre Rollen, der Herrenchor singt als patriotische Liedertafel aus den Noten. Man soll nicht zu romantisch glühen, Alden liebt es diesmal minimalistisch und mit wenigen Andeutungen zwischen Entstehungszeit und Vierzigerjahren.
Yonghoon Lee ist der mit seinen Reserven verschwenderisch umgehende Tenor Arrigo. Giorgio Caroduro gibt mit durchschlagskräftigem Bariton den Freund und Ehemann Rolando. Alexia Voulgaridous mauerblümchenfade Lida kämpft mit Verzierungen und kurzen Noten, singt aber anrührende Legatokurven.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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