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(c) Giorgia Bertazzi

Antje Weithaas

Mit Adrenalin auf zwei Wiener Gipfel

Die deutsche Violinistin hat nach viel Kammermusik nun ihre erste Orchester-CD aufgenommen – und dafür die Violinkonzerte von Beethoven und Berg gekoppelt.

Wer sich einen Überblick über das Repertoire von Antje Weithaas schafft, der kommt rasch zu dem Schluss, dass es sich bei ihr um eine vorbildliche Allrounderin handelt. Die klassische Konzertliteratur hat sie genauso im Blut wie Zeitgenössisches von György Ligeti, Wolfgang Rihm und Jörg Widmann. Und auch in der Kammermusik besitzt die begeisterte Teamplayerin einen riesigen Erfahrungsschatz. Immerhin bildet sie unter anderem seit 2002 mit Tabea Zimmermann, Daniel Sepec und Jean-Guihen Queyras das Arcanto Quartett, eine der spannendsten Streichquartett-Formationen derzeit. Regelmäßig trifft sie sich mit musikalisch engsten Vertrauten wie Lars Vogt, Silke Avenhaus und Christian Tetzlaff, um sich mit dem kammermusikalischen Spektrum vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert zu beschäftigen. Und auf welch hohem Niveau die selbsternannte „Instinktmusikerin“ dabei zu Werke geht, ist auf vielen CDs dokumentiert.
Umso verblüffter ist man daher zu erfahren, dass die 1966 in der Nähe von Cottbus geborene Violinistin jetzt tatsächlich ihr Aufnahme- Debüt als Konzertsolistin im Studio gab. „Es ist meine erste Orchester-CD, die nicht ohne Absicht so spät kommt“, so Antje Weithaas. „Die beiden Konzerte von Beethoven und Berg sind geradezu prädestiniert, um meine Art des Musikmachens zu verdeutlichen. Mir ist immer der Dialog wichtig – ob mit einem Orchester, einem Dirigenten oder mit meinen Kammermusikpartnern. Und das Dialogische ist auch das Entscheidende bei diesen beiden sinfonisch gestalteten Werken, bei denen die Violinstimme eine obligate Rolle einnimmt.“
In den letzten Jahren haben schon manche ihrer Kolleginnen wie Arabella Steinbacher und zuletzt 2012 Isabelle Faust die Violinkonzerte von Ludwig van Beethoven und Alban Berg auf einer CD eingespielt. Was dramaturgisch auf dem Papier zunächst etwas gewagt wirkte, entpuppte sich – wie nun auch bei Weithaas – schnell als gelungene Koppelung. Nicht nur weil es die jeweils einzigen Violinkonzerte des Wahl-Wieners Beethoven und des gebürtigen Wieners Berg sind. Neben dem gestalterisch inneren Zusammenhang sieht Weithaas vor allem im Ausdruck Parallelen. „Beethoven schafft es, aus der klassischen Form eine romantische Emotion zu erzeugen, ohne dabei die Stilistik der klassischen Form zu verlieren. Bei Berg ist es fast ebenso. Er kommt zwar aus der Neuen Wiener Schule. Doch er schafft es mit seiner strukturengen Kompositionsweise, für den Hörer eine gleichermaßen emotional romantische Welt zu öffnen.“
Gerade das Beethoven-Konzert kennt Antje Weithaas schon eine halbe Ewigkeit. Schließlich konnte sie es noch zu DDR-Zeiten, während ihres Studiums an der Hanns Eisler Hochschule für Musik, rund zwanzig Mal mit kleineren Orchestern spielen. Und speziell diese Bühnenerfahrungen waren für sie enorm wertvoll. Heute ist Weithaas selber Professorin an ihrer alten Hochschule. Und auch da kehrt die Star-Geigerin ohne Starallüren nicht etwa die Autoritätsperson heraus, sondern setzt auf den Dialog mit den Studenten.
Nun also hat Weithaas, die seit 2009 auch künstlerische Leiterin der Camerata Bern ist, die für sie absoluten Gipfelwerke der Konzertliteratur des 19. bzw. 20. Jahrhunderts eingespielt. Aufnahmeort war das norwegische Stavanger, wo sie 2012 mit dem Stavanger Symfonieorkester unter der Leitung des Bochumer GMDs Steven Sloane die beiden Konzerte zunächst live aufgeführt hatte. „Im Konzert haben wir die Stücke mit viel Adrenalin gespielt und danach in den nächsten Tagen auch für die CD produziert“, so Weithaas. „Und damit wurde eine Lebendigkeit gewonnen, die der CD sehr gut tut, wie ich finde.“

Ludwig van Beethoven, Alban Berg

Violinkonzerte

Antje Weithaas, Stavanger Symphony Orchestra, Steven Sloane

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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