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Jazz-DVDs

Zwei DVDs des Gitarristen Pat Metheny passen besonders gut zu diesem Frühling. Sehnsucht nach Licht und trunkene Schönheit atmet seine Musik. Bei The Orchestrion Project lässt er sich mit einem gewaltigen, rein mechanischen Orchester auf ein fast irrwitziges Abenteuer ein. Doch mitunter droht sich die musikalische Substanz in der Demonstration der raffinierten Automaten zu verlieren. Methenys lebendigen Band-Kosmos dagegen offeriert We Live Here, Live In Japan, eingespielt 1995 von seinem Septett mit den Multiinstrumentalisten und Sängern David Blamire und Mark Ledford (beide DVDs eagle vision/edel).

Sommernächte suggeriert der Flamenco der Paco de Lucía & Group. Im Jahr 1996 war der Gitarrist mit einem Oktett bei den Germeringer Jazztagen zu Gast. Ein Flötist und ein brasilianischer Perkussionist verliehen der Musik einen Hauch von Jazz und Samba. Tonaufnahme und Bildführung sind ebenso vorbildlich wie die Erläuterungen von RONDO-Mitarbeiter Marcus A. Woelfle im Booklet (Arthaus Musik).

Komplementär ist die CD/DVD-Kopplung von Miles Davis, Live In Europe 1969, The Bootleg Series II. Sie vereinigt die von der französischen ORTF im Juli in Antibes und die vom schwedischen Rundfunk in Stockholm im November gemachten Aufnahmen auf CD; der Auftritt bei den Berliner Jazztagen ist auf der DVD festgehalten. Das Material ist von jazzgeschichtlicher Bedeutung, gibt es doch von dieser Band des Übergangs zur elektrischen Rockorientierung kein Studiomaterial. Zwischen Juli- und Herbsttour lag die Einspielung des bahnbrechenden Bitches Brew-Albums. Wayne Shorter ist noch im Quintett, Chick Corea spielt Fender Rhodes – in Stockholm wegen technischer Probleme schließlich den Flügel, Dave Holland ist am Kontrabass und Jack DeJohnette bedient das Schlagzeug. Musiziert wird mit feuriger Wucht und das meist – statt mit durchgehendem Metrum – mit energetischem Puls. Bei der DVD sind Bild, Sound und Musik auf gleicher Höhe (Sony Music/Legacy).

Sommerzeit ist Zeit der Festivals. Eines der renommiertesten ist das von San Sebastian. Der Bassist Ron Carter wurde dort 2010 geehrt und bedankte sich elegant mit einem relaxt swingenden Auftritt seines Trios im klassischen Klavier-Gitarren-Bass-Format. Jetzt gibt es davon
– gedoppelt – eine DVD mit CD. Schade, dass die Stimmung des Steinways in San Sebastian etwas schwächelte (In + Out/in-akustik).

Die Sängerin und Pianistin Nina Simone mag nicht durchgängig als Jazzmusikerin wahrgenommen werden. Ihre frühen Aufnahmen aber sind Jazz reinsten Wassers, und ihre späteren engagierten Politsongs sind ohne die Quellen der afroamerikanischen Musik nicht denkbar. Zu Recht ist diese Diva mit der tiefen Altstimme eine Ikone der Black Music. Nachzuhören ist das auf der ausführlich kommentierten 3 CD-Box, To Be Free: The Nina Simone Story. Sie enthält dazu einen eigenwilligen Dokumentarfilm von 1970 auf DVD (Sony Music/ RCM Legacy).

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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