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Fanfare

Das Jahr ist um. Und wie stets, verbrachten wir sein Ende in jener Stadt, die musikalisch nun einmal das üppigste Angebot aufzuweisen hat. Die Berliner Philharmoniker hatten den Jungspund Gustavo Dudamel gewinnen können. Und Dudamel zeigte wieder einmal, was für ein musikantischer Prachtkerl er doch ist. Mit leichter und zugleich wie fiebrig bebender Hand geleitete er die gutgelaunten Philharmoniker schon zu Beginn dieses an Vergnügungen reichen Konzerts durch Berlioz‹ virtuose Ouvertüre »Le carnaval romain«, und auch in Camille Saint-Saëns‹ »Bacchanal« fühlten wir uns pudelwohl, bevor es dann aufs Tanzparkett ging, zu Manuel de Fallas »El sombrero de tres picos«. An Silvester selbst wählten wir, wie es schon gute Tradition ist, Beethovens Neunte mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und seinem Dirigenten Marek Janowski im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Und wir wurden reichlich belohnt. Denn es war, wie immer, ein eindrücklicher, hochgradig seriöser und bewegender Auftritt.
Gleichsam als Entrée figurierte ein Konzert zwei Tage zuvor am gleichen Ort. Fazil Say, dieser verrückte türkische Pianist, gab dort im Rahmen seiner Residency ein Klavier-Recital. Aber was heißt schon geben. Wie ein Derwisch tanzte er zwei Stunden über die Tasten und zwang uns in seinen Bann. Say spielt ja nicht einfach Klavier. Er exerziert es. Und wie er es tut, ist bemerkenswert. Denn nicht um technische Beherrschung des Objekts (also der Noten) geht es ihm, sondern um eine gleichermaßen intellektuelle wie emotionale Durchdringung des Stoffes. Schon Busonis Bearbeitung der berühmten Bach-Chaconne geriet so zu einem Vulkanausbruch (den übrigens der bedauernswerte Flügel leicht beschädigt überstand). Es folgte Beethovens »Sturm«-Sonate, und es folgte ein Orkan. Keiner hat den Kopfsatz bislang wilder und wütender durchmessen als Fazil Say. Man konnte förmlich spüren, wie den Menschen im Saal der Atem stockte. Und das ist in der Kunst, die sonst allzu gerne ins Kulinarisch-Gemütliche abdriftet, ja fürwahr nicht die schlechteste Wirkung, die ein Interpret zu erzeugen vermag. Nach der Pause spielte Say noch Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«. Und auch in diesem Zyklus zeigte er wieder, wie radikal-konsequent sein musikalisches Denken ist. Denn um schönen Klang, um schöne Bilder war es ihm nicht zu tun. Manche werden bei sich gedacht haben, ach, die vielen Fehler. Aber schon Artur Schnabel und Edwin Fischer langten oft und deftig daneben und waren doch unbestritten große Künstler.
Von Barrie Kosky und Calixto Bieito darf man das, mit aller gebotenen Vorsicht, wohl auch sagen. Beide sind, darin Fazil Say sehr ähnlich, extrem in ihren künstlerischen Aussagen, aber beide sind sie eben auch klug. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass nicht jede Regiearbeit gelingt. In beiden vorliegenden Fällen aber darf, ja muss man von einem Gelingen sprechen. Kosky inszenierte in Frankfurt am Main einen Doppelabend mit zwei Einaktern: vor der Pause Purcells »Dido and Aeneas« und hernach Béla Bartóks »Herzogs Blaubarts Burg«. Was die beiden Werke miteinander gemein haben? In beiden geht es um (unglückliche) Liebe. Beide fokussieren ihr Interesse auf eine intime Zweierkonstellation, die hierarchisch gemauert ist, betrüblicher Weise in beiden Fällen mit Nachteilen für die Frau. Wie Kosky die vertrackten Beziehungen für uns auflöste, darf genial genannt werden. Er versuchte nämlich erst gar nicht, Brücken zu bauen. Sondern zeigte uns zwei psychologische Studien von höchster Dichte. Und da auch die Musiker des Frankfurter Museumsorchesters höchste stilistische Wandelbarkeit offenbarten, erlebten wir einen äußerst spannenden, intelligenten Abend.
Von Frankfurt aus reisten wir dann nach München. Dort versuchte sich Bieito an der – neben Mozarts »Così« – wohl schwierigsten Oper überhaupt, an Beethovens »Fidelio«. Und siehe da, er fand eine Lösung, die nicht anders denn plausibel zu nennen ist. Denn das Dunkel, die grauenvolle Stille, die in dieser Oper herrscht, bevor die Freiheitsglocken bimmeln, ist ein Dunkel und ist eine Stille, die für alle gilt. Der Mensch im Labyrinth der Existenz. Eine wunderbare Lösung für die unlösbare Causa »Fidelio«. Auch gesungen wurde ansprechend: Jonas Kaufmann war ein viril strahlender Florestan, Anja Kampe eine profunde Leonore.
Von soviel geballter Lebensenergie noch leicht benebelt, fuhren wir, wie schon berichtet, nach Berlin. Und weil es dort so kalt war und wir nach drei Konzertbesuchen nicht schon wieder hinaus aufs Trottoir treten wollten, machten wir es uns am Neujahrstag in unserem Hotelzimmer gemütlich und verfolgten im Fernsehen das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Leitung von Franz Welser-Möst. Und als wir da so saßen und einen nach dem anderen Walzer im Geiste mittanzten, da dachten wir bei uns, dass es wohl doch besser sei, zu lachen als zu weinen. In diesem Sinne, mit herzlichen Grüßen
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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