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Fanfare

Man weiß nie, was man an der Ahnfrau des geigenden Fräuleinwunders mehr bewundern soll: das Können oder die Disziplin, mit der sie sich ihre Figur und den großzügig präsentierten Oberkörper erhält. Trotzdem hat es AnneSophie Mutter stets geschafft, dass nichts von ihrem Spiel ablenkt, vor allem wenn sie Moderne spielt. Wie jetzt „Chain II“ von Witold Lutosławski zur Eröffnung des Berliner Musikfests.
Szenenwechsel, ein paar Tage später: Die Primadonna verliert ihre Unschuld und steigt hinab in die feuchtwarme Höhle des berliner Asphalt-Clubs. Ob das ein verspätetes Geschenk zum 50. Geburtstag der Unberührbaren ist, oder nur die üblich flankierende Werbemaßnahme für die neue Dvořák-CD im Rahmen der Marketing-Reihe Yellow Lounge für den urban chillenden Klassiknovizen?
Die Zuhörer sind dramatisch jünger, und sie ist viel näher dran. Die Mutter bleibt beim Kleid, schwarz ist es, aber sie nutzt zum ersten Mal Tüllträger! Die Haare sind wild gewuschelt, fast verrucht sieht sie aus. Sie spricht sogar: «Hallo Leute!» Dann spielt sie mit makellos sattem Ton zwei Ungarische Tänze von Brahms und als CD-Teaser die Dvořák-Romanze. Und entschwindet. Eine Fata Morgana. Ob was bleibt? Sie hat verlauten lassen, ups, sie möchte es wieder tun, will noch mal zur Yellow Lounge. Ob mit oder ohne Träger, darüber rätseln wir.
Sie war aber schon das einzig Aufregende am berliner Musikfest. Das will zum Saisonauftakt die in rascher Folge von anderen Festivals einfliegenden internationalen Orchester präsentieren, die in Berlin sonst schmerzlich fehlen. Zwingt sie aber unter eine thematische Knute, die meist nicht über das Abfeiern der anstehenden Musikjubilare hinauskommt, die oft auch schon anderweitig viel gespielt wurden. Dieses Jahr waren das die 100-jährigen Benjamin Britten und Witold Lutosławski, dazu gab es Schostakowitsch, Janáček und Bartók. Mit der Folge, dass es selbst bei dem wunderbaren Mariss Jansons mit seinem bR-Symphonieorchester höchstens dreiviertelvoll war.
Ja, Berlin, wir waren froh, nach über 5000 selbstgefahrenen Festspielkilometern im Sommer mal ein paar Wochen in der Hauptstadt verbringen zu können. Und hatten viel Spaß mit einem neuen Programm der Geschwister Pfister. Die fuhren mit ihrem wohlfühlig-harmoniesüchtelnden „Wie wär’s, wie wär’s?“-Schlager-KomPottpourri zum Überwinterungsurlaub. Und zwar als gesetztes Ehepaar mit Anhang, wie in den Sechziger Jahren, über den Brenner und zu den kleinen Italienern. In der Toskana angekommen, verwandelte sich das Trio im Ristorante in die Schunkelstars von gestern, die KesslerZwillinge, Karel Gott, Cindy und Bert. Aber wo andere mit einem lustigleichten Gern-SingAbend nur nach der tränenfeuchten Nostalgiespeckseite werfen würden, wölbt sich bei den Pfisters meist ein doppelter Entertainmentboden, denn hier sitzt die Ironie in jeder Polyesterfalte.
Die Deutsche oper berlin ist eine Baustelle, zudem wird eben aus Anlass des 200. Geburtstags das Verdi-Repertoire saniert. Das geht dann so: Hans Neuenfels’ 13 Jahre alte, durchaus kontroverse, aber sehr individuelle „Nabucco“-Inszenierung muss raus („die mögen unsere Abonnenten nicht“), dafür gibt es die Oper gleich neu, mit Keith Warner, dem herumreisenden Regiekonfektionär. Warner konkretisiert, aber er bezieht keine Stellung und dekoriert so doch nur inhaltsfrei. Wenigstens war die akustische Seite so erfreulich ausgeglichen wie geschmackvoll.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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