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Café Imperial

Auch im lästerfreundlichen Österreich sieht man es gerne, wenn die handelnden Personen einer Operette erwartbar „auf die Schnauze fallen“ (so würde man es in Deutschland nennen). Richard Heubergers „opernball“ ist dafür die genau richtige Kreuzung aus „Fledermaus“ und „Così fan tutte“: Zwei zweifelnde Ehefrauen locken ihre Männer in eine hinterrücks aufgestellte Treue-Falle. Naturgemäß in Gestalt eines die Sitten lockernden, die Séparées verschließenden Ballvergnügens. Mit Ausnüchterung im 3. Akt.
In der Sommerarena des legendären Operetten-Kurorts baden (bei Wien), wo man über gleich zwei historische Spielstätten verfügt, wird darüber so laut gelacht wie lange nicht mehr. Dafür sorgt nicht nur Heubergers Meisterwerk aus der Spätzeit der goldenen Amüsier-Ära. Heuberger, Nachfolger von Eduard Hanslick als Musikkritiker der „Neuen Freien Presse“, hatte keine geringen Ansprüche: Er wollte eine Operette auf „Tristan“- Niveau schaffen! Vor allem braucht man FachKomiker von echtestem Schrot und Korn. Die versammelt man hier in Baden – in den Nebenrollen! Der gedrungene Josef Forstner in der Hans Moser-Rolle als Oberkellner, Heinz Zuber als gefoppter Onkel, Gabriele Kridl als klauendes süßes Mädel und die unverwüstliche Edith Leyrer als Ehe-Dragoner (freilich mit der schmalsten Taille auf weiter Flur): Sie leisten in der Kunst des Pointenpflückens ein Äußerstes. So dass sich Julia Koci (Hortense) und die übrigen Verwicklungs-Hauptdarsteller gelassen austricksen lassen können.
Man lernt, warum solche Werke sonst immer auf Grund laufen. Sie brauchen ein Ensemble aus abgefeimten Spezialkräften, das man so dicht nur noch in den entlegenen Zentren von Jux und Dollerei findet. Kaum noch in Wien. Aber bei Wien!
Schon der Wiener Theaterkritiker Hans Weigel meinte, die Österreicher seien „mehr dreivierteltakt-voll als taktvoll“. So gesehen, könnte die Bezeichnung von Renée Fleming als „Madame Crème double“ durchaus in Wien entstanden sein. Beziehungsweise doch nicht! Denn natürlich müsste es dann – in Anlehnung an die Doppelrahmstufe ihres Soprans – eher heißen: „Madame Schlagobers“. Nachdem ich sie vor einiger Zeit schwerbepackt mit Lidl-Tüten den Ring überqueren sah, halte ich übrigens alles für möglich. Im Oktober kehrt Renée Fleming als Marschallin in Otto Schenks altem „Rosenkavalier“ (ab 20.10.) an die Wiener Staatsoper zurück. Wer dafür extra anreist, kann unter Umständen noch die neue „Fanciulla del West“ (Premiere: 5.10. mit Nina Stemme und Jonas Kaufmann) mitnehmen. Oder einen Repertoire- „Maskenball“ mit Sondra Radvanovsky (ab 7.11.). In Fragen der Inszenierungsmode mag die Wiener Staatsoper nicht gerade avantgarde sein (wie Gérard Mortier unlängst bemängelte). Die Alltags-Besetzungen aber bieten, was gut und teuer ist. Nicht unbedingt originell, aber – gemessen am weltweiten Angebot – sehr verlässlich.
Das größere Wagnis geht wieder einmal die Volksoper ein: mit Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ (bis 18.10.). In Chicago wurde das Grusical vor einigen Jahren mit Bryn Terfel besetzt, in London mit Thomas Allen. Seit Tim Burton einen recht erfolgreichen Film mit Johnny Depp danach drehte, gilt die Geschichte über eine kannibalistische Pie-Bäckerin in London nicht mehr als pures Kassengift. Wie auch immer: Es ist zweifellos ein Meisterwerk – und wird nicht so bald wiederkehren.
Im Musikverein dirigiert derweil Herbert Blomstedt die Wiener Philharmoniker mit Bruckners Fünfter (12./13.10.). Weitere Höhepunkte sind der Brahms-Zyklus von Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester Leipzig (4.–7.11.). Und – wow! – ein Duo-Abend von Martha Argerich und Gidon Kremer (18.11.). Im Konzerthaus trägt voraussichtlich der Schumann-Fauré-Widmann-Liederabend von Christian Gerhaher die Krone davon (23.10.). Auffällig auch eine konzertante Aufführung von Berlioz’ „Les Troyens“ unter Valery Gergiev (mit Ekaterina Semenchuk).
Eine womöglich letzte Gelegenheit, Felicity Lott live zu erleben, ergibt sich am 19.11. im schönen Wiener Ehrbar-Saal. Die britische Sopranistin absolviert derzeit ihre Farewell-Tour.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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