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Les Troyens in der Deutschen Oper

Schlachteplatte Berlioz

Erstmals seit 1930 ist in Berlin Berlioz’ gigantisches Epos »Les Troyens« wieder auf der Bühne zu erleben. Robert Fraunholzer war für RONDO in der Premiere, die gleichzeitig den Einstand des neuen GMD Donald Runnicles darstellte.

Sieg für die Trojaner. Wo immer die fünfstündige Schlachteplatte »Les Troyens « von Hector Berlioz bislang serviert wurde, gab sich das Publikum meist geschlagen. Haupterkenntnis: Erschöpfung. In Berlin wählte jetzt Donald Runnicles den Antiken-Showdown für seinen Einstand als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper. Die Berliner lieben doppelte Portionen. Und siehe: Die All-you-can-sing-Schlacht gelang.
Berlioz war es, der parallel zu Wagner die Klangfarbe neu in die Musikgeschichte einführte. Seinen »Trojanern« (uraufgeführt nach dem Tod des Komponisten) sagt man gern »Ring«-ähnliche Züge nach. Berlioz jedoch konzipierte sein Untergangsepos nicht wie Wagner als sinistre, antibürgerliche Gegenwelt mit Erlösungspointe. Sondern als pomphaft repräsentativen Großsalon von ausladender, kalter Pracht. Berlioz, ein antiwagnerischer Parallel-Wagner. In Berlin war das seit Leo Blech im Jahre 1930 (mit Frida Leider, Karin Branzell und Helge Roswaenge) nicht mehr zu sehen. Regisseur David Pountney, inzwischen auch zahmer geworden, gelingt eine Aufführung, die aussieht wie eine nachgelassene Arbeit von Götz Friedrich. Symbole geben das Bild fürs Ganze: hier vor allem ein gigantischer Trojanischer Pferdekopf (Bühne: Johan Engels). Dazu Kissenlandschaften und halbnacktes Aerobic. Fehlen eigentlich nur die Pulswärmer, und das Selbsterfahrungs-Jahrzehnt wäre komplett. Bloß: Pountney, sonst Chef der Bregenzer Seebühne, weiß mit Breitwandformaten immerhin umzugehen. Neben die abgewrackt mythische Welt des untergehenden Troja (samt strumpfstrickender Kassandra) baut er ein Kathargo, wo man mit Seifenblasen jongliert und Flower-Power-Utopien ausprobiert werden. Zur Liebesillusion des einkehrenden Aeneas passt das ganz gut. Man mag die Inszenierung ›old fashioned‹ nennen. Sie ist es.
Petra Lang als Kassandra ist mit ihrer Rolle gut gereift (ohne ihr Französisch allerdings verbessert zu haben). Ian Storey, steifer Heldentenor, klingt matt, guttural und doch durchsetzungsfähig. Béatrice Uria-Monzon in der Hauptrolle der Dido kommt mit weinrot glutendem Mezzo wohltuend nicht von Wagner her, sondern von Massenet und dem mittelleichten, französischen Fach. Markus Brück, in Berlin wohlbekannt, hat man kaum je besser gehört. Vor allem natürlich sind die »Trojaner« eine Chor-Oper. Die vielgelobte Truppe der Deutschen Oper wackelt anfangs, nutzt danach aber ihre Chance mit Aplomb (Einstudierung: William Spaulding).
Obwohl das Orchester der Deutschen Oper hörbar an diesen Stoff gewöhnt werden muss, bildet es unter Leitung seines neuen Chefs erstmals seit Jahren wieder den Motor einer Aufführung. Locker aufgeschlagen und doch vollsaftig im Klang, so wie Runnicles das liebt, wirkt das Werk auch ohne Kürzungen beinahe wie geliftet. Dass man unter traditionellen Voraussetzungen wie hier keine Revolution des Werkes (wie vor Jahren unter John Eliot Gardiner in Paris) erwarten darf, versteht sich. Dennoch stellt das Kraftpaket dieser Produktion dem Haus ein so vortreffliches Zeugnis aus, dass die oft angezweifelte, jetzt zu Ende gehende Ära von Intendantin Kirsten Harms rückblickend beinahe rund und golden erscheint. Innerlich saniert hat Harms ihr Haus ohnehin. Zehn Jahre nach dem Tod von Götz Friedrich steht die Deutsche Oper – und mit ihr die Opernhauptstadt als solche – endlich einmal einigermaßen glücklich da.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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