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(c) Mattias Creutzinger

Jubiläumsjahr 2014

Strauss entspannt

Christian Thielemann über „Elektra“ und das Richard-Strauss-Jahr an der Semperoper Dresden.

RONDO: Herr Thielemann, wie viel von Richard Strauss als Privatperson steckt in „Elektra“?

Christian Thielemann: Mehr als man glaubt. Man muss bedenken, dass Strauss zuhause eine ähnliche Über-Frau hatte wie diejenigen, um die es in „Elektra“ geht. Pauline Strauss war eine dominante Frau. Auf die Frage, wie er die burschikosen Umgangsformen seiner Ehefrau aushalte, soll Strauss geantwortet haben: „Ich brauch’ das.“

RONDO: Im Gespräch mit Karajan sagte Strauss über „Elektra“: „Sie nehmen das alles viel zu genau. Rühren Sie nur einfach ordentlich drin rum!“ Hatte Strauss Recht?

Thielemann: Nein, auch bei Strauss reicht es nicht, rumzurühren. Ich glaube, dass sich bei Strauss hinter einer gewissen, lustspielhaften Attitüde immer ein komplizierter Charakter verbarg. Allerdings ist „Elektra“ tatsächlich eine Spur leichtfertiger und spielerischer als man denkt. Es ist wie beim „Tatort“. Wenn das Luder in „Salome“ zur Strecke gebracht wird, freuen wir uns. Die Bösen kriegen ihr Fett weg. Auch bei „Elektra“.

RONDO: Kein ernstes Stück!?

Thielemann: Ernst schon, aber nicht so ernst wie bei Wagner. Strauss will immer dazu anleiten, mit einem gewissen Augenzwinkern zu musizieren. „Elektra“, finde ich, wird heute oftmals zu schwer genommen.

RONDO: 2014 feiert man Strauss’ 150. Geburtstag – auch an der Dresdner Semperoper. Wer braucht ein Strauss-Jubiläumsjahr?

Thielemann: Ich brauch’s nicht, eigentlich. Andererseits glaube ich, dass Strauss selbst das sehr unverbiestert gesehen hätte. Er war auch Geschäftsmann. Wir sind, wenn wir ein Strauss- Jahr feiern, ganz auf der Linie des Komponisten. Ich empfehle: Sehen wir es ‚straussisch‘ entspannt!

RONDO: Sind Sie, da Sie ein berühmter Wagner-Dirigent sind, automatisch ein guter Strauss-Dirigent?

Thielemann: Unsinn! Das wird nur immer gesagt. Es wäre genauso falsch wie die Ansicht, wer Verdi gut dirigieren kann, kann auch Puccini. Es ist alles viel komplizierter. Das Einzige, was immer gleich bleibt, ist die Tatsache, dass ein Orchester bei Richard Strauss, egal wie man es macht, immer unverschämt gut klingt.

RONDO: Warum ist die Staatskapelle Dresden als Strauss-Orchester so besonders?

Thielemann: Durch Biegsamkeit, Flexibilität und Erfahrung. Die Staatskapelle Dresden rühmt sich tatsächlich einer gewissen Strauss-Kompetenz. Es ist ein Orchester, bei dem man als Dirigent oft gesagt bekommt: „Das machen wir hier so und so.“ Ausgeprägt ist die Begeisterung für Sänger. Der unaufdringliche Klang. Es ist ein süßer, aber nicht übersüßer Klang. Man hat ein Verständnis von Schlichtheit. Wenn ich den Musikern sage: „Haut doch mal richtig rein!“, dann schauen sie erst einmal unerfreut aus der Wäsche. Sie können es natürlich doch.

RONDO: Sie werden oft als „Kapellmeister“ tituliert. Hören Sie es gerne? Und was bedeutet es?

Thielemann: Es bedeutet: Handwerk, Handwerk und nochmals Handwerk. Und dann kommt vielleicht noch ein bisschen Inspiration mit dazu. Beim Nachwuchs ist der Kapellmeister leider nicht so sehr in Mode. Es gibt aber trotzdem welche, z. B. Franz Welser-Möst in Wien, Philippe Jordan in Paris und Antonio Pappano in London. Der Kapellmeister hängt ziemlich eng mit der Oper zusammen. Weil man dort sehr flexibel steuern und gegensteuern muss, sonst läuft alles unweigerlich auseinander. Ich bekenne mich zum Kapellmeister. Auf den scheinbar mangelnden Glamour dieses Typus pfeife ich.

RONDO: Sie achten sehr darauf, nicht zu häufig zu dirigieren. Was passiert mit Ihnen, wenn Sie zu viel machen?

Thielemann: Dann werde ich lust- und kraftlos. Der Körper meldet sich. Das habe ich schon in Berlin zu dosieren gelernt. Und werde immer noch selektiver. Ich dirigiere fast nur noch Orchester, die ich sehr gut kenne und mit denen es menschlich stimmt. Ich mache, wenn Sie mich fragen, immer noch zu viel.

RONDO: Musiker privat haben es meist am liebsten, wenn Ruhe herrscht. Sie auch?

Thielemann: Sehr richtig! Bei mir zuhause läuft nie Musik. Im Auto vielleicht mal Pop-Musik. Von Coldplay bis Madonna. Aber eher der Nachrichten- Kanal. In der „Schweigsamen Frau“ heißt es: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“ Strauss hat Recht.

Neun Sträusse

Richard Strauss in Dresden – ein Ideal! Dass bei der Staatskapelle an der Dresdner Semperoper ein hinreißender, historisch verbriefter Strauss gespielt wird, wird jeder gern bestätigen, der in der Semperoper jemals einen „Rosenkavalier“, eine „Arabella“ oder „Capriccio“ gehört hat. Der zart flimmernde, dezent beseelte und changierende Klang der Staatskapelle, der niemals laut wird, vermag Strauss zum Leuchten zu bringen, ohne ihn zu verstrahlen. Er hat Schmelz, ohne zu zerfließen. Und leichte Füße. In summa: kitschfrei und Kult!
Das liegt an der Historie. Schon Richard Wagner hatte die Staatskapelle Dresden bekanntlich seine „Wunderharfe“ genannt. Die Qualitäten eines Orchesters, das nie brachial spielt, passen großartig auch zum Klang bei Richard Strauss. So entwickelte sich Dresden zum wichtigsten Uraufführungsort zu Lebzeiten dieses Opernkomponisten.

9 von 15 Uraufführungen

Pionierarbeit leistete schon der heute weitgehend vergessene Ernst von Schuch. Ab 1901 sorgte er an der Hofoper für die Weltpremieren von „Feuersnot“ als Koproduktion mit den Dresdner Musikfestspielen, danach „Salome“ (1905), „Elektra“ (1909) und „Rosenkavalier“ (1911). Eine verblüffende Serie. Damit nicht genug. Der mit Strauss befreundete Fritz Busch brachte als Dresdner Generalmusikdirektor die Uraufführungen von „Intermezzo“ (1924 mit Lotte Lehmann) und „Ägyptische Helena“ (1928 mit Elisabeth Rethberg) heraus. Die ihm gewidmete „Arabella“ konnte Busch 1933 nicht mehr dirigieren. Man hatte ihn ins Exil vertrieben.
Statt Busch widmeten sich nun Clemens Krauss und danach Karl Böhm weiteren Strauss-Uraufführungen („Die schweigsame Frau“ 1935, „Daphne“ 1938). Mit dem Ergebnis, dass neun von insgesamt 15 Strauss- Opern für Dresden geschrieben und hier erstmals aufgeführt wurden. Auf eine derart profunde Deutungshoheit kann nicht einmal Bayreuth bei Wagner pochen.
Aus Anlass des 150. Geburtstages von Richard Strauss, der am 11. Juni 1864 in München geboren wurde, eröffnet man im Januar in Gestalt von „Elektra“ unter Christian Thielemann: mit dem ‚härtesten‘ Werk des Komponisten. Schon unter Leitung Karl Böhms produzierten die Dresdner einst die wohl beste Studio-Aufnahme des Werkes (1960 mit Inge Borkh, Jean Madeira und Dietrich Fischer- Dieskau). Jetzt inszeniert die Zürcher Schauspiel-Intendantin Barbara Frey den Atriden-Schocker. Es ist erst ihre zweite Oper (nach „Jenùfa“ 2009 an der Bayerischen Staatsoper). Mit Waltraud Meier (Klytämnestra), Evelyn Herlitzius (Elektra) und Anne Schwanewilms (Chrysothemis) verfügt sie über ein derzeit unschlagbar erscheinendes Damen-Trio. Just am Geburtstag des Jubilars erklingen mit Nina Stemme, Anja Harteros und Camilla Nylund als Solistinnen unter der Leitung von Christian Thielemann Ausschnitte aus den neun Dresdner Strauss-Opern – sicher ein Höhepunkt des Konzert- Programms der Sächsischen Staatskapelle.
Konsequenterweise feiert man in Dresden das Strauss-Jahr gleich in zwei aufeinanderfolgenden Spielzeiten. 2013/14 verdient neben „Elektra“ und einem konzertanten „Guntram“ (dirigiert von Barenboim-Schüler Omer Meir Wellber), einer wiederaufgenommenen „Ariadne“ (Regie: Marco Arturo Marelli) und Peter Mussbachs „Salome“ zunächst vor allem die halbszenische Aufführung des zumeist übersehenen Frühwerks „Feuersnot“ im Schlosshof der Dresdner Residenz Aufmerksamkeit (eine Koproduktion mit den Dresdner Musikfestspielen). Außerdem widmet man dem Meister mit „Legenden“ eine Ballett- Hommage (unter Verwendung der „Josephs- Legende“). Neben Stijn Celis wird mit Alexei Ratmansky einer der international gefragtesten Choreografen eine Neukreation für das Semperoper Ballett schaffen – und erstmals in Deutschland arbeiten.

Zwei Jahre Dresden im Strauss-Taumel

Und so geht der Strauss-Taumel in der darauffolgenden Saison 2014/15 weiter. Dann wird Thielemanns zu den Osterfestspielen in Salzburg herausgebrachte „Arabella“ nach Dresden übernommen – in der Premierenbesetzung mit Renée Fleming und Thomas Hampson (Regie: Florentine Klepper). Ebenfalls mit Fleming und Thielemann folgt „Capriccio“. Auch „Daphne“ und „Elektra“ kehren zurück. Für den „Rosenkavalier“ unter Thielemann schließlich steht eine Neubesetzung mit Anja Harteros als Marschallin ins Haus.
Viele Aufführungen werden zu kleinen Zyklen gebündelt. Mit neun „Sträussen“ entspricht die Zahl der Produktionen genau derjenigen der Strauss-Uraufführungen in der Stadt: Eine echt Dresdner Jubiläumsfeier also.


Das Strauss-Jubiläum 2014 an der Dresdner Semperoper (Highlights)

19.1. Elektra (Thielemann, Frey; Meier, Herlitzius, Schwanewilms, Pape)

23.2. Guntram (Meir Wellber; Zeppenfeld, Owens, Butter, Müller)

9.3. Ariadne auf Naxos (Meir Wellber, Marelli; Owens, Petrick, Senator, Fritz Dorn)

21.3. Salome (Meister, Mussbach; Müller, Vaughn, Sunnegårdh, Tómasson)

7.6. Feuersnot (Klingele; Müller, Eder, Willis- Sørensen)

11.6. Sonderkonzert der Staatskapelle Dresden (Ausschnitte aus 9 Strauss-Opern: Thielemann; Stemme, Harteros, Nylund)

28.6. Legenden – Ballettabend (Connelly, Ratmansky & Celis; Semperoper Ballett)


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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