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(c) Christoph Weiß

Archiv Schönborn

Vivaldi in Wiesent­heid

Aus einem mittelfränkischen Notenarchiv fördern Musiker venezianische Kostbarkeiten: Der einsti­ge Fürst hatte einen fortschrittlichen Geschmack – und internationale Beziehungen. Ein Reise­bericht.

"Nächste Ausfahrt rechts“, flötet das Navi. Soso: In diese urfränkische Gegend mit ihren fett belaubten waldigen Höhen und zwiebeligen Kirchturmspitzen hat Antonio Vivaldi also seine Musikalien geschickt. Wiesentheid heißt der kleine Ort, den wir als Ziel eingegeben haben. Denn dort, in der Musikaliensammlung des barocken Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn-Wiesentheid, soll sich die Auswahl von Konzerten und Sonaten des Venezianers noch immer befinden. Und offenbar sind sie nicht allein – denn immer öfter kann man den Namen des Städtchens auf Covern und Booklets der verschiedensten Einspielungen barocker Musik lesen. Ein Nachfahre des damaligen Musiksammlers residiert auch noch vor Ort: Graf Paul von Schönborn-Wiesentheid. Und heute erwartet er uns.
Doch trotz unserer Neugier nerven wir das Navi mit einem Umweg. „Wenn Sie noch Zeit haben, dann machen sie vorher einen Schlenker über Schloss Weißenstein in Pommersfelden“, hatte man uns nämlich geraten. Ein guter Hinweis, denn die mächtige Sommerresidenz des Grafen mit ihrem triumphierenden Waffenschmuck erinnert uns in typisch barocker Unbescheidenheit daran, dass die Wiesentheider Schönborns trotz der idyllischen ländlichen Umgebung nicht zu den unbedeutendsten Mitgliedern des weitverzweigten Adelsgeschlechts gehören. Das 1718 vollendete Schloss erbten sie allerdings von ihrem Onkel Lothar Franz, der als Kurfürst und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches einer der wichtigsten Strippenzieher des Kaisers war. Unter der straffen Regie der mit barocker Farbenfreude geschminkten Fremdenführerin bestaunen wir das theaterartige Treppenhaus, lugen in den gerade in Renovierung befindlichen Marmorsaal und sputen uns, damit wir in der 600 Bilder umfassenden größten privaten Barockgemäldesammlung Deutschlands wenigstens ein paar der Van Dycks, Rubens und Gentileschis unsere Aufwartung machen können.
Geradezu klein und altmodisch sieht im Vergleich das Schloss Wiesentheid aus, wo sich – 30 Autominuten später – der Hausherr mit einem schlichten „Schönborn“ zu erkennen gibt. Die musikalische Schatzkammer, in die uns der Graf führt, ist ein dunkler und etwas verkramt wirkender Raum mit alten Büromöbeln. Doch es bedarf lediglich eines kurzen Blicks in den gedruckten Katalog – und nur einen Handgriff später haben wir die gestochen klar geschriebene Abschrift eines Cellokonzerts von Antonio Vivaldi vor uns liegen. Gemeinsam mit sieben weiteren Cellokonzerten des venezianischen Teufelsgeigers gehört das allein hier überlieferte Unikat zu den Kronjuwelen der Sammlung.

Wie geht man um mit so einem Schatz?

Dass diese kostbaren Manuskripte ihren Weg in die entlegene Reichsgrafschaft fanden, ist kein Zufall. Es hat vielmehr mit einer glücklichen Mischung aus Musik- und Italienbegeisterung des gräflichen Urahnen Rudolf Franz Erwein zu tun, erklärt Peter Stingel, der die Sammlung gegenüber Verwertern und der Öffentlichkeit vertritt. Rudolf Franz Erwein, der von 1677 bis 1754 lebte, sei ein begeisterter Cellist gewesen – übrigens ein durchaus fortschrittlicher Zug, denn im Gegensatz zur Violine wurde das Cello damals erst langsam als virtuoses Soloinstrument entdeckt. Ebenso wie seine ebenfalls musikalischen Brüder genoss der Graf einen Teil seiner Ausbildung in Italien: Er studierte am „musikbetonten“ Collegium Germanicum in Rom und lernte bedeutende Komponisten wie Arcangelo Corelli persönlich kennen. Nach seiner Rückkehr suchte Rudolf Franz Erwein den musikalischen Kontakt nach Italien aufrechtzuerhalten. Dabei halfen ihm auch die diplomatischen Verbindungen, die sein Bruder, der Fürstbischof von Würzburg, nach Venedig unterhielt: Über sie ließ er sich direkt aus der Quelle mit Abschriften von Cellokompositionen Antonio Vivaldis versorgen.
Doch so wichtig und marktgängig der Name Vivaldi auch sein mag – seine Werke machen nur die Spitze des musikalischen Eisbergs aus, der sich im Schönbornschen Archiv verbirgt. Etwa 500 Manuskripte und 150 Drucke umfasse die barocke Kernsammlung, sagt Stingel. Einzigartig ist das Repertoire für Cello, das der Graf zusammentrug: Er sammelte nämlich nicht nur zeitgenössische Konzerte, Sonaten und Kammermusik, sondern auch Vokalwerke mit obligaten Partien für sein Instrument und zeigte sogar historisches Interesse an alten Drucken mit Cellomusik. Zugleich versuchte er, sich einen Überblick über alle Genres der damals aktuellen Musik zu verschaffen. Zu fast jedem seinerzeit angesehenen Komponisten könnte Graf Schönborn ein zeitgenössisches Manuskript aus dem Schrank ziehen – mal im schlichten Pappdeckel, mal mit kostbarem Leder eingebunden und mal mit Widmung versehen. Auch wenn bedeutende deutsche Komponisten wie Bach oder Telemann (dessen Oper „Orpheus“ hier sogar exklusiv erhalten ist) vertreten sind, geben doch die Italiener den Ton an. Rudolf Franz Erweins Interesse galt dabei auch der teuer bezahlten Elite italienischer Musiker, die in Deutschland wirkten. Einen der besten von ihnen konnte er quasi direkt vor seiner Haustür erleben – nämlich den vielseitigen Giovanni Benedetto Platti, der in der Würzburger Residenz tätig war und nach dem Tode des Fürstbischofs für ein paar Jahre in Wiesentheid wirkte. Ein Glücksfall: Denn nur auf diese Weise hat sich ein Großteil von Plattis Œuvre erhalten.
Wie geht man um mit so einem Schatz? „Als ich den Betrieb hier übernommen habe, war mir der Stellenwert gar nicht so bekannt“, gibt Graf Schönborn zu: „Ich bin da nach und nach hineingewachsen.“ Zunächst ging es dem in den USA ausgebildeten Land- und Betriebswirt vor allem um die musikalischen Sommerakademien auf Schloss Weißenstein, die sein Vater schon 1958 initiierte: „In diesen vier Wochen hat man dann von morgens bis abends Musik um die Ohren und überall, wo Platz und eine Tür offen ist, steht jemand drin und probt.“ Doch mit der Entwicklung der historischen Aufführungspraxis zum Mainstream stieg auch die Zahl der Aufnahmen und Notenausgaben, die auf Material aus Wiesentheid basieren. Für einen Schub in der Aufmerksamkeit der Sammlung sorgten dabei besonders die Einspielungen von Werken Plattis, im konzertanten Bereich etwa durch die Akademie für Alte Musik Berlin oder im Bereich der Kammermusik durch die inzwischen drei CDs umfassenden, feinfühligen Interpretationen mit dem Barockcellisten Sebastian Hess. Peter Stingel glaubt, unter Musikern ein neues Interesse an den Zwischentönen zwischen Barock und früher Klassik zu entdecken, die in dem Repertoire der Sammlung häufig vorkommen. Den Umgang mit seinem Musikalienschatz will Schönborn nicht mehr bloß passiv verfolgen, sondern aktiv gestalten.
Dabei gehe es allerdings nicht um den wirtschaftlichen Nutzen, betont der Graf. „Geld verdienen kann man damit nicht“. Sein Interesse bestehe vielmehr darin, die Sammlung als Sammlung erkennbar zu machen: mit einer eigenen Website, aber auch mit Hinweisen auf CD-Covern sowie in Notenausgaben und Booklets. Hilfreich fürs Marketing der Schönbornschen Güter dürfte das Pochen auf diese Rechte wohl dennoch sein. Dass in der Information über die Quelle der Musikstücke auch ein Mehrwert für den Hörer stecke, ist aber ebenso wahr. Und wenn es nur das Vergnügen ist, bei Vivaldi an ein fränkisches Schloss zu denken.

www.schoenborn.de

Antonio Vivaldi, Giovanni Benedetto Platti u.a.

Progetto Vivaldi Vol. 3

Sol Gabetta, Cappella Gabetta, Andres Gabetta

Sony


Nie verkehrt: Mut zur Fantasie

Die jüngste Veröffentlichung mit Repertoire aus der Musikaliensammlung des Grafen Schönborn ist die dritte Ausgabe von Sol Gabettas „Progetto Vivaldi“. Schon in Vol. 2 kombinierte die argentinische Cellistin Konzerte von Vivaldi mit Musik von Giovanni Benedetto Platti – und auch dieses Mal ist der Komponist der gräflichen Kapelle mit zwei Konzerten mit von der Partie. „Die Musik von Platti ist wahrscheinlich eine von den besten überhaupt“, ist Gabetta überzeugt: „Ich empfinde diese Musik viel tiefer als viele andere Stücke von Vivaldi.“ Denn Platti habe es nicht nur geschafft, mit neuen, sondern auch mit archaischen Stilmitteln modern zu wirken: „Seine Musik ist zum Beispiel oft kontrapunktisch – das war für die Zeit eine totale Überraschung! Denn mit Kontrapunkt hat man eigentlich gar nicht mehr gearbeitet.“ Zu Platti sind noch zwei weitere Italiener hinzugekommen, die in dem gräflichen Archiv prominent vertreten sind. Eine Weltersteinspielung sei das Cellokonzert des Würzburger Hofkapellmeisters Fortunato Chelleri (1687–1757), dessen Vorfahren aus Deutschland stammten: „Der zweite Satz ist sensationell – das erinnert mich an eine Händelarie – und trotzdem ist es eine ganz eigene Farbe.“ Das Konzert von Andrea Zani (1696– 1757), der unter anderem am Wiener Kaiserhof wirkte, fordere vom Solisten Mut zu kreativer Fantasie, sagt Gabetta: „Denn es gibt keine Bezeichnungen, nichts! Wir haben es zunächst in drei verschiedenen Tempi aufgenommen. Und ich habe erfahren, dass man eigentlich nichts Falsches machen kann, solange man man selbst ist und spürt, dass die Musik ehrlich rüberkommt: Sie können es sehr ornamentiert machen, sehr kompliziert, sehr virtuos oder Sie können es ganz einfach schlicht spielen. Das befreit meine eigene Person als Interpretin!“


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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