Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Johannes Ritter

Dorothee Oberlinger

Gemischtes Doppel

Die Wahl-Kölnerin Dorothee Oberlinger ist die Paganina der Blockflöte. Und auch auf ihrer neuen CD verleiht sie Georg Philipp Telemann wieder ungeahnte Flügel.

RONDO: Lange war es ja um den Ruf der Blockflöte nicht gerade bestens bestellt. Woher rührt ihre plötzliche Popularität?

Dorothee Oberlinger: Frans Brüggen hat das Instrument schon in den 60er Jahren wieder sehr populär gemacht!

RONDO: … von dem Sie sogar ein Poster im Jugendzimmer hängen hatten!

Oberlinger: (lacht …) Ja, das stimmt, er sah ja auch als junger Mann wirklich nicht schlecht aus! Und Brüggen hatte sehr viele gute Schüler. Ich habe auch bei einem von ihnen, Walter van Hauwe, studiert. Es scheint aber schon zutreffend zu sein, dass die Blockflöte nun eine größere Aufmerksamkeit erlangt hat – nicht nur durch mich, auch durch Kollegen wie z.B. Maurice Steger oder Giovanni Antonini.

RONDO: Der Alte Musik-Boom war sicherlich hilfreich.

Oberlinger: Eindeutig. So laden etwa Festivals, die vorher auf das klassische und romantische Repertoire gesetzt haben, schon seit Längerem verstärkt Barockensembles ein, und hier spielt die Blockflöte natürlich häufig eine wichtige Rolle. Wobei sie nicht nur ein Instrument der Alten Musik oder Barockmusik ist, sondern auch eines der Moderne. In der Zeit des Barock war die Blockflöte eher eine Flauto dolce, ein süßes, sanftes Instrument, das in den berückendsten Momenten, die von existenziellen Dingen wie Tod oder Liebe handelten, zum Einsatz kam. In der Neuen Musik kann sie durchaus auch extrem herbe klingen!

RONDO: Auf einigen Ihrer 100 Barockblockflöten haben Sie jetzt Ihre immerhin schon fünfte Telemann-CD eingespielt – darunter drei Doppelkonzerte. Woher rührt dieser musikalische Appetit auf einen Komponisten, der zu Lebzeiten ein Star war und heute doch weiterhin verkannt wird?

Oberlinger: Georg Philipp Telemann konnte der Musik verschiedene Gewänder anlegen. Er war in allen Stilen zu Hause, dem italienischen, französischen, deutschen und im osteuropäischen Stil. Diese Vielfalt, von Johann Joachim Quantz „vermischter Geschmack“ genannt, ist das Tolle an Telemann. Seine Musik ist nicht nur gefällig und unterhaltsam und somit etwas für den Kenner wie für den Liebhaber. Sie ist extrem rhetorisch und affektreich, und sie singt, auch ohne Worte. Sein berühmter Satz „Das Singen ist das Fundament aller Dinge“ bringt das auf den Punkt.

Dorothee Oberlinger ist Ensembleleiterin, Professorin, Intendantin – und Zauberin auf der Blockflöte

RONDO: Auf der Blockflöte war Telemann Autodidakt. Trotzdem hat er sie glänzend in Szene setzen können.

Oberlinger: Bei ihm kann sie sehr virtuos, fast geigerisch auftrumpfen. Auf der anderen Seite ist sie bei ihm dann wieder wie eine Gesangsdiva. Das eigentlich Faszinierende ist aber vielleicht die ungemeine Vielfalt seiner Motivik. Er reiht unglaublich viele kleine Einfälle mit unerwarteten Wendungen fast wie bei einem Flickenteppich aneinander.

RONDO: Neben Solo-Karriere und der Professur für Blockflöte mit Leitung der Alte-Musik-Abteilung an der Salzburger Universität Mozarteum sind Sie in Köln auch im Vorstand der Kölner Gesellschaft für Alte Musik, die 2012 das Zentrum für Alte Musik (ZAMUS) mit ins Leben gerufen hat. Warum war die Gründung eines solches Zentrums in Köln nötig, das ja als Nabel der deutschen Alte-Musik- Szene gilt?

Oberlinger: Ich finde, dass die Alte-Musik- Szene genauso unterstützungswürdig ist, wie etwa die großen Orchester. Viele Jahre wurde die freie Szene, auch die der Alten Musik, stiefmütterlich behandelt. Köln hatte und hat hier deutschlandweit bei weitem die meisten Akteure! Daher finde ich es fabelhaft, dass man mit der Gründung des ZAMUS durch die Hilfe von Geldgebern wie der Stadt Köln und dem Land NRW der Kölner Szene ein Zuhause gegeben hat. In den Räumlichkeiten des ZAMUS gibt es Probenmöglichkeiten, man kann auf Leihinstrumente zurückgreifen, es gibt dort Konzertreihen und Vorträge und einmal im Jahr wird das Kölner Fest für Alte Musik ausgerichtet. So wird die Kölner Alte Musik in ihrer Heimatstadt wesentlich sichtbarer, und das wurde nun auch mal wirklich Zeit!

Georg Philipp Telemann

Doppelkonzerte, Suite a-Moll

Dorothee Oberlinger, Ensemble 1700

dhm/Sony


Flöten-Showdown

Georg Philipp Telemanns musikalischer Appetit war so grenzenlos, dass er sich autodidaktisch quer durch die große Instrumentenfamilie spielte – angefangen von der Flöte, das Chalumeau und die Oboe über die Gambe bis hin zur Posaune. Und seine Neugier spiegelte sich ebenfalls in Konzerten für ungewöhnliche Besetzungen wider. Eins dieser „exotischen“ Doppelkonzerte hat auch Dorothee Oberlinger aufgenommen. Es ist das Konzert für Block- und Traversflöte. Denn dieser Kombination begegnet man in der Barockmusik so gut wie gar nicht. Der besondere Reiz aber ist, dass Telemann erst die gute alte Blockflöte gegen das neue Modeinstrument, die Traversflöte ins musikalische Rennen schickte – um sie schließlich gemeinsam brillant über die Ziellinie fliegen zu lassen.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hörtest

Telemann: "Nouveaux Quatuors"

Beim Höflichkeitsbesuch an der Seine wird Georg Philipp Telemann von seinem Weltruhm eingeholt. […]
zum Artikel »

Pasticcio

Herr über 5000 Instrumente

Meldungen und Meinungen aus der Musikwelt

Das zur Leipziger Universität gehörende Museum für Musikinstrumente zählt zu den weltweit […]
zum Artikel »




Top