Startseite · Klang · Klavierklassiker

Klavierklassiker

Kulturanschlag auf die Anschlagskultur

Zu den schönsten Entdeckungen der letzten Jahre gehört die Kunst des Italieners Sergio Fiorentino. Dass sich allmählich das Bild eines ganz Großen aus dem Nebel herausschälte, verdanken wir dem deutschen Klavier-Archäologen Ernst Lumpe, der den weitgehend vergessenen Professor aus Neapel in den Neunzigerjahren zu Konzerten nach Deutschland einlud und einen goldenen Herbst später Studioaufnahmen anregte. Als Gegenbild dieses Spätstils sind nun die gesammelten Liszt-Einspielungen erschienen. Ein Gutteil dieser Aufnahmen entstand in den Sechzigerjahren im stilistischen Niemandsland, als die Front der Liszt-Verächter noch breit war und den donnernden Klavierlöwen das Terrain allein gehörte. Fiorentinos glasklare, athletisch-bewegte, im besten Sinne klassizistische Versionen müssen damals sehr einsam dagestanden haben. Heute sind sie geradezu ein Stilideal. (Fiorentino: Complete Liszt-Recordings Vol. 2, 6 CDs, Piano Classics).

Und noch eine Fiorentino-Zugabe, mit der sich ein neues Histo-Label präsentiert, hinter dem der geschätzte Kollege Christoph Schlüren steht. Aus dunklen Rundfunkquellen tauchte eine elegant durchlichtete Version des vierten Rachmaninow-Konzertes (1959) auf, die bei aller eingeschränkten Klangqualität den Vergleich mit Michelangeli nicht scheuen muss. Ein später live-Mitschnitt auf historischem Instrument – auch diesem Abenteuer stellte sich der neapolitanische Altmeister noch – ergänzt die liebevolle Publikation. (Fiorentino: Live In Concert On Érard, 2 CDs, Aldilà/Naxos)

Italien zum Dritten: Der 1974 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Dino Ciani ist in der Heimat eine Art Klavierheiliger, die zahlreichen von dort kommenden Konzertmitschnitte geben indes ein widersprüchliches Bild, und das gilt auch für diese in bester Italien-Manier etwas obskuren Tondokumente (Florenz 1970/71). Mit knetend-dickem Ton verfehlte „Children´s Corner“ nehmen ebenso wenig ein wie eine desaströs heruntergespielte Chopinsche „Barcarolle“. Aber Bartók! Wer spielt schon ein Heft des „Mikrokosmos“ im Konzert? Und trommelt nicht, sondern fächert einen klanglichen und idiomatischen Reichtum auf, bis ein regelrecht feuriges Konzertstück dabei herauskommt. Eine Hummelsche Sonate (op. 13) wird mit so viel Fleisch und Muskelwerk bepackt, dass sich ihr dünnes Blut erhitzt und geradezu verdickt, und auch die Webersche As-Dur-Sonate, und das kann ein reichlich pompöses, geschwätziges Werk sein, reißt hin durch einen vollblütig-musikantischen Zugriff, über den er, fast unmerklich, ironisch zu lächeln scheint. (Dino Ciani: Weber, Debussy, Bartók, Hummel, Stradivarius/Note 1)

och Entdeckungen machen. Wer wäre nicht begeistert über den Fund eines kompletten RubinsteinProgramms in den BBC-Archiven! Vor allem, wenn die Einspielungen die bekannten Studioversionen sogar ein wenig überglänzen, wie im Fall der Beethovenschen Sonate op. 2/III. Es ist schwer zu beschreiben, wie es Rubinstein gelingt, den auftrumpfend-unpersönlichen Tonfall des Kopfsatzes in eine individuell wirkende Sprache zu verwandeln, gewichtig und gelassen. Unerhört der lange Atem, mit dem er das Largo aussingt, und auch der Finale-Eingang klingt einmal nicht nach Steak-Klopfen, sondern farbig und beschwingt. Zum Niederknien! (Rubinstein: Beethoven, Ravel, Chopin – ICA/Naxos)

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 5 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Daniel Hope

Goldener Käfig Kalifornien

Wie überlebt man als Musiker, wenn man überlebt hat? Daniel Hope hat sich auf Spurensuche in die […]
zum Artikel »

Pasticcio

Kurzes Gastspiel

Anfang 2015 stellte die „Aargauer Zeitung“ in einer Konzertbesprechung gleich in der […]
zum Artikel »




Top