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Martin Sauer

»Ich muss verstehen, was Künstler wollen«

Was passiert eigentlich im Aufnahmestudio? Welchen Anteil am Gelingen einer Einspielung hat der Tonmeister? RONDO-Autor Jörg Königsdorf hat einen der meistbeschäftigten Aufnahme- leiter der Klassikwelt dazu befragt: Der fünffache Grammy-Gewinner Martin Sauer arbeitet regelmäßig mit Künstlern wie Nikolaus Harnoncourt, Daniel Barenboim und René Jacobs zusammen.

RONDO: Herr Sauer, in Frankreich heißt Ihr Beruf ›directeur artistique‹, in England ›producer‹, in Deutschland ganz technisch ›Aufnahmeleiter‹ oder ›Tonmeister‹. Mit welchem Ausdruck können Sie sich am ehesten identifizieren?

Martin Sauer: Es gibt ja keine geschützte Bezeichnung für Tonmeister. An sich sage ich Tonmeister, auf meiner Visitenkarte steht Producer. Ich tue in der Tat von allem ein bisschen. Zu Zeiten von Walter Legge hat ein Produzent noch alles gemacht: sich Aufnahmen ausgedacht, sich um die Finanzierung gekümmert und dann auch noch selbst die Aufnahme gemacht. Ein bisschen gehöre ich noch zu dieser Sorte von Leuten. Schließlich steht nach jedem Projekt die Frage im Raum: Was machen wir als nächstes? Und dann muss man sich automatisch über Strategien und Kosten Gedanken machen. Ich merke allerdings, dass Künstler immer wieder erstaunt sind, wenn sie jemanden wie mich treffen, weil sie inzwischen normalerweise nur noch mit Marketing-Menschen zu tun haben. Wenn ein Künstler sich alle zwei Jahre mit einer neuen Person auseinandersetzen muss, weil wieder umstrukturiert wurde, ist das für alle unbefriedigend. Deshalb gehen immer mehr große Künstler auch zu kleinen Labels: Weil sie dort eher auf Verständnis treffen.

RONDO: Sie nehmen heute gerade in Ihrem Teldex- Studio eine ungewöhnliche CD auf: Schuberts »Schwanengesang« und seine B-Dur-Sonate mit Matthias Goerne und Christoph Eschenbach. Ist das ein Beispiel für ein Projekt, das Sie mitgeplant haben?

Sauer: Nein, diese Kombination haben die beiden Künstler im Konzert gemacht und uns dann gefragt, ob sie das machen dürfen. Das ist zwar kein Programm, das man auf einer CD unbedingt erwartet, aber warum soll man deswegen nein sagen?

RONDO: Sind Ihre Aufnahmen ästhetisch Martin- Sauer-Produktionen?

Sauer: Nein. Das ist nicht meine Berufseinstellung. Der Aufnahmeleiter ist ein Diener an der Sache. Sein Einfluss ist zwar größer, als die meisten Konsumenten denken, aber es gibt keine Sauer-Ästhetik. Allerdings gibt es ein Klangbild, das an mir und meinen Kollegen hängt, aber das muss man an allem festmachen, auch am Saal und den Mikrophonen. Und an einer Art der Herangehensweise, die sich über die Jahre entwickelt hat. Der Aufnahmeleiter, der versucht, sein Ego zu pflegen, ist ein unglücklicher Mensch.

RONDO: Welche Rolle spielt Psychologie? Sie müssen ja ständig Künstler korrigieren. Das ist heikel.

Sauer: Für mich besteht der Beruf mehr noch aus Erfahrung und Einfühlungsvermögen als aus Psychologie. Ich muss verstehen, was Künstler wollen, und ihnen dabei helfen. Es geht ja nicht darum, den Künstlern zu sagen, wie sie spielen sollen. Obwohl auch das manchmal vorkommt: Gelegentlich muss man Künstler zu einer persönlichen Aussage führen, die sich auch auf CD mitteilt. Manchmal machen sie einfach das, was sie auch im Konzert spielen. Das geht in der Regel nicht, weil eine CD etwas ganz grundsätzlich anderes ist. In der Partitur stehen nun mal gewisse Dinge, die zu wichtig sind, um sie nur ungefähr zu machen. Das geht im Konzert, aber nicht auf CD. Und wenn ich dann Musikunterricht erteilen muss, wird’s natürlich heikel. Dann fühle ich mich selbst auch ziemlich unwohl.

RONDO: Ein solcher Anspruch wäre Interpreten wie Kempff oder Backhaus ziemlich fremd gewesen.

Sauer: Höchstwahrscheinlich. Aber wenn ich jetzt mit Eschenbach die B-Dur-Sonate aufnehme, fragt er auch ganz gezielt bei bestimmten Details, und das Ergebnis ist dann Resultat eines Prozesses. Ein Künstler wie René Jacobs erwartet sogar, dass ich meine Ideen einbringe und sage, was anders oder besser geht. Nehmen Sie zum Beispiel unsere »Zauberflöte«: Da stellt sich schon die Frage, welche Geräusche nimmt man dazu, was macht man mit dem Panoptikum von Dingen, die da in den Dialogen stehen. Da erwartet René Jacobs, dass man zu seinen Vorschlägen Stellung nimmt. Er war sogar anschließend noch mit dabei, als wir die Geräusche abgemischt haben. Eine Aufnahme ist nun mal eine künstliche Sache, die nichts mit einem Konzert zu tun hat. Sobald Musik aufgenommen wird, sind es Bits, kleine elektronische Einheiten, die durch Mikrofone gegangen sind. Und auch klanglich ist es doch nicht so, dass man die neunte Reihe im Konzertsaal als Maßstab nehmen kann – man muss den Klang schließlich wohnzimmerkompatibel machen. Insofern manipuliert man immer.

»Wenn Künstler heute Aufnahmen machen, sollten sie den Prozess lieben.«

RONDO: Ist die Akribie von Jacobs eigentlich ein Sonderfall?

Sauer: Jacobs ist jemand, der Aufnahmen und das Diskutieren darüber liebt. Aber Matthias Goerne ist auch ein unglaublich akribischer Arbeiter, der eine Phrase manchmal 20, 30 Mal singt, bis er mit allen Nuancen zufrieden ist, und der sich auch den Schnitt genauestens anhört. Wenn Künstler heute Aufnahmen machen, sollten sie den Prozess lieben.

RONDO: Glauben Sie, dass die Zahl der Vergleichsaufnahmen den Druck auf die Künstler erhöht hat?

Sauer: Ich glaube nicht, dass Künstler so funktionieren. Sie hören sich nicht zwanzig Fassungen an und sagen dann: Jetzt mache ich es besser. Sie kommen, wenn sie glauben, dass ihre Sicht eines Werkes aufnahmereif ist. Der Rest interessiert sie nicht.

RONDO: Und Sie? Verdrehen Sie nicht manchmal die Augen, wenn schon wieder jemand die »Winterreise« aufnehmen will?

Sauer: Gerade wenn ich alte – auch eigene – Aufnahmen anhöre, denke ich oft das Gegenteil. Es gibt heute genug großartige Künstler, man muss nur die richtigen Dinge mit ihnen aufnehmen. Es ist klar, dass die Lage auf dem Plattenmarkt schwierig ist, gerade für die Aufnahme unbekannteren Repertoires. Bei einer »Zauberflöte« ist das trotz der Fülle der Konkurrenzaufnahmen einfacher. Und eine Plattenfirma muss nun mal ihre Produkte verkaufen.

RONDO: Was machen Sie eigentlich, wenn eine Passage partout nicht klappt? Manche Künstler reagieren auf das Aufnahmelicht doch wie Kaninchen vor der Schlange.

Sauer: Die Künstler merken ja schnell, wenn etwas nicht geht, und sie wissen auch, dass die Stelle irgendwann klappen muss. Da kann ich ihnen auch nicht helfen, das müssen sie dann unter sich ausmachen. Dann sagt man: Ich gehe jetzt einen Kaffee trinken und hinterher habt ihr die Sache im Griff. Bei einem Sänger ist das natürlich schwieriger, weil er nicht acht Stunden hintereinander singen kann. Wenn es da hart auf hart kommt, muss eben noch ein weiterer Aufnahmetermin festgesetzt werden. Dass Künstler im Studio manchmal ganz anders spielen als in der Konzertsituation vor Publikum, kann man natürlich nicht ändern. Aber das hat auch sein Gutes, weil im Studio Sachen ausprobiert werden können, die im Konzert viel zu riskant sind.

RONDO: Ist technische Perfektion überhaupt so wichtig? Interpreten wie Artur Schnabel war es bei ihren Einspielungen wichtiger, dass der musikalische Sinn getroffen wurde.

Sauer: Das ist 50 Jahre her. Damals war Aufnehmen noch etwas völlig anderes als heute – geschnitten wurde nicht. Wenn ich heute solche Aufnahmen höre, sind sie musikalisch zwar eindrucksvoll, aber ich kann nicht feststellen, dass Nicht-Zusammensein, falsche Noten und unsaubere Intonation einen musikalischen Wert besitzen. Tut mir leid, aber vielleicht habe ich da eine ›déformation professionelle‹. Es würde ja heute auch niemand mehr mit einem Auto ohne Servolenkung oder Klimaanlage fahren. Und heutzutage kann man schneiden, falsche Töne und Geräusche entfernen, ohne das künstlerische Resultat zu vergewaltigen. Schneiden kann sogar sinnstiftend sein, man macht ja nicht nur etwas kaputt, sondern schafft gemeinsam mit dem Künstler etwas Neues und versucht, sich der Perfektion möglichst weit zu nähern. Der musikalische Sinn muss allerdings auch heute noch getroffen werden.

RONDO: Wie viele Aufnahmen machen Sie pro Jahr?

Sauer: Etwa 40. Viele für harmonia mundi, aber auch für Sony, Decca, Capriccio und Virgin. Und wenn die Sitzungen im Studio beendet sind, ist die Arbeit ja noch nicht vorbei. Es gibt keine Aufnahme, bei der ich nicht anschließend nochmal eingreife.

RONDO: Gibt es eigentlich einen Künstler, mit dem Sie unbedingt einmal aufnehmen möchten?

Sauer: Kein Künstler, sondern eher ein Werk. Ich liebe den »Rosenkavalier« und hatte in meiner Teldec-Zeit sogar schon eine Aufnahme mit Sinopoli und der Dresdner Staatskapelle vorbereitet. Aber dann starb Sinopoli, und ich habe das Projekt Carlos Kleiber angetragen – von ihm gab es ja keinen Studio-«Rosenkavalier“. Natürlich hat er nein gesagt. Aber seinen handschriftlichen Brief mit der Absage habe ich immer noch bei mir gerahmt zu Hause hängen.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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