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Berliner Philharmoniker

Trip to Australia

Premiere nach 128 Jahren: Auf ihrer ersten Australien- Tournee erobern Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker den Kontinent im Sturm. RONDO-Autor Jörg Königsdorf war dabei, als das berühmteste Orchester der Welt in Sydneys Opernhaus gefeiert wurde und sprach mit Sir Simon über seine Eindrücke von dieser Reise.

Das Gruppenbild muss sein. Nachher werden die Berliner Philharmoniker wieder Mahler und Rachmaninow spielen, doch jetzt haben sie sich erstmal auf der Freitreppe von Sydneys Opernhaus versammelt. Natürlich so, dass auch die karnevalskappenartigen Giebel mit aufs Bild kommen, die den Bau des dänischen Architekten Jørn Utzon zum berühmtesten Bauwerk Australiens gemacht haben. Denn schließlich gilt es, einen historischen Augenblick festzuhalten: Zum ersten Mal überhaupt haben die Berliner auf dieser Tournee australischen Boden betreten, und nach zwei Konzerten in der Bergbau-Boomtown Perth an der Westküste haben sie jetzt auch das Publikum in Sydney im Sturm genommen.
Ein bisschen scheinen Rattle und seine Musiker bei jedem der vier Konzerte noch überrascht, was für ein tosender Jubel da über sie hereinbricht – als wäre für die Leute hier etwas in Erfüllung gegangen, worauf sie schon lange gewartet hatten. Und als sei der Besuch der Berliner nicht nur irgendein Gastspiel, sondern auch ein Signal, dass die drüben in Europa ihre ausgewanderten Cousins Down Under nicht vergessen haben. Tatsächlich spürt man sofort, dass an diesen Abenden in Sydney etwas Besonderes in der Luft liegt: Anders als auf der ersten Tourstation im Luxus-Emirat Abu Dhabi, wo das Philharmoniker-Konzert eher ein eingekaufter Luxusartikel gewesen war, scheint das Publikum hier jede Note aufzusaugen wie verdurstende Pflanzen einen Platzregen. Und jeden Abend stehen etliche Besucher noch lange auf der Terrasse des Opernhauses mit seinem traumhaften Ausblick über den Hafen und reden davon, dass sie diese Stunden nie vergessen werden.
Was schon erstaunlich ist. Denn auch wenn die eigentliche Kulturhauptstadt Australiens das südlicher gelegene Melbourne ist, hat auch die Fünf-Millionen-Stadt Sydney eigentlich alles, was eine Klassik-Metropole braucht. Der Utzon-Bau, unter dessen spitzen Schalengiebeln sich mehrere Säle verbergen, ist natürlich der Big Player. Seit 1973 logiert hier die Australian Opera, auch das Nationalballett und das derzeit von Vladimir Ashkenazy geleitete Sydney Symphony Orchestra sind hier zu Hause. Doch daneben gibt es auch noch die 1999 eröffnete Recital Hall mit einer ausgezeichneten Akustik zu entdecken, in der fast täglich hochrangige Kammermusik stattfindet – wenn das derzeit erfolgreichste Ensemble des Kontinents, das fabelhafte Australian Chamber Orchestra, in Sydney Station macht, gastiert es hier und füllt jedes Mal locker das 1250-Plätze-Haus.
Das ist ein vielfältigeres Klassik-Angebot, als etliche andere Metropolen zu bieten haben. Aber vielleicht ist gerade das der Grund für die überschwängliche Begeisterung, die die Philharmoniker hier auslösen. Dass sie hier auf ein Publikum treffen, das genau weiß, was es da bekommt – nämlich einen Sound, wie ihn derzeit wohl weltweit kein anderes Orchester veränhinkriegt. Denn fast wirkt es, als hätten sich Rattle und seine Berliner die Fernreise im eigens gecharterten Luxus-Jumbo als Belohnung für das gegönnt, was sie in den letzten Jahren zusammen erreicht haben.
In Sydneys Opernhaus, dessen großer Konzertsaal akustisch durchaus der Berliner Philharmonie ähnelt, zeigen die Philharmoniker das Ergebnis der letzten acht Jahre Umbauarbeit: Der makellose, hell schimmernde Karajan- Sound, den Kritiker bereits verloren wähnten, ist nicht nur wieder da, er ist sogar noch geschmeidiger geworden. Hauchzarte, schwerelose Pianissimo-Töne der Streicher in Mahlers »Titan«, organisches, warmes Strömen bei Brahms’ Zweiter, den geschliffenen Kristall-Ton für Bergs Jugendstil- Eisblumen und die trockenen Pointen für eine Haydn-Sinfonie – die Philharmoniker können jetzt mit Rattle einfach alles. Und die nächsten Orchester, die nach Australien kommen, werden es nicht einfach haben.

Australien ohne Kängurus. Interview mit Simon Rattle

RONDO: Sir Simon, bei den Philharmoniker- Konzerten in Sydney schien etwas Besonderes in der Luft zu liegen – eine Spannung, als hätten die Leute Jahrzehnte auf diesen Augenblick gewartet. Wie empfanden Sie das auf dem Podium?

Simon Rattle: Hier muss wohl gerade Vollmond gewesen sein – das war ein echtes Vollmond-Publikum, auch was den Lärmpegel während der Konzerte anging. Das war eine spezielle Erfahrung. Nicht so wie in Berlin, wo einem die Huster manchmal zeigen, dass das Publikum mit einem Werk Probleme hat. Es war ganz anders: Das Publikum hat einfach noch nicht gelernt, leise zu sein, aber dennoch war die Konzentration enorm. Und gleichzeitig haben wir sofort die Herzlichkeit und die Offenheit gespürt, die uns hier entgegengebracht wurden.

RONDO: Wenn man sich das tägliche Leben in Australien anschaut, hat man allerdings nicht den Eindruck, dass klassische Musik eine große Rolle spielt.

Rattle: Natürlich sind wir keine Football Player, deshalb waren wir ja auch so überrascht über den Empfang, den uns die Australier bereitet haben. Aber es kommt nicht nur darauf an, die Masse zu begeistern, als Solti und sein Chicago Symphony Orchestra hier Mahler gespielt haben, war das auch ein Riesenerfolg. Doch für ein paar Dutzend Menschen war es mehr: ein Erlebnis, das ihr ganzes Leben von Grund auf verändert hat. Das ist genauso wichtig – ich denke da an mein eigenes Urerlebnis, als ich zum ersten Mal mit Ende 20 die Wiener Philharmoniker hörte. Das hat meine Idee von Klang völlig verändert und mir zum ersten Mal die Idee von Musik als einer Wellenbewegung vermittelt. Und vielleicht ist uns hier ja auch so etwas gelungen.

RONDO: Sie sind jetzt acht Jahre an der Spitze der Berliner Philharmoniker. Klingt das Orchester jetzt so, wie Sie es sich 2002 vorgenommen hatten?

Rattle: Ein Orchester dieser Qualität entscheidet letztlich selbst, in welche Richtung es sich entwickelt. Das ist wie ein großer Fluss, der sich seinen Weg bahnt. Da schwimme ich mit wie jeder andere auch. Wenn ich manchmal mit geschlossenen Augen bei einem Philharmoniker-Konzert im Publikum sitze, denke ich an diese unglaublichen Fischschwärme auf den Malediven: An einem guten Abend spüre ich da das gleiche organische Gefühl für die gemeinsame Bewegung, bei der sich der einzelne Spieler völlig in der Gruppe auflöst und man nur noch die pure Musik als große Welle wahrnimmt. Und gleichzeitig kommen dann von einzelnen Spielern spontan im Konzert Dinge, denen die ganze Gruppe völlig organisch folgt. So etwas zu lernen braucht natürlich Zeit. Dazu muss man sich kennen und einander vertrauen. RONDO: Welche Eindrücke nehmen Sie aus Australien mit? Rattle: Das Licht! Und der Fisch! Leute, esst Fisch, wenn ihr hier seid! An unserem ersten Abend in Sydney habe ich hier so gut gegessen wie nur ganz selten in meinem Leben. Das war auf seine Art genauso eine Kunstausstellung wie die Fotos von Annie Leibowitz, die ich mir hier angeschaut habe, weil ich in Berlin nicht dazu gekommen bin. Verrückt!

RONDO: Und die Kängurus? Die Koalas?

Rattle: Weder noch. Magdalena hat mich schon gefragt: »Soll das heißen, Du hast die ganze Reise gemacht, ohne ein einziges Känguru oder einen Koala zu sehen?« Aber es hat sich einfach nicht ergeben. Auch weil ich hier alte Freunde und Verwandte besucht habe, die das nicht für so wichtig hielten. Ein Venezianer bringt einen ja auch nicht zum Taubengucken auf den Markusplatz. Aber das hole ich beim nächsten Mal nach!

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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