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Kaufhaus statt Kartoffel: Eröffnung des „Mariinsky II“

St. Petersburg (RU)

Theatertechnik auf der Höhe der Zeit im prestigeträchtigsten kulturellen Neubau seit der Zarenära. 4000 Quadratmeter iranischer, von LED-Technik hinterleuchteter Onyx, brasilianischer Marmor, Buche aus Deutschland, ebenso die vibrierend warme Akustik. Nach innen gewandte Schlichtheit, doch zielsicheres Geltungsbewusstsein. Auf der Bühne Plácido Domingo, Anna Netrebko, der deutsche Bass René Pape und ein Vorabausschnitt aus Sasha Waltz’ neuem „Sace du printemps“, im Graben einer der führenden Dirigenten unserer Zeit. Das alles im größten, produktivsten Musiktheaterkomplex der Welt. Vor zwei Dekaden hätte solche harte Fakten in Russland keiner von einem Opernhaus zu träumen gewagt.
Eigentlich müsste gleich hinter dem Krjukov-Kanal in St. Petersburg das alte pistaziengrüne Mariinsky-Theater von einer Goldenen Kartoffel überragt werden. Eine solche hatte nämlich vor zehn Jahren der Architekt Dominique Perrault geplant. Es wurde aber eine Kaufhauskiste von dem Kanadier Jack Diamond, denn dem übermächtigen Musikzaren Valery Gergiev hatte der erste Entwurf nicht behagt. Und da er anschaffte und der andere Zar, sein Freund Vladmir Putin, zahlte, steht da jetzt zehnstöckig eine unproportioniert monströse Jurastein-, Stahl- und Glaskiste, die als Mariinsky II für über 534 Millionen Euro zu den teuersten Theaterbauten der Welt zählt.
An seinem 60. Geburtstag, 25 Jahre nachdem er hier angefangen hat und einen Tag nachdem er vom Präsidenten mit vier anderen zum „Held der Arbeit“ geadelt worden war (zum ersten Mal seit 20 Jahren wurde der einst stalinistische Titel wieder verliehen), eröffnete Gergiev in dessen Anwesenheit seine neueste Bühne mit einem so vergnüglich wie feinsinnig komponierten, die unhörbaren Fähigkeiten der deutschen Bühnentechnik vortrefflich ausspielenden Galaprogramm.
Valery Gergiev regiert nun über zwei Opernhäuser sowie den nahen, ebenfalls Musiktheater anbietenden Mariinsky Konzertsaal. Über 2500 Mitarbeiter herrscht er, allein das Orchester wird jetzt auf 250 feste Musiker aufgestockt, die vier Aufführungen gleichzeitig meistern sollen. 1000 Vorstellungen im Jahr sind geplant. Nur wer soll die alle besuchen?

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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