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Pirouet Records

Groß im Under­statement

Trotz Katzenjammer in der Branche gründeten Ralph Bürklin und Jason Seizer Pirouet Records. In zehn Jahren hat es sich zum Top-­Label entwi­ckelt.

A m Anfang stand ein „wenn schon, denn schon“. Jason Seizer, Saxofonist, Absolvent des Konservatoriums im holländischen Hilversum und damals Leiter des Münchner Jazzclubs Unterfahrt, hatte im zum Studio ausgebauten Probenraum des Unternehmers und Saxofonisten Ralph Bürklin eine Platte eingespielt und wollte die Aufnahme – wie dies allgemein üblich ist – verschiedenen Firmen zur Veröffentlichung anbieten. Da widersprach Bürklin: Wenn Seizer hinter der Aufnahme stehe, sollte er alle Rechte behalten und die Scheibe selbst veröffentlichen.
Aus dieser Bemerkung entwickelte sich das Konzept für ein Label. Dieses, legten beide fest, brauchte ein klares Profil: nicht Masse, sondern Klasse – musikalisch, aufnahmetechnisch und optisch. In den Worten von Seizer: „Die Leute sollten wissen: Wenn sie eine Pirouet-Produktion kaufen, hören sie gute Musik.“
Unter den vielen Musikern, die er im Club und während des Studiums kennen gelernt hatte, wählte Seizer eine Handvoll Kollegen aus, die im akustischen Jazz wurzelten, über einen eigenen Stil verfügten und mit klaren, melodieorientierten Strukturen musizierten. „Es lohnt sich nicht, Demos an Pirouet zu senden“, sagt er. Da nur acht Produktionen pro Jahr geplant sind, erspare er sich das tagelange Anhören: „Lieber gehe ich auf Leute zu, die ich kenne.“ Die Pianisten Marc Copland, Bill Carrothers, Pablo Held und Hubert Nuss zählen zu diesem handverlesenen Kreis, außerdem der Komponist Jürgen Friedrich, der Gitarrist John Abercrombie, der Bassist Henning Sieverts, der Trompeter Tim Hagans, der Schlagzeuger Bill Stewart – allesamt Künstler, die „eine musikalische Integrität haben und bei denen es sich lohnt, mit ihnen einen Weg zu verfolgen.“
Konstanz, Können und Ausdauer zählen für Seizer, und nicht das Marktschreierische, Laute. Diesem Ideal entsprechen auch die Cover: Ein ruhiges Motiv füllt fast die gesamte Fläche, umrahmt von einem weißen Rand, rechts unten das Wort Pirouet und dort, wo das Bild Platz lässt, der Name der Band und der Titel der Produktion. „Wir wollten von Anfang an eine Marke etablieren“, sagt Seizer, „und dazu braucht es ein Corporate Design.“ Am Mischpult ist er ein Meister der Präzision, der sehr feinfühlig auf Nuancen achtet und sie unaufdringlich abbildet. „Ich versuche immer, der Musik gerecht zu werden“, sagt er. „Ich schaue, wie ich die Feinheiten der Musik herausbringen kann, ohne ihr meinen Stempel aufzudrücken.“ Die zehnjährige Labelgeschichte gibt ihm Recht, und wenn das Label Ende 2013 ein neues Studio in größeren Räumen eröffnet, sollen die Möglichkeiten noch besser werden.

Reprise

Ben van Gelder

Pirouet/edel

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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