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Musik-Krimi

Folge 2: Doktor Stradivari und die geheimnisvolle Händel-Handschrift.

Guten Abend, Herr Doktor“, sagte der Butler, der die Tür der Villa geöffnet hatte. „Sie werden erwartet.“ Baron von Hochstetten kam Doktor Stradivari auf der geschwungenen Treppe entgegen. Er war erst Mitte zwanzig. Vor einem Jahr hatte er so viel Geld geerbt, dass es ihm kaum gelang, es auszugeben. Seine Leidenschaft war das Sammeln: Oldtimer, Gemälde, Antiquitäten, Musikinstrumente und vieles mehr. Doktor Stradivari beriet ihn gelegentlich dabei. Der Baron war in vielem schrecklich naiv.
„Schauen Sie sich an, was mir angeboten wurde“, rief der Baron enthusiastisch. In seinem Arbeitszimmer bediente er eine Taste seines Laptops, das auf dem mit Intarsien verzierten Barockschreibtisch leicht deplatziert wirkte. Eine eingescannte handgeschriebene Partiturseite erschien. Stradivari erkannte Georg Friedrich Händels Handschrift. Oben stand in schwungvollen Buchstaben „Rinaldo“. Stradivari kannte die Oper natürlich. Zu sehen waren die ersten Takte der Ouvertüre.
„Es ist ein bisher unbekanntes Manuskript von Händels erster Londoner Oper“, erklärte der Baron. „Der Verkäufer sitzt in den USA. Er hat mir vertraulich zur Ansicht die erste Seite geschickt. Dazu das Gutachten eines amerikanischen Experten.“ Er strahlte. „Na, ist das eine Sensation?“
„Allerdings“, sagte Stradivari. Oben rechts neben dem Titel hatte der Komponist seinen Namen hinterlassen. Die Signatur sah echt aus. Darunter stand ein Ortsname und eine Jahreszahl, die ebenfalls der Komponist vermerkt hatte: Venedig, 1711. Stradivari überlegte. Händel hatte in jungen Jahren Erfolge in Italien gefeiert und dort Ideen für viele spätere Werke niedergeschrieben. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Kapellmeister in Hannover war er dann nach London gegangen. Und hatte dort seinen „Rinaldo“ auf die Bühne gebracht.
„Das Manuskript wurde erst vor zwei Monaten entdeckt“, sagte der Baron. „Drei Millionen soll die Partitur kosten.“ Stradivari betrachtete die Noten. Was da stand, war der getragene Beginn der Ouvertüre, kein Zweifel. Er sah sich noch einmal alle Details an und schüttelte den Kopf. „Lassen Sie die Finger davon, Baron.“ „Was? Aber wieso?“ „Man will Sie reinlegen. Der amerikanische Gutachter versteht von Händel nichts. Vielleicht steckt er sogar mit dem Verkäufer unter einer Decke. Die Handschrift nachzumachen müsste mit dem Computer möglich sein.“ Er sah von Hochstetten an. „Ihre Leidenschaft für Ankäufe wertvoller Dinge hat sich wohl bis in die USA herumgesprochen und Betrüger auf den Plan gerufen. Das hier dürfte eine Fälschung sein.“ http://www.oliverbuslau.de/start.cms


Auflösung aus Magazin 01/2013: Der von Herrn Vollrath beschriebene Sonatenanfang passt vielleicht zur „Mondscheinsonate“, auf keinen Fall jedoch zu Sonate op. 10/I.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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